Winterthur

«Die Angst vor uns ist gross»

Sie will im nächsten März mächtigste Winterthurerin werden. Im Gespräch äussert sich Annetta Steiner über die «rückständige Familienpolitik des Stadtrats» und die beiden «Politblöcke».

«Michael Zeugin hatte das falsche Geschlecht»: Steiner will schaffen, was der GLP bisher nicht gelang.

«Michael Zeugin hatte das falsche Geschlecht»: Steiner will schaffen, was der GLP bisher nicht gelang. Bild: Marc Dahinden

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Frau Steiner, brauchten die Grünliberalen vier erfolglose Versuche von Männern,bis endlich eine Frau für den Stadtrat kandidiert?
Annetta Steiner: Die Grünliberalen haben immer sehr gute Kandidaten zur Wahl gestellt. Vielleicht hat aber eine Frau in der jetzigen Stadtratskonstellation tatsächlich mehr Chancen.

Wäre das auch bisher schon so gewesen?
Gut möglich. Als Michael Zeugin 2012 gegen Barbara Günthard-Maier antrat und unterlag, hatte er wohl einfach das falsche Geschlecht.

Weshalb haben Sie sich denn nicht schon länger in denVordergrund gedrängt?
Vordrängen ist oft nicht die Art der Frauen und die Entscheidung, für ein Regierungsamt anzutreten, musste über die Zeit reifen. Nun sehe ich mich dafür mit umso mehr Überzeugung als Stadträtin.

«Vordrängen ist nicht die Art der Frauen und die Entscheidung, für ein Regierungsamt anzutreten, musste über die Zeit reifen.» Annetta Steiner,
GLP-Stadtratskandidatin

Und als Stadtpräsidentin?
Ich mache mir nichts vor: Meine Chancen fürs Stadtpräsidium sind eher gering. Michael Künzle hat bisher eine breite Unterstützung gehabt. Mein primäres Ziel ist es, der Bevölkerung eine Alternative anzubieten.

Wie sieht diese aus?
Ich bin für Leute wählbar, die sich eine progressivere Stadtführung wünschen. Als Beispiel nenne ich den Entwurf zum städtischen Personalstatut. Dieser war vor unserer Intervention von einer rückständigen Familienpolitik geprägt. Kein Wort zum Beispiel von Teilzeitmöglichkeiten für Mütter und Väter. Aber genau bei solchen Themen muss die Stadt Gas geben, um am Arbeitsmarkt attraktiv zu bleiben.

Gleichzeitig planen die Grünliberalen bei der Sanierung der städtischen Pensionskasse, die Arbeitnehmer stärker zu belasten.
Dieser Formulierung kann ich so nicht zustimmen. Die Pensionskasse ist ein Riesenproblem, das der Stadtrat seit Jahrzehnten wie eine heisse Kartoffel vor sich herschiebt. Zentral wäre es, die Leute nicht mehr mit zu hohen Rentenversprechen, sprich zu hohen Zinsen auf ihrem Sparkapital, in die Pensionierung zu schicken, denn sonst müssen andere dafür aufkommen. Wir müssen uns von den Leistungen her anderen Kassen annähern, das ist nicht asozial, sondern schlicht eine Notwendigkeit für kommende Generationen.

Sie gelten als Sparpolitikerin. Weshalb braucht es Sie im Stadtrat, der bereits erfolgreich spart?
Jeder, der die Grünliberalen kennt, weiss, dass es keinesfalls einfach ums Sparen geht. Von linker Seite wird das bloss gerne so dargestellt. Dabei haben wir Grünliberalen nie bei den rechten Spielchen um lineare Sozialhilfekürzungen zulasten der Schwächsten in der Gesellschaft mitgemacht. Sparen macht keine Freude, aber wir haben kommenden Generationen gegenüber eine Verantwortung und dürfen deshalb nicht mehr Geld ausgeben, als wir haben.

Werden Sie von ausserhalbder GLP unterstützt?
Nein, bis jetzt nicht. Winterthur ist in einen rechten und einen linken Block aufgeteilt. Die beiden Blöcke sind an ihrem Machterhalt interessiert, deshalb ist die Angst vor uns gross. Unterstützung spürten wir bisher von keiner Partei. Aber das ist auch ein grosser Vorteil: Wir sind niemandem etwas schuldig, haben niemandem ein Versprechen abgelegt und können Entscheide fällen, welche aus unserer Sicht die besten für Winterthur sind.

