Winterthur

Die Ombudsfrau ist auch Psychologin

Viviane Sobotich hat ihren Jahresbericht vorgestellt. Ihr Thema heisst diesmal Perspektivenwechsel.

Ombudsfrau Viviane Sobotich zitiert gerne bekannte Namen, zum Beispiel Albert Einstein: «Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.»

Ombudsfrau Viviane Sobotich zitiert gerne bekannte Namen, zum Beispiel Albert Einstein: «Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.»

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Die Jahresberichte der Ombudsstelle Winterthur, wo sich Leute über die Stadtverwaltung beschwerden können, sind stets eine unterhaltsame und aufschlussreiche Lektüre. Sie zeigen Schicksale und Schrullen, Macht und Ohnmacht, Fragwürdigkeiten und Frechheiten.

Dieses Jahr outet sich die juristisch ausgebildete Ombudsfrau Viviane Sobotich auch als Psychologin. In ihrem Haupttext zum Thema Perspektivenwechsel zitiert sie Paul Watzlawick, Carl Rogers und Stephen Gilligan und lässt Berühmtheiten zu Wort kommen, die Wichtiges zum Thema zu sagen haben. Antoine de Saint-Exupéry etwa: «Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.» Oder Albert Einstein: «Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.»

Leute suchen Bestätigung

Sobotich hat sich dazu, basierend auf ihren beruflichen Erfahrungen mit Rat suchenden, mit enttäuschten und mit wütenden Menschen, ihre eigenen Gedanken gemacht. Und sie schildert die Ausgangslage, die sich ihr jeweils bietet, sehr nüchtern: Der Gang zur Ombudsstelle sei «grundsätzlich dadurch motiviert, dass man hofft, die eigene Sichtweise bestätigt zu bekommen». Doch der Gang zu ihr schliesse immer auch «das Risiko ein, etwas Anderes zu hören». Somit sei stets schon eine gewisse Bereitschaft vorhanden, «die eigene Sichtweise zu hinterfragen und allenfalls eine andere Perspektive einzunehmen».

Sobotichs Erfahrung im Suchen einer Lösung ist diese: «Betrachten wir den Streitpunkt gewissermassen durch die Brille unseres Gegenspielers, können wir dessen Position meist besser verstehen. (...) Es kommt zu einer Selbstreflexion, die uns erkennen lässt, welches unser eigener Anteil an der verfahrenen Situation sein könnte und für welche Anteile daran wir allenfalls die Verantwortung tragen.»

In fünf gut dokumentierten, aber anonymisierten Fällen zeigt Sobotich dann, dass selbst ihr Rezept nicht in jedem Fall zu einer Lösung oder einer Einigung führt: Ein Souschef kündigt enttäuscht und wütend, eine Chefin sieht sich in die Enge getrieben und verlässt die Verwaltung, und einmal muss die Ombudsfrau selber feststellen, dass ihr eine Vermittlung nicht möglich sei.

Die Ombudsfrau hat aber auch positive Fälle

Sie schildert aber auch positive Beispiele: Eine Verwaltungsstelle ändert die Vorschriften nach einer Beschwerde in Windeseile, und Eltern erklären sich nach langem Kampf bereit, die Schule nicht zu schmähen, sondern zu unterstützen.

Amüsant und leicht zu lesen dann sind 80 Fälle, die Viviane Sobotich in Kurzform schildert: Sie zeigt damit die Fähigkeit, eine oft lange und komplizierte Geschichte auf fünf kurzen Zeilen zu erzählen. Eine Best-of-Auswahl findet sie unten.

Insgesamt gingen bei ihr im letzten Jahr 159 Fälle ein, 100 von Personen ausserhalb der Verwaltung; das ist die tiefste Zahl der letzen fünf Jahre, 49 Fälle betrafen das Sozialdepartement, 18 das Polizeidepartement. 59 waren interne Fälle, hier betrafen 18 Fälle das Schuldepartement.

  • «Mein Nachbar betrügt!» Frau W. ist sich sicher, dass ihr Nachbar die Mieteinnahmen aus der Untermiete nicht versteuert. Sie erkundigt sich, wo sie ihren Nachbarn anzeigen kann.

  • Verkehrsschild ersetzt. Frau A. ist empört. Sie habe ein Verkehrsschild umgefahren. Statt dieses zu reparieren, habe die Stadt gleich ein neues bestellt. Und sie müsse es nun bezahlen. Das sei unverhältnismässig.

  • Wer zahlt die Schulbücher? Herr M. erzählt, sein Sohn besuche die Kantonsschule und brauche für den Unterricht teure Bücher. Er habe aber kein Geld, und das Sozialamt unterstütze ihn nicht. Jetzt wisse er nicht mehr weiter.

  • «So eine Schweinerei!» Herr B. und sein Nachbar finden es stossend, dass nichts gegen die «Schweinerei» rund um die Entsorgungsstelle vor ihren Häusern unternommen wird. Das sei eine Zumutung.

  • «Sie hat mich angeschnauzt!» Herr R. beschwert sich über das Benehmen einer Stadtpolizistin nach einem Unfall. Sie habe ihn angeschnauzt und keine seiner Fragen beantwortet. Er habe sich gefühlt wie ein Schwerverbrecher.

  • Keine Krankenkasse mehr. Er habe auf der Strasse gelebt und deshalb seine Post nicht bekommen, berichtet Herr G. Jetzt sei er bei den Zusatzleistungen abgemeldet, und die Krankenkasse werde nicht mehr bezahlt.

  • Kein Geld für Deutschkurs. Frau P. ist vorläufig aufgenommen und hat einen Deutschkurs für Anfänger besucht. Sie würde gerne weiterlernen, aber gemäss Frau P. will das Sozialamt den nächsten Kurs nicht bezahlen.

  • Eskorte auf Steuerkosten. Frau U. ist empört, dass die Stadtpolizei einem Unternehmer eine Polizeieskorte für seine Fahrt zur kirchlichen Trauung zur Verfügung gestellt hat. Dafür müsse dann der Steuerzahler aufkommen.

  • Schlimmer Verdacht. Frau P. hat geerbt. Nun verdächtigt sie ihre Beiständin, sich an ihrem Erbe zu vergreifen. Dokumente eingeschlossen Frau S. ist ratlos. Das Amt für Zusatzleistungen verlange Unterlagen von ihr, die sie gar nicht besorgen könne. Ihre ehemalige Wohnung sei mitsamt ihren Dokumenten zwangsgeräumt worden. Jetzt sei alles in einem Lagerraum eingeschlossen, und sie, Frau S., habe keinen Zugang.
(Landbote)

Erstellt: 16.04.2019, 18:49 Uhr

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