Winterthur

«Die Kantonspolizei ist eine grosse Option»

SVP-Stadtrat Josef Lisibach (51) hatte nicht mit seiner Abwahl gerechnet. «Ich hatte keinen Plan B», sagt er. Und guckt trotzdem gutgelaunt in die Zukunft.

«Es gab nichts, was mir am Stadtratsamt nicht gefiel»: Josef Lisibach (SVP) im Superblock.

«Es gab nichts, was mir am Stadtratsamt nicht gefiel»: Josef Lisibach (SVP) im Superblock. Bild: Madeleine Schoder

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Herr Lisibach, schon Ihre Vorgängerin im Bau, Pearl Peder­gnana (SP) wurde abgewählt. Liegt es am Departement?
Nein, wieso auch? Jeder Stadtrat hat in seinem Departement kontroverse Themen.

Was waren denn die Gründe?
Ich kenne sie nicht. Und suche sie auch nicht. Es hilft mir nichts und es beruhigt mich nicht zusätzlich, sie zu kennen. Wahrscheinlich war es ein Potpourri von Faktoren, die zusammenkamen. Wie ich schon im Vorfeld immer sagte: Wenn acht ernst zu nehmende Kandidaten um sieben Sitze kämpfen, geht das nicht auf.

«Niemand, den ich kenne, hat mit meiner Abwahl gerechnet.»

Und doch, Sie hatten nicht mit Ihrer Abwahl gerechnet.
Nein, gar nicht. Das hat nichts mit Überheblichkeit zu tun, aber es gab meines Erachtens keine Anzeichen dafür, dass damit zu rechnen wäre. Weder ich, noch die Leute, die ich kenne – und diese sind nicht nur aus dem eigenen politischen Lager – hätten je die Möglichkeit in Betracht gezogen.

Auch Ihre Partei, die SVP, verlor drei Sitze. Hat sie mit einem Vertreter im Stadtrat ihren Biss verloren?
Dass die SVP nach zwölf Jahren nun wieder für eine Legislatur einen Stadtrat hatte, hatte für Winterthur unbestrittene Vorteile. So konnte ich manche Geschäfte mit grossen Mehrheiten durchs Parlament bringen. Ich glaube nicht, dass die SVP Winterthur grobe Fehler machte. Es gilt anzuerkennen, dass die nationale Politik für jede Partei Auswirkungen hat. Für die SVP war es immer aufwärts gegangen. Es war klar, dass das politische Pendel irgendwann zurückschlägt. Es wird auch wieder auf die andere Seite zurückschlagen.

Am Wahltag wirkten Sie verärgert über die Medien. Fühlen Sie sich in der Berichterstattung konkret ungerecht behandelt?
Das lasse ich so stehen, dazu äussere ich mich nicht.

«Für die SVP war es immer aufwärts gegangen. Es war klar, dass das politische Pendel irgendwann zurückschlägt.» 

Wie haben sie den Abend des Wahlsonntags verbracht?
Ich trank ein Bier. Danach ging ich mit meiner Familie zum Treffpunkt meiner Partei und anschliessend gingen wir nach Hause. Ich war damit beschäftigt, meine Familie zu trösten.

Und wie geht es Ihnen heute?
Mir geht es sehr gut. Ich sehe die Chancen in der Situation. Ich habe eine einzige Nacht schlecht geschlafen. Aber auch mich warten immer noch Geschäfte, ich habe viel zu tun. Und muss mich beruflich neu orientieren.

Man hatte immer den Eindruck, Sie machen Ihren Job mit viel Freude.
Das täuschte nicht. Ich wäre gerne weitere vier Jahre im Amt geblieben.

Was gefiel Ihnen am besten?
Alles! Das konnten schwierige Verhandlungen mit einem Quartierverein sein, harte politische Diskussionen in einer Gemeinderatskommission, oder Stadtratssitzungen, die Stunden dauerten. Ich müsste es umgekehrt formulieren: Es gab nichts, was mir nicht gefallen hat.

Was bleibt? Was ist Ihr Vermächtnis?
Vier Jahre sind eine extrem kurze Zeit im Baudepartement, wo die Zyklen so lang sind. Vor allem zu Beginn brachte ich Projekte ins Ziel, die schon mein Vorvorgänger aufgegleist hatte, etwa die letzte Etappe des Masterplans Hauptbahnhof. Auch die Abstimmung ums Werk 1 musste erst gewonnen werden. Beim Kredit für die Busbevorzugung sah man, wie wertvoll es ist, die SVP in der Regierung zu haben, alle meine Parteikollegen unterstützten ihn. Wir haben wichtige Meilensteine erreicht beim Verkehrskonzept Grüze-Neuhegi. Das Frohsinn-Areal, das über Jahrzehnte niemand ins Ziel brachte, ist pfannenfertig. Wir haben das Projekt Winterthur 2040 aufgegleist, das die langfristige räumliche Entwicklungsperspektive erforschen soll. Und in Zusammenarbeit mit der SBB und dem Kanton haben wir erste Schritte zur Entwicklung des Gleisraums um den Hauptbahnhof gestartet. Das sind nur einige von vielen Projekten, die ich gerne weiterbetreut hätte.

