Abschied

«Die heutige Schulstruktur ist unmöglich»

Stadtrat Stefan Fritschi (FDP) hat heute seinen letzten Arbeitstag als Vorsteher des Departements Schule und Sport, bevor er in die technischen Betriebe wechselt. Im Interview verrät er, weshalb er mit der Institution «Schulpflege» Mühe hatte und weshalb Eltern eine Rutschbahn für den Pausenplatz sponsern dürfen, nicht aber eine Firma.

Stefan Fritschi wechselt vom Schuldepartement in die technischen Betriebe.

Stefan Fritschi wechselt vom Schuldepartement in die technischen Betriebe. Bild: Marc Dahinden

Die Schachteln in Ihrem Büro deuten es an, Sie ziehen bald um. Bislang hatten Sie das kleinste Büro aller Stadträte, nur 16 Quadratmeter gross. Gibt’s bald mehr Platz?
Stefan Fritschi: Nein, ich habe bereits eine Rochade veranlasst, so dass ich im zweiten Stock im Departement Technische Betriebe wieder das gleiche Büro erhalte. Es ist effizienter, wenn zwei Personen im Stadtratsbüro arbeiten. Ich brauche nicht mehr Platz.

Das passt zu Ihrem Ruf als harter Sparer. Tragen Sie den Ruf zu Recht?
Wenn ich das Budgetwachstum im Departement sehe, kann ich nicht behaupten, ein harter Sparer zu sein. Ich musste einsehen, dass es Bereiche gibt, bei denen man schlecht sparen kann. Auf der anderen Seite muss man alles von Zeit zu Zeit wieder hinterfragen, damit man die wichtigen Aufgaben einer Stadt weiter finanzieren kann. Da bin ich klar der Meinung, dass es besser ist, etwas ganz herunterzufahren als zu versuchen, alles immer noch effizienter zu machen.

Diese Haltung hatte zur Folge, dass Sie einige unpopulären Entscheidungen fällen mussten...
(mit einem Schmunzeln) wirklich? Da müssen Sie mir helfen.

«Wenn man es mit allen gut haben will, muss man Glacés verkaufen und sicher nicht Stadtrat werden.»

Mir fallen einige ein: die Sauna-Schliessung, die Parkplatz-Zahlpflicht für Vereine, die Sparmassnahmen in der Schule. Hatten Sie nie Mühe, diese Entscheide zu vertreten?
Ich bin ans Kollegialitätsprinzip gebunden und kann daher nicht sagen, bei welchen Entscheiden ich schlechter geschlafen habe. Aber ich bin dafür bezahlt, dass ich auch unpopuläre Entscheide treffe. Wenn man es mit allen gut haben will, muss man Glaces verkaufen und sicher nicht Stadtrat werden.

Ihr Credo lautet: Was keine Kernaufgabe der Stadt ist, muss diese auch nicht anbieten. Ganz konsequent waren Sie mit dieser Haltung aber nicht, oder wie ist da der Unterstützungsbeitrag für Pfadi Winterthur einzuordnen?
Ich will nicht behaupten, dass ich immer konsequent war.

«Ich musste einsehen, dass es Bereiche gibt, in denen man schlecht sparen kann» – Stefan Fritschi ist im Schuldepartement seinem Ruf als harter Sparer nicht uneingeschränkt gerecht geworden.

Ein grosses Thema war in den letzten Jahren die Schulraumplanung. Die Entwicklung in Neuhegi haben Ihre Vorgänger etwas verschlafen. Hat man nun besser geplant, etwa bei den entstehenden Siedlungen im Werk 1 oder in Sennhof?
Im Werk 1 sind zusätzliche Kindergärten eingeplant. Und im Sennhof haben wir in der HGW-Genossenschaftsüberbauung Räume für die schulergänzende Betreuung gemietet. So haben wir im Schulhaus auch wieder Schulraum zur Verfügung.

