Winterthur

Die Reformierten verschieben die Reform

Kirche Fusionieren oder nicht? Die sieben reformierten Kirchgemeinden in der Stadt Winterthur sind in dieser Frage gespalten. Nun haben sie den Entscheid vertagt.

Der Fusionsdruck ist in Winterthur angekommen.  Die Kirchgemeinden aber wollen sich Zeit nehmen.

Der Fusionsdruck ist in Winterthur angekommen. Die Kirchgemeinden aber wollen sich Zeit nehmen. Bild: Marc Dahinden

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Es ging ungewohnt hoch her an der ausserordentlichen Sitzung der Zentralkirchenpflege vom letzten Montag. Die sieben reformierten Kirchgemeinden der Stadt stellten ein ganzes Bündel von Anträgen. Schliesslich bildeten sich aus dem Interessengemenge zwei Lager heraus: eines, das für eine sofortige Kirchenfusion eintrat, und eines, das zuerst verschiedene Organisationsformen prüfen wollte. Und dieser zweite Antrag, gestellt vom Vorstand des Stadtverbandes, setzte sich mit 12 von 17 Stimmen durch.

Der Entscheid, ob sich die sieben Kirchgemeinden zu einer einzigen grossen mit rund 35 000 Mitgliedern zusammenschliessen, ist damit um eineinhalb Jahre vertagt, und Winterthur fällt im Strukturreformprozess der kantonalen Kirche zurück. In der Stadt Zürich haben die Stimmberechtigten der 34 reformierten Kirchgemeinden bereits 2014 entschieden, sich zu einer einzigen Kirchgemeinde mit 80 000 Mitgliedern zusammenzuschliessen. In Winterthur soll nun bis 2018 eine Kommission Anträge für verschiedene Reformvarianten ausarbeiten.

«Es dauert jetzt länger, aber unglücklich ist hoffentlich keiner mehr.»

Verena Bula,
Präsidentin der Zentralkirchenpflege Winterthur

«Es dauert jetzt eben länger, aber unglücklich ist hoffentlich keiner mehr», sagt Verena Bula, Präsidentin der Zentralkirchenpflege Winterthur. Der Verbandsvorstand habe mit seinem Vorschlag einen Kompromiss erzielt und alle wieder ins Boot geholt. Für eine sofortige Fusion hatten sich die Kirchgemeinden Töss, Stadt und Wülflingen stark gemacht. Seen und Oberwinterhur hielten dagegen. Eher vermittelnd positionierten sich Mattenbach und Veltheim.

Die verschiedenen Szenarien

Nebst der Grossfusion und dem Erhalt der heutigen Autonomie, sollen insbesondere auch Mischformen diskutiert werden, wie sie ein Ausbau der zentralen Leistungen des Stadtverbandes möglich machen würde. Heute beschränkt sich dessen Tätigkeit vorab auf die Administration. «Es gibt Stimmen, die sagen, man könnte dem Stadtverband diakonische Aufgaben übergeben und so die Kirchgemeinden entlasten», sagt Bula.

«Aber es muss nicht vielen schlechter gehen, damit es Einzelnen besser geht.»

Als Kirchenpflegepräsidentin von Seen sieht Bula die Grossfusion eher kritisch. Seen sei mit über 6500 Mitgliedern eine grosse, gut funktionierende Gemeinde. «Da fragt man sich natürlich, warum man das aufgeben soll.» Für kleinere Gemeinden wie zum Beispiel Töss sei es schwieriger, allein das ganze kirchliche Angebot zu stemmen. «Das müssen wir ernst nehmen», sagt Bula. «Aber es muss nicht fast allen schlechter gehen, damit es Einzelnen besser geht. Vielmehr sollten alle profitieren können.»

Vieles, was eine Fusion mit sich bringen würde, sei relativ unklar, sagt Bula, etwa wie die Pfarr- und Behördenwahl ausgestaltet würde. Mit der Kommission könne man nun alle Szenarien auf Herz und Nieren überprüfen.

