Winterthur

Deshalb gehen sie früher

Einer zieht ins Ausland, eine schnallt den Gürtel enger, bis die AHV kommt. Vier ehemalige Angestellte der Stadt erzählen, warum Sie unter dem neuen Vorsorgemodell nicht weiterarbeiten wollten.

Diesen Herbst traten viele städtische Angestellte ihren letzten Gang durch die Drehtüre des Superblocks an. Foto: Marc Dahinden

Diesen Herbst traten viele städtische Angestellte ihren letzten Gang durch die Drehtüre des Superblocks an. Foto: Marc Dahinden

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Nach knapp zehn Jahren bei der Verwaltung verabschiedet sich A. in den vorzeitigen Ruhestand. Für ihn war das neue Vorsorgemodell, das ab Januar gilt und die Altersvorsorge für die Versicherten verschlechtert, der bekannte Tropfen zu viel: «Ich fühle mich nicht wertgeschätzt.

Es ist viel auf Kosten der Alten abgebaut worden», sagt der 61-Jährige und zählt auf: Da wäre das vor zwei Jahren überarbeitete Personalstatut, das jüngeren Mitarbeitenden eine zusätzliche Ferienwochen gab – auf Kosten des Dienstaltergeschenks.

 «Geht endlich, ihr seid zu teuer.»

Dann die Sache mit den Rotationsgewinnen: «Ein hässliches Wort.» Zwar setzte die Stadt die Lohndifferenz zwischen den älteren und tendenziell besser bezahlten Mitarbeitenden, die gehen, und den jungen Mitarbeitenden, die kommen, wiederum für Lohnerhöhungen ein. Doch die Botschaft, die bei A. ankam, lautete: «Geht endlich, ihr seid zu teuer.»

Und schliesslich ist da die marode Pensionskasse der Stadt Winterthur, die anfangs 2014 mit einer Unterdeckung in die Selbstständigkeit entlassen wurde und seither ein Sanierungsfall ist. Seit 2018 werden die Guthaben nur noch mit 0,5 statt wie vom Bund vorgeschrieben mit mindestens einem Prozent verzinst. Ab 2020 soll ein neues Vorsorgemodell die Pensionskasse finanziell wieder ins Lot bringen.

Allerdings hat der Grosse Gemeinderat den dazugehörigen 144-Millionen-Kredit im März abgelehnt. Was bleibt ist die schrittweise Senkung des Umwandlungssatzes, der die Höhe der jährlichen Altersrente bestimmt, von sechs auf fünf Prozent. Vorerst aufgeschoben ist eine Angleichung der Sparbeiträge, heute bezahlt die Stadt bis zu 72 Prozent. Gesetzlich vorgeschrieben ist, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber die Beiträge je zur Hälfte bezahlen. Der Entscheid, sich frühpensionieren zu lassen, fiel A. am Ende leicht: «Ich hätte noch zwei Jahre lang weiterarbeiten können und die gleiche Pension gehabt wie heute.»

Verlorenes Vertrauen

A. ist nicht der Einzige. Trotz Kompensationen kam es zu einer Kündigungswelle: «Ich sage Ihnen, ich habe noch nie so viele Pensionierungsschreiben unterschrieben wie in diesem Herbst», sagte Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) am Montag im Rat. Auf eine Anfrage am Tag danach erhielt der «Landbote» allerdings keine Antwort. Dies weil gleichzeitig eine schriftliche Anfrage aus dem Parlament einging, welche die Stadt zuerst beantworten will. Dafür hat sie drei Monate Zeit.