«Ich erhielt sehr viele betroffene Reaktionen.»


Als Sie vor vier Jahren gewählt wurden, waren die Erwartungen des Gewerbes hoch: Sie sollten für Parkplätze kämpfen, für Arbeitsplätze, für weniger Bürokratie. Haben Sie geliefert?
Um diese Ansprüche habe ich mich sehr wohl gekümmert. Erstens mit der Ablehnung der damaligen Parkplatzverordnung und der Erarbeitung einer neuen. Zweitens mit dem elektronischen Baubewilligungssystem. Als ich kam, hatte das Projekt Jahre vor sich hin gedümpelt. Es war höchst kompliziert und die zu erwarteten Kosten stiegen ständig. Ich zog den Stecker und schlug dem Stadtrat ein neues Vorgehen vor. Letztlich habe ich innert des bewilligten Budgets das heutige System realisieren können. Es ist schneller, effizienter und wer es benutzt, bekommt fünf Prozent Gebührenreduktion. Allein wegen dieser Punkte würde ich sagen, ich habe mein Versprechen gehalten.

Wie reagierten Ihre Mitarbeitenden auf Ihre Abwahl?
Fragen Sie sie am besten selbst. Ich erhielt sehr viele betroffene Reaktionen.

Wie geht es für Sie jetzt beruflich weiter? Werden Sie wieder Polizist?
Das ist eine der Optionen. Ich hatte ja keinen Plan B vorbereitet und es sind erst zwei Wochen vergangen. Ich weiss noch nichts Konkretes, aber die Kantonspolizei ist eine grosse Option.

Müssten Sie den Sporttest nochmals machen?
Ja glauben Sie denn, ich würde ihn nicht mehr bestehen? Sie könnten sich täuschen (lacht).

Waren unter den Reaktionen, die Sie bekamen, auch schon konkrete Jobangebote?
Die gab es, ja.

«Wenn ich Winterthur radieren und neu zeichnen könnte, würde ich die Stadt entflechten»

Sie hätten aber auch eine Rente zugute.
Nein, eine Einmalzahlung in Höhe eines Jahreslohns. Das weiss ich übrigens aus dem «Landboten», ich hatte das selbst nie abgeklärt.

Sie gelten als urbaner Mensch, ja als Städte-Fan. Wie würde für Sie das Winterthur der Zukunft aussehen?
Das stimmt, ich bin Städter und möchte nichts anderes sein. Ich stelle mir eine Stadt vor, die verdichtet wird an geeigneten Stellen. Vielleicht nicht in Wülflingen oder Oberseen, aber zum Beispiel rund um die Altstadt. 2021 werden täglich über 150 000 Personen den Hauptbahnhof benutzen – in den Achtzigerjahren war es die Hälfte. Dieser Entwicklung können wir nicht ausweichen, also müssen wir sie gescheit lösen: intelligente Verkehrssteuerung, Lichtsignale, die miteinander kommunizieren, smarte Parkierungslösungen. Das gibt es alles, das kann man machen. Aber halt nicht in vier Jahren.

Und wenn Sie SimCity spielen könnten, und die Stadt am Reissbrett neu planen?
Wenn ich Winterthur radieren und neu zeichnen könnte, würde ich die Stadt entflechten: Wohnen an bevorzugten Lagen, Industrie an den anderen. Die Verkehrsströme würde ich so legen, dass sie durch die Industrie führen und gross genug sind. Vielleicht sogar unterirdisch. Ein U-Bahnnetz würde viele Konflikte vermeiden. Man müsste in Clustern denken. Ein gutes Beispiel für so einen Cluster ist der Sportpark Deutweg, wie er sich bald präsentieren wird, mit Win4, Eishalle, Leichtathletikanlage, Schwingen... Mein Winterthur wäre eine Stadt der kurzen Wege.

Einen See hätten Sie nicht gegraben?
Nein. Winterthur ist speziell, gerade weil es keinen See hat. Andere Orte haben naturgegeben einen. Und trotzdem stehen wir im Ranking der «Bilanz» auf Platz drei in Sachen Lebensqualität.

(Der Landbote)

Erstellt: 16.03.2018, 15:54 Uhr

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