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Die Golfer von der Strasse

Der Winterthurer Samuel Steiner ist Schweizer Meister im Urban Golf. Den Trendsport betreibt der 30-Jährige aus Spass und um gleichzeitig den Klassenstrukturen zu trotzen.

Der Winterthurer Samuel Steiner ist Schweizer Meister im Urban Golf. Er trainiert regelmässig mit seinen Freunden, wie hier im Schulhaus Oberseen.
Der Winterthurer Samuel Steiner ist Schweizer Meister im Urban Golf. Er trainiert regelmässig mit seinen Freunden, wie hier im Schulhaus Oberseen.
Madeleine Schoder

Beim Abschlag ist das Wichtigste, den Kopf mit Blick nach unten zu halten. Ja nicht zu früh dem Ball nachschauen. «Es gibt genug andere, die den Ball im Blick haben. Lass dir Zeit», erklärt Samuel Steiner, 30 Jahre alt, Solaranlagen-Monteur aus Winterthur.

Er ist sonst keiner, der freiwillig den Kopf einzieht. Steiner fällt auf mit seinem türkisen Irokesenschnitt und den bunten Shorts aus dem Brockenhaus. Wenn er sich für den Abschlag hinstellt, sieht man seine Tätowierung am rechten Unterarm: die Trickfilmfigur Spongebob, darunter steht in geschwungener Schrift «un poco loco»: ein bisschen verrückt.

Urban Golf, je nach Terrain und Definition auch Crossgolf, ­X-Golf oder Off-Golf genannt, unterscheidet sich vom normalen Golf zunächst darin, dass abseits der üblichen Golfplätzen gespielt wird. Samuel Steiner, dieser schräge Vogel aus Oberseen, ist seit dem Meisterschaftsturnier im bernischen Deisswil vor vier Wochen Schweizer Meister.

Heute spielen Steiner und zwei Freunde, genannt Psy und Berty, im Schulhaus Oberseen, ihrem liebsten Platz. Steiner richtet sich auf dem Tischtennistisch auf, sein Ball liegt statt auf einem Tee auf einem Haargümmeli, das die Ballposition erhöht und damit den Abschlag erleichtert. Ein Schlag, ein PLOPP, und der Ball fliegt weit, über die Treppe, auf den Tartan-Sportplatz.

Alles kann zum Ziel werden

Ein bis zwei mal pro Woche treffen sie sich hier zum Training, bei dem es «in erster Linie um den Spass geht, nicht um Übungen», wie Steiner mit einer Dose Bier in der Hand sagt. Die «Löcher» bestimmen sie abwechseldend und spontan. Beispielsweise muss der Ball einen Wasserbrunnen treffen; wird er versenkt, gibt es einen Zusatzpunkt, der sich in der Endwertung positiv auswirkt. Der Klassiker sind Abfalleimer, der Fantasie sind aber keine Grenzen gesetzt. Jedes Objekt kann ein Ziel sein.

«Wir nehmen uns etwas, das sonst nur Wenigen vorbehalten ist, und wir nutzen es, wie es uns gefällt.»

Samuel Steiner

Auf 200 bis 250 aktive Turnier-Crossgolfer schätze er die wachsende Schweizer Szene, sagt Didi Keller. Er ist Präsident des Verbands Swiss X-Golf Association und glaubt: «In zehn Jahren ist es ein Volkssport.» Er selbst spielt seit 2000 Urban Golf, sein Frauenfelder Verein zählte zu den ersten überhaupt. Heute bietet Keller hauptberuflich Urban-Golf-Anlässe für Firmen an.

Die bisher sieben dem Verband angeschlossenen Vereine sind mehrheitlich in der Ostschweiz zuhause, davon zwei in Winterthur und einer in Weisslingen. Da passt es, dass der Verband mit Winterthur Tourismus auf dem Sulzerareal eine Urban-Golf-Anlage eröffnen will. Diesen Sommer soll es soweit sein.