Reicht das wirklich? Es dürfte doch einige zusätzliche Kinder in diesen Quartieren geben.
Wir haben auf dem grossen Schulareal Tössfeld noch Potenzial zum Erweitern. Und im Sennhof ist es so, dass das Schulhaus auch die Aussenwachten einbezieht. Es ist also denkbar, dass wir später in den Aussenwachten Schulraum ergänzen, dort gibt es noch Möglichkeiten. Heute gehen viele Kinder aus den Aussenwachten nach Sennhof in die Schule, vielleicht ist es dann auch mal umgekehrt.

«Ich bin nur für die Hüllen eines Schulhauses verantwortlich, inhaltlich habe ich keinerlei Kompetenz.»

Sie gelten als Vater der Pavillon-Schulhäuser. Insgesamt acht Pavillons ergänzen heute in Winterthur bestehende Schulanlagen, ein neunter ist angedacht. Müsste man nicht zukunftsgerichteter planen?
Wir haben nicht nur Pavillons aufgestellt, sondern mit Zinzikon, Neuhegi und Wallrüti auch drei Schulhäuser geplant und weitere saniert. Der Pavillonbau hat sich bewährt. Wer die Pavillons als kurzfristige Investition kritisiert, kennt sie nicht. Das sind nicht einfach Baracken. Es handelt sich um ein qualitativ hochstehendes Produkt, das man bei Bedarf auch örtlich verschieben kann. Das bietet uns Flexibilität.

Im Rahmen der städtischen Sparprogramme musste auch die Schule sparen. Ist die Zitrone ausgepresst?
Der Ausdruck «Zitrone ausgepresst passt mir nicht. Wir haben im Departement Schule und Sport ein Budget von 250 Millionen Franken. Es wäre vermessen zu behaupten, jeder Franken würde richtig eingesetzt. Die Bereitschaft der Steuerzahler, für die Schule viel Geld auszugeben, ist vorhanden. Aber umso wichtiger ist es, immer wieder zu schauen, wo das Geld sinnvoll eingesetzt ist und wo nicht.

Für Pausenplatzgestaltungen war nicht immer Geld vorhanden, teils legten Eltern letztlich selber Hand an oder finanzierten sogar Geräte. Ist das in Ihrem Sinn?
Die Anforderungen an einen öffentlichen Aussenraum sind gross. Darum ist es schwierig, einfach alles Selbstgemachte zuzulassen. Aber grundsätzlich finde ich es grossartig, dass es Eigeninitiative gibt.

Stefan Fritschi freut sich auf den Departementswechsel.

Wäre Firmensponsoring auch ein gangbarer Weg?
Nein, da sind wir sehr streng. Im Schulalltag braucht es eine neutrale Umgebung.

Sie haben auch schon geäussert, die Schule befinde sich in einem engen Korsett. Hätten Sie sich mehr Handlungsspielraum gewünscht?
Ich finde die Struktur, wie wir sie im Kanton Zürich haben, überhaupt nicht sinnvoll. Im heutigen Konstrukt hat man Schulpflegen und ein Exekutivmitglied, das für die Schule verantwortlich ist. Das bedeutet eine Doppelspurigkeit. Ich hätte gerne auf die Schulpflege verzichtet und wir haben auch versucht, das im Gemeindegesetz einzubringen. Der Regierungsrat nahm das Anliegen wohl auf, aber der Kantonsrat lehnte es ab. Darum besagt das Gemeindegesetz nun, dass wir eine Schulpflege haben müssen. Jetzt gilt es eine Variante zu finden, welche die Zuständigkeiten klarer regelt als heute. Wenn man eine effiziente Verwaltungsführung möchte, sind Schulpflegen schwierig.

Welches Modell sähen Sie als Möglichkeit?
Meine Vision war immer ein Modell, wie es die Kantone St. Gallen und Luzern kennen. Die Schulleitung ist Teil der Verwaltung. Jene Funktion, die heute die Kreisschulpflegepräsidenten einnehmen, würde durch vier Oberschulleiter übernommen. Diese wären dem zuständigen Exekutivmitglied unterstellt. Nur dann kann der Stadtrat auch Verantwortung übernehmen. Wir hatten in Winterthur schwierige Fälle, namentlich im Brühlberg. Das ist für mich eine ohnmächtige Situation. Alle meinten, ich sei verantwortlich, aber ich kann und darf keinen Einfluss nehmen.