«Das Vertrauen der Mitarbeitenden in die Pensionskasse ist angeschlagen»

Gisela Basler, die die Pensionskasse noch bis Ende Jahr leitet, bestätigt einen «deutlichen» Anstieg von vorzeitigen Pensionierungen, will diesen aber ebenfalls nicht beziffern, weil die Zahlen noch nicht definitiv sind. Wegen des grossen ersten Schritts – im ersten Jahr sinkt der Umwandlungssatz von 6 auf 5,4 Prozent, in den vier Jahren danach um noch je 0,1 Prozent – komme die Welle nicht überraschend. Und das obwohl die Kasse für die Kompensationen 50 Millionen Franken zurückgestellt hat: «Sie sollten lediglich die Spitzen brechen. Es war klar, dass ein gewisser Prozentsatz trotzdem vorzeitig geht.»

Katrin Kaufmann, Präsidentin des Personalverbands, kennt auch keine konkreten Zahlen: «Wir haben aber gehört, dass es vor allem Angestellte in höheren Lohnklassen sind, die nun früher gehen», sagt sie. Den Mitarbeitenden mit kleinen PK-Sparguthaben hätten sie auf Anfrage geraten, so lange zu arbeiten wie sie können. «Das Vertrauen der Mitarbeitenden in die Pensionskasse ist angeschlagen», fasst Kaufmann die Stimmungslage zusammen. Und auch jenes in die Politik habe gelitten: So sieht sie im abgelehnten Kredit ein weiteres Zeichen dafür, dass der Grosse Gemeinderat nicht hinter den städtischen Angestellten stehe.

Ein paar Tausend weniger

Besonders deutlich wird dieser Vertrauensverlust bei B: «Man traut weder der AHV noch der PK. Und ich persönlich traue auch der Überbrückungsrente nicht», sagt der heute 62-Jährige, der bei der Stadt bei den Sozialen Diensten anfing, als das Rentenalter noch bei 63 Jahren lag. Er glaubt, dass diese über kurz oder lang abgeschafft werde.

«Wenn mir das noch Freude machen würde, wäre ich vielleicht geblieben.»

Für ihn persönlich hätte sich das Weiterarbeiten nicht gelohnt: «Wenn mir das noch immer Freude machen würde, wäre ich vielleicht geblieben.» Wie A. sagt auch B., dass die Stadt ein Interesse daran habe, dass die Leute früher gehen. Kathrin Howald, Sprecherin der Stadt, bestreitet dies: «Die Stadt hat kein ein Interesse daran, ältere Mitarbeitende zu verlieren.» Die Verwaltung sei auf deren Wissen und Erfahrung angewiesen.

C., der für das Departement Schule und Sport tätig war, hat sich die Frühpensionierung reiflich überlegt: «Durch das neue Vorsorgemodell würde ich pro Jahr ein paar tausend Franken verlieren», sagt der 62-Jährige. Nun wandert er zu seiner Familie aus: «In der Schweiz würde ich nur mit Pension und Überbrückungsrente nicht durchkommen», sagt er. Ausschlaggebend war für ihn am Ende die Unsicherheit: «Es wird sicher nicht besser, sondern höchstens noch schlechter.»

D., die bei den Sozialen Diensten war, ging schon im Frühling in die Frühpension – mit knapp 60 Jahren: «Bis ich gekündet habe, war es ein Hin und Her», sagt sie. Dafür sprach, dass ihr älterer Mann schon seit zwei Jahren pensioniert und die Hypothek aufs Haus bald abgezahlt ist.

Das neue Vorsorgemodell sei dann noch das Zünglein an der Waage gewesen: «Ich hatte das Vertrauen nicht mehr, dass die Rente, so wie sie auf dem Auszug steht, wirklich stimmt.» Die Einbusse sei gross: «Ich kann den Gürtel aber auch enger schnallen.» Ab nächstem Jahr müsse sie zudem noch AHV-Beiträge für Nichterwerbstätige zahlen. Der Verzicht auf Konsum falle ihr nicht schwer, bei den Ferien mache sie hingegen keine Abstriche: «Es bringt mehr, wenn wir die Zeit zusammen geniessen können.»

Erstellt: 13.12.2019, 18:07 Uhr

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