Faustball-WM

Die Faustball-Familie feiert

Winterthur ist Spielort einer Weltmeisterschaft – das gibt es nicht alle Tage. Dass Faustball eine Randsportart ist, zeigt sich am Eröffnungstag mehrfach. Doch genau das macht den Anlass so sympathisch. Starallüren hat hier niemand.

Die Faustball-WM in Winterthur ist am Sonntag mit einer Feier und ersten Spielen eröffnet worden. Video: CA-Media

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Die Haupttribüne ist fast bis auf den letzten Platz besetzt. Es ist laut im Stadion Schützenwiese. Ein Sponsor hat Kartons verteilt, die sich falten und als Lärminstrument nutzen lassen. Zudem wehen zahlreiche Schweizer Fahnen, selbst im 13. Stock des Sulzer-Hochhauses hängt eine.

Für die 18 Teams ist die Eröffnungsfeier mit Einlauf ins Stadion mit rund 3000 Zuschauerinnen und Zuschauern etwas Besonderes. Manch ein Spieler zückt das Handy und filmt das Publikum. Und der eine oder andere ruft seinen Angehörigen auf der Tribüne einen Gruss zu. Man kennt sich. In jeder Eröffnungsrede wird die Faustball-Familie beschworen.

«Crazy fistball family»

Reden gibt es einige. Den Start macht Stadtpräsident Michael Künzle, der wohl der Einzige im ganzen Stadion ist, der Krawatte trägt. Er begrüsst Ehrengäste, darunter der halbe Stadtrat, Zuschauende und Spieler auf Englisch: «Dear crazy fistball family.» Es folgt ein Loblied auf die Stadt, die Unterkünfte für jedes Budget biete und kurze Wege dank guter Erschliessung.

Auch Franco Giori, Präsident von Swiss Faustball, wendet sich an die Faustball-Familie. Er hoffe, dass die WM eine Initialzündung sei, um Faustball stärker zu fördern. OK-Präsident Toni Meier schliesslich dankt den rund 4000 Helferinnen und Helfern – selbstredend stammen die meisten aus der Faustball-Familie – die den Anlass erst möglich gemacht hätten: «Ihr habt in den letzten Monaten und Jahren grossartige Arbeit geleistet.»

Fans feuern ihr Team an

Sind Anlässe wie eine Fussball-WM auf die Minute getaktet, nimmt man es hier mit den Zeiten nicht so genau. Einmarsch, Reden und WM-Song dauern wohl etwas länger als vorgesehen, und so ist man mit dem Programm schon bald eine Viertelstunde im Rückstand. Zu stören scheint das niemanden. Der eine oder andere Fan nutzt die Reden, um sich auf dem Smartphone noch schnell über das aktuelle Resultat des Schwägalp-Schwinget zu informieren.

Und dann geht es endlich los mit dem Eröffnungsspiel Schweiz gegen Chile. Die Schweizer Fans sind zwar zahlenmässig klar in der Überzahl, doch bezüglich Lärmpegel hält das gute Dutzend chilenischer Fans auf der Haupttribüne gut mit. Es sind fast alles Familienmitglieder der zehn chilenischen Teammitglieder. «Bravo, Papa!», «Olé, Alvaro!», schallt es von den Plätzen.

Den Ball selber holen

Jeder Punkt wird von Jubel begleitet. Und als die Chilenen im dritten Satz kurz führen, steht der ganze chilenische Fanblock. Die Schweizer nehmen es etwas ruhiger. Es bleibt bei Applaus und Hopp-Schwiiz-Rufen. Doch im Publikum sitzen viele Experten. Manch einer kommentiert das Geschehen fachmännisch: «Jetzt isch er drundergloffe», «Ah, de gaht z wiit».

Was auffällt: Beim Faustball holen die Spieler oder gar die Schiedsrichter davonrollende Bälle selber wieder. Keine Balljungen, die an jeder Ecke lauern. Und die Cheerleaderinnen, welche die kurzen Pausen überbrücken, scheinen für die Teams eher ungewohnt. Der Schweizer Trainer jedenfalls läuft während einer Präsentation einfach durch die Formation.

Ein Erlebnis

Auch das Programmheft sorgt für einige Schmunzler. Warum nur posieren die Belgier auf ihrem Teamfoto mit einem Salami? Und wer sich schon über das WM-Maskottchen Üle, eine leicht verwirrt wirkende Eule, gewundert hat, erfährt im Heft mehr über dessen Entstehungsgeschichte. Schöpferin des Maskottchens ist Adéla, die Tochter des Schweizer Nationaltrainers Oliver Lang. Keine teure Werbeagentur kam zum Zug. Und Adéla ist es auch, die das Kostüm während der WM trägt. Das sei gar nicht so einfach, verrät sie im Heft: «Die Sicht im Kostüm ist ziemlich beschränkt.»

Dass die Kulisse mit recht vielen Fans auch für die Teams aussergewöhnlich ist, zeigt sich beim Siegerinterview mit dem Assistenztrainer Hanspeter Brigger. «Es isch huere geil gsi, liebi Fans», schwärmt er. Die Faustball-Familie dankt es mit Applaus.

Erstellt: 11.08.2019, 21:50 Uhr

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