Im Fall Brühlberg hätten Sie gerne eingegriffen?
Ich hätte zumindest vorgängig die Entscheide mitverantworten wollen.Im jetzigen Modell bin ich nur für die Hülle des Schulhauses verantwortlich, etwa wenn ein Fenster kaputt ist. Inhaltlich habe ich keinerlei Kompetenz.

«Der Fall Brühlberg ist für mich eine ohnmächtige Situation. Alle meinen, ich sei verantwortlich, aber ich kann und darf keinen Einfluss nehmen.»

In den Schulen finden regelmässig so genannte externen Schulevaluationen statt. Weshalb hört die Bevölkerung kaum je etwas von den Resultaten?
Gerade dieses Beispiel zeigt, wie unsinnig die heutige Struktur ist. In den sieben Jahren als Departementsvorsteher habe ich selten einen solchen Bericht zu Gesicht bekommen. Er geht immer nur an die Kreisschulpflege und die Schulleiter. Manche Schulen stellen den Bericht online, andere nicht. Vielfach erfährt die Öffentlichkeit nichts. Da stimmt etwas nicht, da müsste doch auch der zuständige Stadtrat einbezogen werden. Ich habe einige Male versucht, das zum Thema zu machen, bislang ohne Erfolg. Die Schulpflegen sind alleine verantwortlich für die Qualität der Schule.

Die Eltern wirken ja an diesen Evaluationen mit, sollten sie nicht auch Einblick in die Resultate haben?
Ich würde das begrüssen.

Gehadert haben Sie manchmal auch mit dem Kanton, der gewisse Aufgaben einfach verordnet hat, wie etwa zuletzt die Nachzahlung von Lehrerlöhnen.
Ja, der Kanton zahlt immer weniger an die Schule, an die Lehrerlöhne nur noch 20 Prozent. Aber er erlässt wahnsinnig viele Gesetze, die Einfluss auf uns haben. Das ist grundsätzlich gut, Zumikon soll die gleiche Schule haben wie Fischenthal und Winterthur. Aber dass der Kanton wenig mitzahlt, macht es schwierig. Der Kanton ist so auch kaum motiviert, die Kosten zu senken. Die Budgets müssen dann die Gemeinden verantworten.

Fritschi ist zuversichtlich auch nach den Neuwahlen 2018 noch im Superblock ein- und ausgehen zu können.

Sie sind nicht nur Departementsvorsteher, sondern auch selber Vater. Hat das einen Einfluss gehabt auf Ihre Arbeit?
Ich konnte bei meinen Kindern miterleben, welch grosse Bedeutung für eine Familie der Schulalltag hat. Und wie wichtig es ist, dass das Angebot der Schule stimmt. Es hat mir gezeigt, wie wertvoll es ist, eine starke Volksschule zu haben. Ich habe das aber nicht nur über die eigenen Kinder kennen gelernt, sondern habe mir auch mit Schulbesuchen einen Einblick verschafft. Rund 70 Besuche kamen so zusammen.

Und jetzt lassen Sie die Schule hinter sich. Weshalb?
Ich finde es gut, dass es in einem Team von Zeit zu Zeit einen Wechsel gibt. Die politische Führung hat in der Regel kein Fachwissen, sondern wird einfach vor ein Departement gestellt. Sie trifft Entscheidungen und verkauft das Departement nach aussen.Da tut manchmal ein neuer Blick gut.

Sie treten am 1. Juli einen neuen Job an, liegen da überhaupt noch Sommerferien drin?
Ja, unbedingt. Die Familienferien sind mir heilig, da ich sonst schon häufig unterwegs bin. Wir werden zwei Wochen verreisen.

«Ich konnte bei meinen Kindern miterleben, wie wertvoll es ist, eine starke Volksschule zu haben.»

