Stadtrats-Ersatzwahl 2017

Die Schwankungsfreie

Christa Meier wurde von Nelson Mandela in Los Angeles politisch erweckt. Jetzt will die 44-Jährige einen dritten SP-Sitz im Stadtrat erobern und wirkt dabei unbeschwert wie immer. Privat hatte sie es in letzter Zeit jedoch nicht einfach.

Christa Meier plant den Angriff: Vor dem KSW stemmt sie schon mal sinnbildlich den grünen Sitz. Bild: Marc Dahinden

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Christa Meier ist gebürtige Winterthurerin, weil sie zu spät kam. 1972 stand das Ehepaar Meier kurz vor dem Umzug nach St. Gallen, es war schon alles gepackt und geplant; doch Christa hielt ihren Geburtstermin nicht ein, und die Ärzte des Kantonsspitals rieten der Mutter, die Geburt des Kindes in Winterthur abzuwarten. Christa kam schliesslich zwei Wochen nach dem Termin zur Welt, verbrachte einige Tage in ihrer Geburtsstadt und zog dann mit den Eltern nach St. Gallen.

Doch das Schicksal führte Christa Meier und Winterthur rasch wieder zusammen. Als Achtjährige kam sie zurück, die Familie wohnte im Veltemer Pfarrhaus. Ihr Vater war zwar nicht in Veltheim selber Pfarrer, doch stand das Haus gerade frei. «Eine wunderschöne Zeit, ein irrsinnig schönes Zuhause», erinnert sich Meier.

Sie erzählt das ­alles bei einem Gespräch im Kantonsspital – auch hierhin führte sie das Schicksal zurück. Seit sechs Jahren arbeitet die ausgebildete Primarlehrerin in der Spitalschule, seit eineinhalb Jahren als Leiterin des kleinen Teams.

Die Journalisten im Rücken

Meier trägt um den Hals ihr Markenzeichen, einen breiten bunten Schal, sie lacht viel. So kennt man sie im KSW, so kennt man sie in der Politik. Seit neun Jahren sitzt Meier im Winterthurer Gemeinderat, ganz zuhinterst auf der linken Ratsseite, im Rücken die Sitzreihe der Medienvertreter. Die Journalisten bekommen Meiers Freude und Meiers Empörung hautnah mit. Beides wirkt echt, Abgebrühtheit scheint auch nach fast einer Dekade Lokalpolitik nicht Meiers Ding zu sein.

«Der Kapitalismus schafft sich ja sowieso selber ab.»Christa Meier, 
SP-Stadtratskandidatin

Politisch agiert sie seit Jahren schwankungsfrei, hat sich innerhalb der SP verlässlich eingemittet. Den Kapitalismus wolle sie nicht abschaffen, sagt sie und lacht: «Der Kapitalismus schafft sich ja sowieso selber ab.» Sie ist keine Marxistin, will das System reformieren. Liberal sei sie dennoch nicht, den entsprechenden Parteiflügel empfindet sie aber als Bereicherung.

Über sich selber sagt Meier: «Ich bin authentisch und direkt, und das meistens im positiven Sinn.» Sie rede «ohne Filter» und sei «grundanständig». Meiers Vorstellungen einer «wertschätzenden Diskussionskultur» wurden im Pfarrhaus geprägt, dort justierte sie auch ihre politischen Koordinaten.

Schon die Mutter war SP-Mitglied, der Vater «SP-nah». Meier ist die älteste von drei Töchtern, ihre jüngste Schwester Ursina sitzt im Gemeinderat vier Stühle neben ihr – ebenfalls eine Sozialdemokratin.

Eine junge Pazifistin

Doch eines der prägendsten politischen Erweckungserlebnisse geschah weit weg von der Familie, weit weg von Winterthur. Als 16-Jährige wohnte Meier ein Jahr lang bei einer mexikanischen Gastfamilie in Los Angeles. Der Höhepunkt des Jahres: eine Rede des südafrikanischen Befrei­ungs­helden Nelson Mandela im Olympiastadion.