Zweifel an der Extrarunde

Denise Zier, Präsidentin der Kirchgemeinde Töss, und Befürworterin einer Fusion, respektiert die Kompromisslösung. Glücklich ist sie damit aber nicht. «Ich bin skeptisch, ob wir in eineinhalb Jahren nicht wieder am genau gleichen Punkt stehen wie heute.»

Schon in den letzten beiden Jahren hatte die Kirchgemeinde Töss mit der Kirchgemeinde Stadt auf eigene Initiative Gespräche über eine gesamtstädtische Fusion geführt. Zier ist auch aus praktischen Gründen überzeugt vom Modell der Zusammenlegung. «Wir hätten dann schnell eine neue Struktur, die es erleichtert, die Kirchgemeinden zu leiten. Dann könnten wir uns auch früher wieder aufs Kerngeschäft konzentrieren.»

Auch Zier setzt eine Fusion aber nicht absolut. Wichtig sei vorab, die Zusammenarbeit auszubauen. Ob das im Stadtverband passiere oder in einer Einheitsgemeinde, die Gemeinden müssten einfach bereit sein, Kompetenzen abzugeben. «Das könnte für einige der Knackpunkt sein.» Zier möchte vor allem administrative Funktionen zentralisieren. «Gleichzeitig müssen wir schauen, dass in allen Gemeinden die diakonische Verantwortung funktioniert.»

«Ich bin skeptisch, ob wir in eineinhalb Jahren nicht wieder am gleichen Punkt stehen.»

Denise Zier,
Präsidentin der Kirchgemeinde Töss

In diesem Punkt liegen Befürworter und Gegner einer Fusion nicht weit auseinander. Auch Hans Peter Krähenbühl, Präsident der Kirchenpflege Oberwinterthur, plädiert für eine Konzentration der Administration. Insbesondere möchte er die Verwaltung der Kirchenliegenschaften zentralisieren, aber auch bei Finanzen und Personal könnten die Gemeinden enger zusammenarbeiten, sagt er.

Eine einzige grosse Kirchgemeinde lehnt Krähenbühl aber als ineffizient ab. «Dann hätten wir ein Dachgremium und ein Kirchenparlament. Wir wollen keinen grossen Haufen, wo alle durcheinanderreden.» Krähenbühl übt grundsätzliche Kritik am kantonalen Reformvorhaben «Kirchgemeinde plus». Der Kirchenrat habe sich damit ein Denkmal setzen wollen und lenke nur von dringenderen Problemen ab, sagt er. «Indem wir Gemeinden zusammenlegen können wir nicht verhindern, dass die Leute weglaufen. Eine Reform im Innern wäre nötiger.»

Schwierige Ausgangslage

An der nächsten ordentlichen Sitzung im Juli will der Stadtverband die Mitglieder der neuen Kommission wählen – je eine Vertretung aus jeder der sieben Kirchgemeinden, zwei Vertreter aus dem Pfarrkonvent und je eine Vertretung aus den sogenannten Fachkonventen. «Es müssen genügend Ressourcen da sein und es muss sich das gesamtstädtische Interesse abbilden», sagt Verbandspräsidentin Bula.

Kristallisiert sich bis Ende 2018 kein Konsens heraus, wird es kompliziert: Denn eine grosse Fusion bedarf der Einstimmigkeit im Stadtverband. Und ein Ausstieg einzelner Mitglieder aus der Dachorganisation mit dem Ziel einer Teilfusion wäre mit erheblichem Aufwand verbunden – in diesem Punkt sind sich alle Seiten einig.

Wie sich die reformierte Wohnbevölkerung in Winterthur verteilt. Quelle: Einwohnerkontrolle Stadt (Der Landbote)

Erstellt: 17.03.2017, 15:50 Uhr

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