Aber Sie werden Jürg Altwegg bei Fragen sicher noch zur Verfügung stehen.
Ich werde ihm bestimmt nicht dreinreden. Das war schon so, als ich das Departement von Pearl Pedergnana übernahm. Für mich ist klar, dass ich die Verantwortung abgebe.

Bei den technischen Betrieben liegt einiges im Argen. Ist die Risiko nicht grösser, sich dort die Finger zu verbrennen?
Ich suche mir meine Arbeit nicht danach aus. Ich freue mich einfach auf ein spannendes Aufgabengebiet in einem spannenden Moment. Und letztlich ist es auch einfacher, etwas zu übernehmen, das noch nicht in Topform ist.

Schauen wir vorwärts. Im März 2018 steht die Wiederwahl an, wie zuversichtlich sind Sie, auch künftig im Superblock ein und auszugehen?
Ich versuche einen guten Job zu machen und hoffe, dass die Wählenden das honorieren.

Die SVP fand, der bürgerliche Stadtrat werde wie ein linker Stadtrat wahrgenommen, was sagen Sie dazu?
Das kann ich nicht nachvollziehen. Ich bin nicht gewählt für eine Partei. Ich komme aus einer Partei und sehe sie als Heimat, aber gewählt bin ich für die ganze Stadtbevölkerung. Im Stadtrat ist reine Parteipolitik nicht möglich.

Wo sehen Sie sich im fünf Jahren?
Wenn man ein Departement übernimmt ist Konstanz wichtig, Ich plante ursprünglich, acht Jahre im Departement Schule und Sport zu bleiben. Und das ist jetzt in etwa auch mein Horizont für die Technischen Betriebe.

Ist das Stadtpräsidium für Sie irgendwann ein Thema?
Nein, da gibt es keinen Handlungsbedarf.

In einigen Jahren vielleicht schon.
Ich hoffe, dass Michael Künzle uns noch lange erhalten bleibt.

Abgang: Heute ist der letzte Arbeitstag von Stadtrat Stefan Fritschi als Vorsteher des Departements Schule und Sport. (Der Landbote)

Erstellt: 29.06.2017, 17:46 Uhr

Hochs und Tiefs

«Ich habe für den Zivi-Einsatz gekämpft»

Die schönsten Momente: Wenn ich auf Schulbesuch ging und mit Gesang oder Musik empfangen wurde, hat mich das stets berührt. Das zeigte mir, dass die Aufgaben, die wir im Departement erledigen, Sinn machen. Die schwersten Momente: Stark beschäftigt haben mich Todesfälle von Kindern. Der tödliche Unfall mit dem Jungen an der Tösstalstrasse beispielsweise ging mir sehr nah. Die grössten Erfolge: Im Schulbereich hab ich dafür gekämpft, dass wir Zivildienstleistende im Schulalltag einsetzen können. Es gab ein Bereinigungsverfahren zwischen National- und Ständerat und letztlich hat dank ein paar weniger Stimmen gereicht. Das hat mich sehr gefreut. Im Sportbereich konnten wir trotz Finanzdruck ein paar tolle Projekte ermöglichen, etwa den Skills Park, den Rundweg oder Wincity. Stolz bin ich auf die Gegentribüne Schützenwiese. Nie habe ich dazu ein negatives Wort gehört Die grösste Überraschung: Bei meinem Amtsantritt vor sieben Jahren hätte ich mir nie träumen lassen, dass mich das Thema Jihadreisende im Departement Schule und Sport mal beschäftigen könnte. Aber das ist heute Tatsache.

Artikel zum Thema

Stadtwerk kommt in bürgerliche Hände

Winterthur Stadtrat Stefan Fritschi (FDP) wird Vorsteher der technischen Betriebe. Der neu gewählte Jürg Altwegg ­(Grüne) erbt per 1. Juli das Departement Schule und Sport. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Paid Post

Soforthilfe für Smartphones

Ob Displaybruch, defekte Kamera oder Wasserschaden – Wintek Swiss hat meist eine Lösung.