«Mein primäres Ziel ist es, der Bevölkerung eine Alternative anzubieten.» Annetta Steiner,
GLP-Stadtratskandidatin

Sie allerdings lobbyieren stark für den Sport, arbeiten in der Geschäftsstelle des Unihockey-clubs Red Ants.
Der Sport ist mit seiner integrativen Wirkung wichtig für Winterthur und ich würde mich auch im Stadtrat dafür einsetzen, dass die Sportvereine gute Rahmenbedingungen vorfinden.

Was halten Sie eigentlich vom umstrittenen Entscheid des Stadtrats, Pfadi Winterthurfinanziell zu unterstützen?
Ich bin auch Pfadi-Fan, aber das war mit dieser Formulierung wirklich ein Sündenfall. Man hat so die anderen Vereine, welche ebenfalls gute Nachwuchsarbeit leisten, nur wütend gemacht. Pfadi war in Bezug auf die Infrastrukturkosten in den vergangenen Jahren gegenüber andern Sportarten im Nachteil. Ein Beitrag dafür wäre wesentlich gerechtfertigter gewesen.

Auch die neue Sportarena Win4 liegt Ihnen am Herzen. Sie sind Verwaltungsrätin und haben 1,25 Millionen in das Projektinvestiert. Was geschieht mit diesem Engagement, sollten Sie gewählt werden?
Ich habe das Geld geerbt und investiere es lieber in ein lokales innovatives Projekt als zum Beispiel in irgendwelche dubiosen Rohstoffaktien. Einen Rücktritt im Verwaltungsrat kann ich mir dann überlegen, wenn es aktuell ist.

Droht da nicht ein Rollen­konflikt?
Wie gesagt, ob ein Konflikt vorliegen könnte, müsste dann noch geklärt werden.

Wie gefällt Ihnen der Gedanke, dass ab März 2018 mit Ihnen und Corine Mauch zweilesbische Frauen die beiden grössten Zürcher Städtepräsidieren könnten?
Das wäre wirklich ein schöner Zufall, aber kein politisches Ziel. Es ist einfach schön, dass wir in einer liberalen Gesellschaft leben, in der so etwas möglich ist. Noch vor 20, 30 Jahren wäre daran ja nicht zu denken gewesen, mindestens nicht offen kommuniziert.

(Der Landbote)

Erstellt: 21.09.2017, 18:02 Uhr

Persönliches

Sportlerin, ­Ornithologin, Umweltfachfrau

Die GLP-Stadtratskandidatin Annetta Steiner wird im Oktober 53-jährig, ist seit 2010 Gemeinderätin, derzeit erste Vizepräsidentin des Rats, und ist in einem kleinen Pensum selbstständig tätig als Kommunikationsfachfrau für Umweltkampagnen.
Ursprünglich hatte sie Primarlehrerin gelernt und zwei Jahre auf dem Beruf gearbeitet, bevor sie sich weiterbildete. Vor ihrer Selbstständigkeit hat sie 17 Jahre lang bei der Umweltorganisation Pusch gearbeitet, der Stiftung Praktischer Umweltschutz Schweiz, die Gemeinden berät und Schulen weiterbildet. 13 Jahre wirkte sie in der Geschäftsleitung von Pusch, wo man sie in sehr guter Erinnerung hat.

Privat lebt Steiner mit ihrer Partnerin unweit der Altstadt. Sie ist Mitglied der reformierten Landeskirche. Ihre Freizeit verbringt Annetta Steiner laut eigener Darstellung gerne beim Bergsteigen und Biken, mit Gottenkindern beim Wandern und Zelten, mit dem Feldstecher auf Vogelschau oder auf Langlaufskiern am Engadiner Marathon.

Der Sport prägt Steiners Leben in vielerlei Hinsicht. Sie ist als Geschäftsführerin mit 40 Prozent angestellt in der Organisation von Red Ants Winterthur und war früher selber aktive leistungsorientierte Unihockeyspielerin. Sie sitzt auch im Verwaltungsrat der entstehenden Ballsportarena Win4 im Deutweg.

Steiner gehört im Gemeinderat nicht zu den Hinterbänklern, aber auch nicht zu jenen, die am Laufmeter Vorstösse einreichen. Elf hat sie als Erstunterzeichnerin in ihren sieben Parlamentsjahren verfasst, der letzte datiert vom Februar 2016: Sie sorgt sich um die Pensionskasse der Stadt respektive um die Forderung, dass erneut 60 Millionen Franken zur Sanierung nötig seien. Andere Vorstösse betreffen beispielsweise Veloabstellplätze, Biodiversität, Kunst und Natur am Bau oder auch «Froschleichen auf der Eschenbergstrasse». Auch in sämtliche Sporthallen-Volksinitiativen war sie involviert.

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