Winterthur

«Die Menschen wachsen einem ans Herz»

Der Freiwillige Hans B. * kümmert sich als privater Beistand um die Finanzen von drei Personen. Ihm geht es nicht nur um die Vertretung in administrativen Angelegenheiten.

Nach seiner Pensionierung wollte Hans B.* in irgendeiner Form weiter tätig sein und der Gesellschaft etwas zurückgeben. (Symbolbild)

Nach seiner Pensionierung wollte Hans B.* in irgendeiner Form weiter tätig sein und der Gesellschaft etwas zurückgeben. (Symbolbild) Bild: Keystone

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Gerne berichtet die 55-jährige Frau von ihrem Urlaub. «Ich habe gemerkt, das hat ihr gutgetan», erzählt Hans B.*. Als Beistand der geistig und körperlich behinderten Frau hat er zusammen mit den Heimverantwortlichen diesen Entlastungsurlaub organisiert, nachdem seine Klientin wegen ihrer psychischen Beeinträchtigung wiederholt gegen ihre Mitbewohner und gegen Betreuungspersonal aggressiv geworden war. Hans B. erzählt von seiner vielfältigen und herausfordernden Aufgabe: «Meine Arbeit verläuft nie einfach nach Drehbuch.» Und er fügt an: «Das macht sie auch so spannend.»

B. betreut als privater Beistand drei Personen in Winterthur und Umgebung, die aufgrund von Krankheit oder einer psychischen oder geistigen Behinderung nicht in der Lage sind, ihre administrativen und finanziellen Aufgaben selber wahrzunehmen. Er führt Buch über das Einkommen und Vermögen seiner Klienten und ist dafür besorgt, dass deren Interessen gewahrt sind. Und er besucht sie regelmässig, um sich ein Bild von ihren Bedürfnisse und ihrem Allgemeinzustand zu machen.

Seit bald fünf Jahren ist Hans B. als Beistand im Einsatz. «Nach meiner Pensionierung wollte ich in irgendeiner Form weiter tätig sein», erzählt er. «Nicht auf meinem ursprünglichen Beruf im Finanzbereich. Ich wollte der Gesellschaft etwas zurückgeben.» Eher zufällig ist er auf ein Inserat für private Beistände gestossen. «Das war genau, was ich gesucht hatte», sagt er. «Zum einen konnte ich mein Fachwissen einbringen. Zum anderen ist man als Beistand aber auch auf einer menschlichen Ebene gefordert. Das hat mich gereizt.»

442 private Beistände

Die Interessierten besuchen eine Schulung und übernehmen nachher in der Regel ein Mandat, das im kleinen Rahmen entschädigt wird. Seit der Reorganisation der Vormundschaftsbehörde sind die 442 privaten Beistände der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Winterthur-Andelfingen unterstellt. Sie kommen bei einfacheren Mandaten zum Einsatz, wenn ein Fall komplizierter ist, kann die Kesb auf 24 Berufsbeistände im Bereich Erwachsenenschutz und 35 im Bereich Kinderschutz zurückgreifen. Kindesschutzmassnahmen werden in aller Regel nicht durch private Mandatspersonen geführt. Ob jemand verbeiständet wird, entscheidet die Kesb (siehe Infobox).

Die Kesb arbeitet gerne mit den privaten Beiständen zusammen. «Sie können sich für ihre Klienten mehr Zeit nehmen, als es ein Berufsbeistand könnte», sagt Jürg Morger von der Fachstelle Private Mandate. Das bestätigt B.: «Die gesamten administrativen Aufgaben sind klar ein wichtiger Teil meiner Aufgabe. Für mich ist jedoch das Menschliche ebenso wichtig. Ich schenke meinen Klientinnen Zeit, die über das rein Amtliche hinausgeht.»

20 Stunden pro Monat

Insgesamt nehmen seine drei Mandate B. pro Monat etwa 20 Stunden in Anspruch, die Besuche und Rechenschaftsberichte mit eingerechnet. «Ich besuche jede der drei Frauen normalerweise einmal im Monat», sagt er.

Ob er in seinem Amt an Grenzen gestossen ist? B. überlegt und sagt dann bestimmt: «Nein. Ich habe bis jetzt jede Situation gut einschätzen können und konnte auch immer rechtzeitig Rat bei der Fachstelle einholen.» Wichtig sei wohl zudem, dass man sich gut abgrenzen könne, sagt er. Und räumt ein: «Aber die Personen wachsen einem natürlich schon ans Herz.»

*Name geändert. (Der Landbote)

Erstellt: 02.04.2016, 08:58 Uhr

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Infobox

BEISTANDSCHAFTEN

Eine Beistandschaft im Erwachsenenschutz wird errichtet,
wenn ein Mensch aufgrund von geistiger, körperlicher oder psychischer Beeinträchtigung in seiner Urteilsfähigkeit eingeschränkt und deshalb nicht mehr in der Lage ist, selbstständig für sein Wohl zu sorgen. Zudem ist es den Betroffenen nicht möglich, in ihrer Umgebung oder bei privaten oder öffentlichen Beratungsstellen Hilfe zu holen. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) hat bei der Anordnung einer behördlichen Massnahme eine geeignete Person als Beiständin oder Beistand zu ernennen. Dies kann einer der 24 professionellen Beistände der drei Erwachsenenschutzstellen der Region Winterthur-Andelfingen sein oder auch eine private Mandatsperson, zum Beispiel jemand aus dem Umfeld der betroffenen Person oder eine Privatperson, die sich interessiert,die Aufgaben zu übernehmen.

Bei einfacheren Fällen kommt einer der 442 Freiwilligen der Fachstelle Private Mandate zum Einsatz. Häufig führen private Mandatspersonen eine Vertretungsbeistandschaft mit Vermögensverwaltung. Dabei werden sie beauftragt, sich um das soziale Wohl der verbeiständeten Person zu kümmern, für eine geeignete Wohnsituation zu sorgen und ihre administrativen und finanziellen Angelegenheiten zu erledigen. clp

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