Winterthur

Die Manege gehört den Mitarbeitern

Eine Woche lang probten die Menschen der Brühlgut-Stiftung ihre Zirkusnummern zur Feier des 40-Jahr-Jubiläums. Heute Abend haben sie ihren ersten grossen Auftritt.

Hat den Mut gefunden: Flavia Sigg beim Proben der Vertikaltuchnummer.

Hat den Mut gefunden: Flavia Sigg beim Proben der Vertikaltuchnummer. Bild: Marc Dahinden

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Neun Clowns treten hinter dem roten Vorhang hervor in die gelbe Manege. Als die dramatischen Violinen von Beethovens Fünfter einsetzen, beginnen sie auf ihren unsichtbaren Instrumenten zu spielen. Einer schwingt den Taktstock, ein anderer wiegt sich so ergriffen hin und her, dass er für einen Moment das Gleichgewicht zu verlieren droht.

«Ganz ernst dreinschauen, ja?», ruft eine energische Frauenstimme. Und: «Denkt daran, ihr seid die grössten Musiker.» Die Stimme gehört Simona, die als Zirkusanimatorin beim Zirkus Balloni arbeitet. Zur Feier des 40-Jahr-Jubiläums gastiert dieser seit Anfang Woche auf dem Areal der Brühlgut-Stiftung im Wyden in Wülflingen.

Elchi, der Clown

Plötzlich verstummt die Sinfonie und ein wildes Rock-’n’-Roll-Stück setzt ein, worauf die Clowns so richtig ausflippen. Der Dirigent wirft in gespielter Wut den Notenständer um. Das mit der Ernsthaftigkeit mag noch nicht so hinhauen, Ausgelassenheit müssen die Artisten aber definitiv nicht mehr proben. Die Clownnummer wie auch das Tanzen und Zaubern gaben besonders viele Artisten der Brühlgut-Stiftung als erste Wahl an.

«Weil sie lustig sind», so Adrian Weidmann. Der 21-Jährige hat sich das unsichtbare Instrument (eine Gitarre), das Kostüm (eine mit zwei Luftballons gefüllte Obelix-Hose und eine bunte Mütze) sowie seinen Clownnamen (Elchi, nach seinem Lieblingstier) selbst ausgesucht. Da er bereits beim Schulzirkus als Clown auftrat, habe er bis jetzt noch kein Lampenfieber.

Helfer hinter den Kulissen

Neun Nummern haben die insgesamt 80 Artisten im Laufe der Woche eingeübt. Unter ihnen auch schwer beeinträchtigte Personen, die eins zu eins betreut werden müssen: «Wir wollten es allen ermöglichen», sagt Susanne Erb von der Brühlgut-Stiftung. Die Zirkuswoche zur Feier des 40-Jahr-Jubiläums sollte vor allem ein Anlass für die eigenen Leute sein. Bevor sie sich festlegten, konnten sie Verschiedenes ausprobieren.

Neben den Artisten gibt es noch rund 60 Helfer, die hinter den Kulissen mitarbeiten: «Schliesslich ist das Auftreten in der Manege nicht jedermanns Sache.» Die Helfer reissen etwa Tickets ab oder machen Popcorn. Neben Stiftungsräten und Politikern wie Nicolas Galladé werden heute und morgen Abend vor allem Angehörige kommen, um sich die private Show anzusehen.

Adrian, der Fakir

Nach den Clowns sind die Fakire mit Üben im Zelt an der Reihe. Anders als ihre Vorgänger proben sie noch ohne Kostüme. Nach einem Hüfttanz der Frauen zu orientalischen Klängen – ja, das geht auch im Rollstuhl – werden Nagelbrett und Scherben hervorgeholt. Zwei Männer betreten die Bühne mit nacktem Oberkörper, was von den Mitgliedern der anderen Gruppen mit lauten Oh-Rufen und Klatschen quittiert wird. Einer von ihnen wird später wiederum unter Oh- und Ah-Rufen eine brennende «Kerze», bestehend aus einem zylindrischen Apfelstück und einem brennenden Mandelsplitter (Nussöl), verschlucken.

Als Nächstes ist Adrian Vollenweider an der Reihe. Der Fakirgruppe hat er sich angeschlossen, weil ihm Feuer schon immer imponierte. Während der Gruppenleiter ihm den Zeigefinger in Brand steckt, liegt ein breites Grinsen auf seinem Gesicht. Wie der Trick funktioniert, will der 55-Jährige allerdings nicht verraten: «Geheim.» Seine Gruppe habe grosse Fortschritte gemacht: «Es sind Einzelheiten, die wir noch verbessern können.» Besonders freut ihn, dass seine Freundin und seine Bezugsperson von der Arbeit an die Aufführung kommen. Dann, mit Fes auf dem Kopf, Umhang und blauer Pluderhose, wird die Nummer des brennenden Fingers noch einmal eine ganz andere Wirkung entfalten.

Flavia am Vertikaltuch

Eine, die in dieser Woche über ihren Schatten springen musste, ist Flavia Sigg aus Hettlingen. Die 21-Jährige ist Teil der Schlussnummer, die musikalisch von Stiftungsratspräsident Ernst Schedler auf der Gitarre begleitet wird. Er spielt und singt «40 bunte Luftballons», frei nach Nena. Dazu werfen die Artisten bunte, an einem Tuch festgemachte Luftballons hoch, während Flavia Sigg aufrecht auf zwei zusammengeknüpften Vertikaltüchern steht. Ein grosse Sache für sie, die 18 Schrauben im Rücken hat und kein Risiko eingehen darf. «Am Anfang war es schwierig, es braucht viel Kraft in den Armen», sagt Sigg. Nach und nach fasste sie Vertrauen und konnte schliesslich allein stehen.

Erstellt: 12.07.2019, 09:30 Uhr

Jubiläumsjahr

Seit 40 Jahren im Einsatz für Behinderte

Dieses Jahr feiert die 1979 gegründete Brühlgut-Stiftung ihr 40-Jahr-Jubiläum. Ihr Angebot umfasst zahlreiche Wohn-, Arbeits-, Beschäftigungs- und Ausbildungsplätze für Menschen mit Beeinträchtigungen in Winterthur. Die Projektwoche mit dem Zirkus Balloni am Standort Wyden, die heute und morgen Abend in zwei Galavorstellungen für geladene Gäste gipfelt, ist Teil der Jubiläumsfeierlichkeiten. Neben Kiwido, Kraft, Slapstick, Tanz und Clowns stehen auch ein schwarzes Theater, Fakire sowie eine Tuchnummer auf dem Programm.

Ebenfalls am Samstag findet im Basler St.-Jakob-Park anlässlich des Fests zum 125-Jahr-Jubiläum des FC Basel ein Freundschaftsspiel zwischen dem FCB Dream-Team sowie dem FC Winterthur Brühlgut statt. Das Team wurde erst im letzten Herbst gegründet. Die Mitarbeiter oder Bewohner mit Beeinträchtigungen trainieren als offizielles Team des FC Winterthur auf der Schützenwiese. (dba)

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