Mandela kam frisch aus dem Gefängnis und war auf einer Art Welttournee. Er sprach über die Apartheid, über soziale Ungerechtigkeiten und stiess bei der jungen, «überzeugten Pazifistin» Christa Meier auf offene Ohren.

Ein zweites prägendes Erlebnis war 1993 die Nichtwahl von SP-Frau Christiane Brunner in den Bundesrat. Die Ungerechtigkeit, egal ob sie Geschlecht oder Hautfarbe betrifft, habe System, merkte Meier, und sie verschrieb sich dem Kampf dagegen.

«Die vergangenen Monate waren heftig.»

Christa Meier

Nun will sie diesen Kampf in einer Exekutive weiterführen. Das scheint folgerichtig, hat sich Meier doch in den letzten Jahren von einer eher stillen Parlamentarierin zu einer Repräsentationsfigur der Partei gewandelt. Meier ist präsent und bekannt, spätestens seit 2014, als sie ein Jahr lang als Parlamentspräsidentin amtete. Im selben Jahr ­erhielt sie von allen Gemeinde­rätinnen und -räten die meisten Wählerstimmen.

Verändert hat sich bei Christa Meier auch im privaten Umfeld viel. Die vergangenen Monate bezeichnet sie als «heftig». Meier befindet sich gerade mitten in der Scheidung von dem Mann, mit dem sie seit Gymizeiten zusammen war.

Bereits vor einem Jahr gab sie den Doppelnamen auf, im Sommer zog sie in eine kleine Wohnung beim Bahnhof Töss. Doch wie im Politischen fährt sie auch inmitten eines persönlichen Dramas keinen Schlingerkurs, ihre Prioritäten sind klar: «Wir sind nicht zerstritten, ich bin häufig in unserem alten Haus, unser System ist sehr durchlässig.» Am meisten schaut sie nun auf jene, die in solchen Situationen selber am machtlosesten sind: «Unsere beiden Teenagerkinder sollen ihr Leben möglichst so weiterführen können wie bisher.»

(Der Landbote)

Erstellt: 28.12.2016, 15:32 Uhr

Brückenbauerin oder Mitläuferin?

Sie ist als Mensch sehr beliebt, doch über Christa Meiers Eignung für den Stadtrat wird unterschiedlich geurteilt.

SP-Kollege Felix Landolt preist Christa Meiers «breites Fachwissen». Sie sei als Lehrerin ­pädagogisch und sozial bestens ausgebildet, hinzu kämen ihre Kenntnisse im Städtebau und in Winterthurer Architekturfragen. «Meier hat es als Kommissionsreferentin für das Amt für Städtebau stets geschafft, komplexe Themen verständlich wiederzugeben und zu ver­treten», sagt Landolt.

Ein politischer Prüfstein sei Meiers Präsidialjahr gewesen. «Dort hat sie gezeigt, mit ­welcher Offenheit sie Politik macht, das kam bei den Leuten gut an.»

«Das reicht nicht»
Ein politischer Gegner, der SVP-Politiker Walter Langhard, verliert hingegen fast nur negative Worte über die SP-Frau. Er möge sie zwar als Person, sagt Langhard, «doch das reicht nicht». In der Bau- und Betriebskommission, der beide angehören, sei Meier «eher eine Mitläuferin». Sie sei bei den wenigsten Geschäften aktiv dabei. «Sie stimmt dann einfach nach der Parteimeinung, diskutiert aber nicht wirklich mit», findet Langhard. Die Führung eines grossen Departements, wie beispielsweise die frei werdenden Technischen Betriebe, traut ihr Langhard nicht zu. «Da mache ich ein grosses Fragezeichen, Christa Meier fehlt einfach die Erfahrung aus der Wirtschaft.»

Ein versöhnliches Wort gibts von Ex-Stadträtin Pearl Pedergnana (SP). «Christa geht der Sache auf den Grund, sie sucht immer Lösungen für ­beide Seiten, sie ist eine eigentliche Brückenbauerin.»

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