Winterthur

«Die Katalogpreise sind eine grosse Illusion»

Das Interesse für Briefmarken wandelt sich, sagt Alfred Bachmann, Vizepräsident des Philatelisten-Clubs Philatelia Winterthur. Dass der Nachwuchs fehlt, drückt auf die Preise – aber längst nicht auf alle.

Die «Winterthur» wurde meist als Doppelfrankatur verwendet, eine Einzelfrankatur wie auf diesem Brief von Sulzer an Bidermann ist eine Rarität.

Die «Winterthur» wurde meist als Doppelfrankatur verwendet, eine Einzelfrankatur wie auf diesem Brief von Sulzer an Bidermann ist eine Rarität. Bild: pd

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Zunächst eine Verständnisfrage: Wie sind historische Briefmarken eigentlich mehr wert, mit oder ohne Stempel?
Das kann man pauschal nicht sagen. Es gibt Marken, die ungebraucht wertvoller sind als gebraucht, und andere, die sind gebraucht seltener. Ungebraucht seltener und deshalb viel teurer ist zum Beispiel die erste Flugpost-Marke, die «Flugpost Nummer 1».

Wertvoller ist also, was rarer ist.
Ja, genau.

Die Verfügbarkeit bestimmt also den Preis, bestimmt sie auch die Faszination für die Marken?
Da gibt es viele andere Faktoren. Früher war es verbreitet, Einzelmarken zu sammeln und dafür Alben anzulegen. Später hat sich das Interesse verlagert, zugunsten von Briefen und Karten. Es geht um Postgeschichte, also darum, wer wem geschrieben hat.

Und das macht den Reiz aus?
Durchaus. Ich habe schon als Bub viel gelernt über die Philatelie, etwa über die Geografie. Wenn ich einen Brief vor mir hatte, habe ich geschaut, wo er abgeschickt wurde auf dem Globus. Die Postgeschichte ist eng mit der Wirtschaftsgeschichte verknüpft, die Post etablierte Kommunikations- und Verkehrswege. Ende des 19. Jahrhunderts, als der Tourismus einsetzte, kamen zur geschäftlichen Korrespondenz Briefe und Postkarten dazu. Bis das Internet alles ablöste. Heute postet man aus den Ferien noch ein Foto auf Facebook.

«Es geht um Postgeschichte, also darum, wer wem geschrieben hat.»

Es fand eine Entzauberung der Welt statt.
Das ist schon so. Heute ist jeder schon überall hingereist, jeder weiss, wie London oder Wien aussehen. Auch darum wird die Philatelie zurückgedrängt. Und die Post verliert an Bedeutung, mit Ausnahme der Pakete, die immer zahlreicher werden. Einige schöne Dinge bleiben auf der Strecke. Vor kurzer Zeit etwa habe ich in einem Nachlass eine Karte gefunden. Darin berichtet der 16-jährige Oskar Reinhart einem Freund über seine Mathematik-Prüfung. Ich habe dann noch etwas nachgeforscht, der Freund war ein gewisser Ziegler, dessen Vater eine frühe Handelsniederlassung in Yokohama hatte.

Was auffällt, ist, dass vor allem Männer sich für Briefmarken interessieren. Warum eigentlich?
Das ist auch in unserem Club so. Auf 120 Männer haben wir ein halbes Dutzend Frauen. Ich kann es mir nur historisch erklären. In der Anfangszeit war das Material der Philatelie die geschäftliche Korrespondenz. Sulzer, Reinhart, Bidermann, die hatten alle internationale Post. Die Frauen kümmerten sich damals noch um Kinder und Haus.

«Für gute Sammlungen werden heute noch 5 bis 10 Prozent gezahlt.»

Was ist Ihnen das liebste Stück in Ihrer Sammlung?
Die sogenannte «Winterthur». Das war eine Kantonalmarke, die in der Übergangszeit von der kantonalen zur eidgenössischen Post herausgegeben wurde. Die Marke wurde meist in Doppelfrankatur verwendet, um Briefe über die Stadtgrenzen hinaus zu verschicken. Innerorts haben die meisten Firmen ihre Post von Bediensteten zustellen lassen. Die Firma Sulzer hat das in ganz wenigen Fällen gemacht. Ich habe eine solche Einzelfrankatur.

