Industriekultur

Die Nachbarin des alten Fritz ist wieder fit

In der Nagelfabrik ist eine weitere historische Maschine in 440 Arbeitsstunden restauriert worden. Sie produziert im Sekundentakt Nägel mit besonderen Köpfen – und das mit beträchtlichem Lärm.

Bernhard Stickel weiss, was die Nagelmaschinen brauchen: Immer wieder wollen sie geschmiert sein. Er und sein Team restaurieren eine Maschine um die andere. Foto: Marc Dahinden

Bernhard Stickel weiss, was die Nagelmaschinen brauchen: Immer wieder wollen sie geschmiert sein. Er und sein Team restaurieren eine Maschine um die andere. Foto: Marc Dahinden

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Helle Kleidung ist nicht zu empfehlen bei einem Besuch in der Nagli, vis-à-vis dem Bahnhof Grüze. Schwarzer Staub liegt über allem, ebenso ein Geruch von Eisen und Schmierfett. Die Fingerkuppen sind unweigerlich schnell schwarz, denn man kann sichs nicht verkneifen, die Dinge dort zu berühren. Zu faszinierend ist die alte Mechanik.

Für Telefonmasten der PTT

Fünf sogenannte Vertikalstiftschlagmaschinen stehen in der Fabrikhalle, die Maschinen sind etwa so alt wie die Nagelfabrik: Jahrgang 1895. Vertikal heissen sie, weil der Schlag auf den Stift von oben nach unten erfolgt. Zwei der Maschinen fertigen Nägel aus einer Rolle mit Draht. Zwei machen grosse Köpfe: Eine mit dem Namen «Der alte Fritz» schlägt zum Beispiel eine Jahreszahl in den Nagelkopf.

Bernhard Stickel, Leiter einer dreiköpfigen Restaurationscrew, lässt die Nagelmaschinen rattern. Video: Martin Gmür

Damit die SBB und die PTT wussten, wann eine Gleisschwelle verlegt oder ein hölzerner Telefonmast zum letzten Mal kontrolliert wurde, schlug man einen entsprechend gezeichneten Nagel ein. In ganz kleinem Umfang habe diese Tradition bis heute überlebt, sagt Bernhard Stickel: «Wir verdienen deshalb sogar ein wenig Geld mit den Nägeln vom alten Fritz.»

Fronarbeit mit Fachkenntnis

Stickel ist pensionierter Maschineningenieur und Leiter einer dreiköpfigen Restaurationscrew in der Nagli, genauer gesagt: beim Verein für Industrie- und Bahnkultur (Inbahn). Der Verein und die Schweizerische Nagelfabrik AG funktionieren nebeneinander in den historischen Fabrikhallen. Stickels Team hatte dort gestern Grund zur Freude. In 440 Arbeitsstunden hatten die drei Männer die vierte Maschine wieder fit gemacht, nun wurde sie offiziell und feierlich eingeweiht. Die längst pensionierte Lady hämmert jetzt wieder neben dem alten Fritz. Ihre Spezialität: Sie fertigt Köpfe, die gut aussehen. Vierstreichnägel zum Beispiel, die den Eindruck erwecken, als hätte ein Schmied mit vier Schlägen den Kopf geformt. Oder hübsch gerundete Gurtennägel, womit ein Sattler Lederriemen an Holzigem befestigen konnte. Die fünfte Maschine in der Reihe steht seit Jahrzehnten still, sie ist die nächste Herausforderung für Stickels Trio. Sie dient nicht dazu, Nägel im engeren Sinn zu machen, sondern sogenannte Fensterstreicher. Bitte googeln, denn das sind drahtförmige Dinge, die man kaum beschreiben kann. Ausser vielleicht so: Fensterstreicher helfen, die Fensterläden zu fixieren.

Finger in die Ohren stecken

Angetrieben werden die Maschinen über Transmissionsriemen, mit einem Hebel schaltet Stickel den Riemen von Leerlauf auf Antrieb. Es rattert und knirscht, hämmert und scheppert. Laut ists, sehr laut sogar. Stickel hat den Spruch dazu auf Lager: Finger in die Ohren stecken, so geraten sie nicht in die Maschine. (Landbote)

Erstellt: 07.02.2019, 15:43 Uhr

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