Sicherheit

Die private Patrouille rechnete sich nicht

Die Dämmerungs-Patrouille in der Breite sollte Einbrecher abschrecken und schaffte es bis ins Fernsehen. In diesem Winter ist sie nicht mehr unterwegs – zu wenige Haushalte wollten bezahlen.

Mit Taschenlampe auf Tour: Simon Obrist im letzten Winter.

Mit Taschenlampe auf Tour: Simon Obrist im letzten Winter. Bild: Johanna Bossart

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Mit Leuchtweste und Taschenlampe ging Simon Obrist mit Freunden im letzten Winter jeden Abend durchs Breite-Quartier. Ziel der unbewaffneten Aufpasser: Präsenz zeigen und so Dämmerungseinbrecher abschrecken. Bei Verdachtsmomenten griffen sie nicht selbst ein, sondern riefen die Polizei. Die professionell organisierte Nachbarschaftswache schaffte es sogar ins Schweizer Fernsehen. Obrist hatte alle Quartierbewohner per Brief eingeladen, für 90 Franken pro Monat und Haushalt am Programm teilzunehmen. Wenn mehr als 70 Haushalte mitmachten, sinke die Gebühr.Privatleute, die für Geld durchs Quartier patrouillierten, das kam nicht überall gut an. Der junge Unternehmer musste sich für seine Idee viel Kritik anhören. Er fühlt sich missverstanden: «Es ging uns nie darum, ein Geschäft zu machen. Es war eine Initiative aus dem Quartier fürs Quartier.» Aufgrund der Erfahrungen des letzten Winters entschied Obrist sich, die Quartierpatrouille heuer nicht mehr anzubieten. Wer im Internet danach sucht, findet nur noch Medienberichte, die Website hat Obrist gelöscht.

Nur 75 Haushalte zahlten

Finanziell habe sich der «Pilotversuch», wie er es nennt, für ihn nicht gelohnt, sagt Obrist. «Wenn man den hohen administrativen Aufwand berücksichtigt, war der Stundenlohn extrem tief.» Nur rund 75 Haushalte hatten sich beteiligt. Die Idee dazu war ihm an einem früheren, ländlich geprägten Wohnort gekommen. Dort waren es Freiwillige aus der Nachbarschaft, die abends durchs Dorf gingen. Doch Obrist ist überzeugt: In der Stadt wäre der Enthusiasmus bald versandet. «Deshalb wollte ich das professionell organisieren. Manche Leute zahlen lieber einen gewissen Betrag, um sich sicherer zu fühlen, als dass sie selbst durch die Nacht laufen.»

Kehrtwende der Polizei?

Ein entscheidender Rückschlag war, als sich die Stadtpolizei öffentlich vom Projekt distanzierte. In dem ersten Werbebrief hatte Obrist noch mit einem Zitat des Leiters Sicherheitspolizei der Stadtpolizei geworben, der die Initative ausdrücklich empfahl. «Ein Missverständnis in der Kommunikation» sagte die Stadtpolizei als der «Landbote» und andere Medien nachfragten. Obrist ärgert das. «Ich weiss, was ich hörte.»

«Es ging uns nie darum, ein Geschäft zu machen.»Simon Obrist, Initiant der Quartierpatrouille

Viele Quartierbewohner hätten ihm danach erklären wollen, wie man das Projekt hätte besser organisieren sollen, sagt Obrist. «Bloss: Wenn ich sie fragte, ob sie denn selbst mitmachen oder zahlen würden, waren sie rasch sehr still.» Er ziehe die Konsequenzen. «Wenn von 1300 Haushalten nur 75 mitmachen möchten, dann ist das Angebot offenbar einfach nicht mehrheitsfähig.» Der selbstständige Unternehmer konzentriert sich wieder auf seine anderen Projekte.

«Fühlen uns sicher»

Die Quartierbewohnerin und grüne Gemeinderätin Doris Hofstetter war eine frühe Kritikerin. Sie findet, die Quartierpatrouille habe auf die Ängste der Quartierbewohner abgezielt oder diese erst geschürt. Doch offensichtlich sei das Sicherheitsgefühl in der Breite besser als gedacht. «Ich fühle mich jedenfalls sehr sicher», sagt Hofstetter. Und das, obwohl in ihr Haus im letzten Winter tatsächlich eingebrochen wurde – trotz Patrouille.

Auch der Präsident des Quartiervereins Breite-Vogelsang, Michael Oettli, sieht keinen Bedarf an Sicherheitsdiensten, die über das Angebot der Polizei hinausgehen. Die Resonanz im Quartier habe er als eher skeptisch oder zum Teil ablehnend wahrgenommen. Der Quartierverein selbst habe sich neutral verhalten und weder Werbung für die Patrouille gemacht, noch sich offiziell dazu geäussert. Mit Obrist habe man ein Schlussgespräch geführt und über mögliche Verbesserungen für den Fall einer Fortsetzung gesprochen.

«Botschaft ist angekommen»

Dazu kommt es nun nicht. Doch Obrist ist überzeugt: «Unsere Botschaft ist angekommen.» Die Polizei habe ihre Präsenz vor Ort merklich verstärkt und auch der Quartierverein habe das Thema Sicherheit aufgenommen. Unlängst wurde ein Info-Anlass in Zusammenarbeit mit der Kantonspolizei durchgeführt, an dem auch Einbruchsschutz ein Thema war. Allgemein sind die Einbruchszahlen in Winterthur und der Region deutlich rückläufig, wie kürzlich wieder zu lesen war. In den letzten fünf Jahren haben sie auf Stadtgebiet sich quasi halbiert, auf rund 500 Delikte pro Jahr. (Landbote)

Erstellt: 29.11.2017, 15:55 Uhr

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