Das ist Ihr wertvollstes Stück?
Ich denke schon.

Was heisst das in Zahlen?
Es gibt einen zweiten solchen Brief, von der Firma Sulzer an die Firma Bidermann, der ging für 50 000 Franken weg. Das ist aber schon ein paar Jahre her.

Und seither steigen die Preise oder sinken sie?
Es gibt einen zweigeteilten Markt. Marken von nach 1960 sind ein reines Hobby. Dann gibt es die Ausgaben von 1907 bis 1960, die sind etwas wert. Die Katalogpreise sind aber eine grosse Illusion. Für gute Sammlungen werden heute noch 5 bis 10 Prozent davon gezahlt. Die klassische Philatelie, vor allem Briefe mit seltenen Stempeln, hohen Frankaturen und seltenen Destinationen werden dagegen immer noch relativ hoch gehandelt. Das kann aber auch jederzeit ändern.

Gibt es auch Spekulationsblasen wie in der Kunst?
Die gibt es. Ich habe zum Beispiel vor dreissig Jahren einen Brief aus einer Sammlung erworben, der 1897 in Südamerika startete und einmal um die Welt ging. Weil er ungenügend frankiert war, versahen ihn die Chinesen in Shanghai mit Strafportomarken. Vor zwei Jahren habe ich den Brief an eine Auktion gegeben, für 200 Franken war er gelistet, für 12 000 Franken ging er weg, zwei chinesische Telefonbieter hatten sich ständig überboten. Offenbar sind die Portomarken in China sehr gesucht. Es gibt ein paar Neureiche, die bereit sind, fast jeden Preis zu zahlen.

«Für meine Enkel habe ich etwas reserviert, ich weiss aber nicht, ob sie je sammeln werden.»

Wenn man beim Räumen der Wohnung des verstorbenen Grossonkels auf alte Briefe stösst, was empfehlen Sie?
Die erste Frage ist immer: Gibt es Kinder oder Enkel, die daran Freude haben könnten. Wenn nicht kann man einen Sachverständigen beiziehen oder die Ergebnislisten von Auktionen studieren. Das Internet ist dagegen weniger eine Hilfe, weil die Versteigerungen da viel zu tief anfangen und der echte Wert er in den letzten Minuten einer Auktion zustande kommt.

Haben Sie in Ihrem Leben mit Marken mehr verdient oder mehr ausgegeben?
Sicher mehr ausgegeben. Aber ich bin jetzt dabei, meine Sammlung zu konzentrieren, auf Stücke aus Winterthur und Andelfingen. Auch für meine Enkel habe ich etwas reserviert, ich weiss aber nicht, ob sie je sammeln werden. Meine Kinder haben wieder damit aufgehört.

Die Philatelie hat ein Nachwuchsproblem.
Ja, das ist eindeutig so. Darum haben wir auch fusioniert. Aus dem 1884 gegründeten Philatelisten-Club Winterthur, gewissermassen dem Herrenclub, und dem Arbeiterverein Philatelia Winterthur ist der Philatelisten-Club Philatelia Winterthur geworden.

Man könnte sagen, die Winterthurer Philatelie tritt nur noch unter einer Marke auf. Was hat sich sonst verändert, durch die Fusion?
Wir haben dadurch eine solide Mitgliederbasis für unsere Vereinsaktivitäten. Jeden Monat gibt es eine Zusammenkunft mit eigenen und externen Referenten, es gibt einmal im Jahr einen Grillplausch und ein Weihnachtsessen. Zweimal im Jahr organisieren wir im Zentrum Töss eine Börse, im März und im September. Die ist natürlich nicht mehr ganz das, was sie einmal war. Früher haben wir im Casino den ganzen ersten Stock gefüllt, dann den grossen Saal im Volkshaus. Heute ist das Angebot noch etwa halb so gross.

www.philatelia.ch

(landbote.ch)

Erstellt: 02.03.2018, 12:19 Uhr

Alfred Bachmann ist Vizepräsident des Philatelisten-Clubs Winterthur. (Bild: mcl)

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