Ein bisschen «Fight Club»

Mit der Verbandsgründung im letzten Jahr erfuhr die Szene einen grossen Professionalisierungsschritt. Es sei einfacher geworden, Bewilligungen für Plätze einzuholen, sagt Keller. «Vor zehn Jahren lehnten viele Leute ab, weil sie nie davon gehört hatten und instinktiv kaputte Fensterscheiben befürchteten.»

Mit den kaputten Scheiben ist es so eine Sache. Im Film «Fight Club» gibt es diese Szene, in der Brad Pitt und Edward Norton betrunken Golfbälle durch ein stillgelegtes Industrieareal schlagen bis die Autoscheiben klirren. Urban Golfer wie Samuel Steiner dagegen suchen nicht die Zerstörung, überhaupt gilt stets «Safety first». Steiner verwendet weiche Bälle, die aussen gummiert und zwei Drittel leichter sind als übliche Bälle. Kaputte Scheiben gab es noch nicht zu beklagen. Und doch sind Urban Golf und der Film über eine subversive Bewegung im Geiste verwandt, zumindest wenn es um gesellschaftliche Klassenstrukturen geht.

«Wir nehmen uns etwas, das sonst nur Wenigen vorbehalten ist, und wir nutzen es, wie es uns gefällt», beschreibt Steiner seine Sichtweise. «Dadurch wird Golf zu einem ‹freien› Sport.» Der Bruch mit den Konventionen reizt ihn. Und die Einfachheit, mit der Urban Golf besticht: Voraussetzung ist nur ein Golfschläger, für üblich aus zweiter Hand, und ein Ball. Gross und klein kann mitspielen, egal wo und wann. Ein klein wenig Revolution – im eigentlichen Sinn als «Zurückwälzung» zum ursprünglichen Zustand – dürfen die Urban Golfer durchaus für sich beanspruchen. Golf war im 15. Jahrhundert noch ein Sport für jedermann.

«Golf? Wie alt bist du?»

Einen Golfschläger hatte Steiner erstmals im Herbst 2015 in der Hand. Ein Freund rief ihn an: «Du wirst es nicht glauben: Ich spiele jetzt Golf! Urban Golf!» Steiner verduzt: «Was? Wie alt bist du schon wieder?» Doch er probierte es aus, und es gefiel ihm sofort. Steiner und sieben Freunde haben kürzlich einen Verein gegründet, um in der Saison mitzuspielen, die der Verband dieses Jahr erstmals durchführt.

FORE!switzerland 2017. Video der Schweizermeisterschaften. Didi Keller via Youtube

An diesem Dienstagabend machen Steiner, Psy und Berty gegen neun Uhr Schluss. Am Wochenende spielen die Freunde auch mal zehn Stunden am Stück. Das hat sich bezahlt gemacht. An der Schweizer Meisterschaft schaffte Steiner neun Löcher in 33 Schlägen, vier weniger als die Zweit- und Drittplatzierten. Ziele waren ein Einkaufswagen, ein Grill oder ein Koffer. Auf drei Challenge-Bahnen (Büchsen schiessen, Bowling und Körbe treffen, alles als Golfvariante) konnten die 48 Spieler und 7 Spielerinnen Zusatzpunkte verbuchen.

An Turnieren wie jenem zeigt sich an der einzigen geltenden Etikette, dass Urban Golf ein Hobbysport ist und nach Ansicht der meisten Spieler es auch bleiben soll: Der Spass muss im Mittelpunkt stehen, sagt Steiner. «Niemand sieht es gerne, wenn einer zu verbissen spielt.»

Die Golfer von der Strasse, die in so vielen Punkten das Gegenteil vom «echten» Golf verkörpern, werden bisweilen bezichtigt, den Sport in Verruf zu bringen. Steiner selbst hat noch nie auf dem «Green» gespielt, wo Platzreife, Dresscode und Clubmitgliedschaft zählen. Der Autodidakt betont, dass er keine Ressentiments gegen normale Golfer hege; ein paar freundlich gesinnte normale Golfer lernte er kennen, als sie sich im Urban Golf versuchten und an der Meisterschaft teilnahmen. Dass es keiner unter die Top 12 schaffte, die an die EM in Prag reisen werden , das hat Steiner dann doch etwas gefreut, wie er mit einem Schmunzeln zugibt.

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