Winterthur

Die ganze Familie boxt mit

Das Zürcher Projekt «Sportegration» bietet seit Anfang Jahr auch in Winterthur einen Sportkurs für Flüchtlinge an. Der frühere Thaibox-Champion Azem Maksutaj ist Gastgeber und Trainer.

Annina Largo und Sarah Becvarik im Boxkeller.

Annina Largo und Sarah Becvarik im Boxkeller. Bild: Madeleine Schoder

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist laut im Boxkeller, sehr laut. Aus den Boxen dröhnt Lady Gaga, und alle paar Minuten hämmert der elektronische Rundengong: Zeit für die nächste Übung, Springseilen, Rumpfbeugen, Liegestütz. Noch bevor die Boxhandschuhe zum Einsatz kommen, sind die T-Shirts durchgeschwitzt.

Im Trainingskeller des 14-fachen Kickbox-Weltmeisters Azem Maksutaj sind an diesem Mittwochabend mehr als zwanzig Personen zum Training erschienen, neun Männer, zwei Frauen und neun Kinder. Sie alle sind vor wenigen Jahren in die Schweiz gekommen, als Asylsuchende – manche machen zum ersten Mal im Leben Sport.

Mehr als zwanzig Personen sind zum Training erschienen. Bild: mas

«Das nächste Mal kommt meine Frau»

Die junge Zürcher Anwältin und Fitboxerin Annina Largo hat das Projekt Sportegration vor drei Jahren in Zürich gegründet, heute schaut sie sich das Training in Winterthur an. Sie hält die Polster, Pratzen genannt, vor ihr Gesicht und erklärt Melaku Ashebir, wohin er schlagen soll.

Der 36-jährige Äthiopier ist seit vier Jahren in der Schweiz und heute zum ersten Mal im Training. «Ich werde sicher wiederkommen», sagt er. Und nach kurzem Überlegen: «Wahrscheinlich kommt nächstes Mal meine Frau. Sie möchte auch trainieren und wir können uns abwechseln mit Kinderhüten.»

«Es gibt den Leuten Abwechslung, neue Kontakte und sie können Dampf ablassen.»


Viele haben den Nachwuchs einfach mitgenommen. Zwei Achtjährige schlagen und kicken begeistert gegen einen Sandsack, Mädchen spielen Fangen zwischen Hantelzone und Boxring. Die Stunde erinnert teilweise mehr an ein Familienturnen als an einen Kampfsportkurs. Verbissene Mienen sieht man nicht, die meisten Teilnehmer sind Anfänger und stark mit sich selbst beschäftigt: Wie benutzt man ein Springseil? Welches Bein soll nach vorne? Wie hart darf ich zuschlagen?

Als Sarah Becvarik vor einem Jahr von Sportegration hörte und in Zürich bei einem Training dabei war, war ihr klar, dass sie das in Winterthur auch anbieten will. «Die Leute sind extrem dankbar», sagt sie. «Es gibt ihnen Abwechslung, neue Kontakte und sie können Dampf ablassen.»

Warum ausgerechnet Kampfsport?

Dass nun ausgerechnet Kickboxen trainiert werde, sei ein Zufall. «Ich hatte bei verschiedenen Sportarten angefragt, von Schwimmen bis Yoga, aber Azem hat als Erster zugesagt.» Der Hausherr, dessen Siegespokale den Eingangsbereich schmücken, leitet die Trainings meist persönlich. «Das ist eine Herzensangelegenheit für mich. Als ich 1990 in die Schweiz kam, ging es mir wie diesen Menschen. Ich erkenne mich in ihnen wieder.»

Als junger Mann habe ihm der Sport geholfen, seine Energie in gute Wege zu leiten. Auch die Wut. Auf die Leute, die sein Dorf niedergebrannt, die Familien vertrieben hatten. «Nach dem Training war ich müde und zufrieden», sagt er. Dass Kampfsport junge Männer zu Gewalt animiert, sei ein Klischee, das falsch sei. «Wer sich auf der Strasse prügelt, fliegt bei uns sofort raus», sagt Maksutaj. «Diese Regeln bringen wir all unseren Schülern bei.» Von solchen Fällen wissen aber weder er noch Annina Largo. «In drei Jahren gab es keinen einzigen Vorfall», sagt sie.

Frauen und Männer trainieren zusammen

Die meisten der 16 Sportegration-Kurse in Zürich sind gemischt, wie der in Winterthur. «Viele Kulturen haben wenig Berührungsängste, gerade für Frauen aus Eritrea, Somalia oder Sri Lanka ist Sport in gemischten Gruppen nichts Besonderes», sagt Annina Largo. Strenggläubige Musliminnen, etwa aus Afghanistan, kennen aus ihren Heimatländern keinen Sport und bleiben den Trainings fern.

In Zürich werden auch vereinzelt reine Frauentrainings angeboten. «Women-only-Kurse gibt es ja in jedem Schweizer Fitnesscenter auch», sagt Largo. Die Winterthurer Kursteilnehmer erlebt Sarah Becvarik als sehr aufgeschlossen. «Die Geschlechterfrage war nie ein Thema.» Das Training ist auch insofern durchmischt, als einzelne Schweizer teilnehmen – Schüler Maksutajs, die das Projekt interessant finden.

Gerne würden Becvarik und Largo in Winterthur weitere Kurse anbieten, auch in anderen Sportarten. Ein Zaungast beim Training ist Barbara Sauermost vom Verein Kino2für1. Dieser hatte in den letzten Jahren einen Lauftreff und einen Schwimmkurs für Flüchtlinge angeboten. Sauermost will nun schauen, wie andere es machen. Sie ist nicht die Einzige, die sich engagiert. So gibt es zum Beispiel in der Turnhalle Rosenau in Töss die Football Association for Integration (Fafi), die ein Fussballtraining anbietet – auch am Mittwochabend, aber um halb neun.

Spenden und Trainerdringend gesucht

Eine ungelöste Frage ist die Finanzierung. Bisher erfolgt sie über Spenden und privaten Goodwill, wie den von Azem Maksutaj. Largo hat ihre Berufstätigkeit unterbrochen, um sich intensiv dem Projekt Sportegration zu widmen. Sie verhandelt mit Stiftungen und Gemeinden. Öffentliche Gelder fliessen keine bei Sportegration.

Das war auch bei Barbara Sauermost und Kino2für1 so. «Wir mussten jeden Badi-Eintritt selbst bezahlen.» Laut Sportamt-Chef David Mischler kommt die Stadt Freiwilligen bei der Turnhallenmiete entgegen, wenn Sportangebote für Flüchtlinge organisiert werden, wie in Töss.

Beim Schwitzen den Alltag vergessen: Elf Erwachsene und neun Kinder sind an diesem Mittwoch in den Boxkeller gekommen. Foto: mas

(Der Landbote)

Erstellt: 26.03.2019, 16:58 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!