Winterthur

«Die Sprache ist der erste Schritt zu einer gelungenen Integration»

Anwar Sadiq Ali kam als Flüchtling aus Pakistan in die Schweiz. Unfreiwillig und nur durchZufall, wie er sagt. Heute leitet er das Asylheim Hegifeld und diskutiert am Samstag an der Podiumsdiskussion zumThema Barmherzigkeit.

Anwar Sadiq Ali (52), Sozialarbeiter und Leiter des Asylheims Hegifeld, weiss aus eigener Erfahrung, was es heisst, zu flüchten.

Anwar Sadiq Ali (52), Sozialarbeiter und Leiter des Asylheims Hegifeld, weiss aus eigener Erfahrung, was es heisst, zu flüchten. Bild: Nathalie Guinand

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Morgens um neun ist es noch ruhig im alten Sulzer-Personalheim in Hegi, viele Rollläden sind geschlossen. Im Hof, mit Blick aufs Schloss, liegt verlassen ein Fussball. Auch beim Schalter des Betreuerbüros sind die Rollläden unten. Im Innern sind Anwar Sadiq Ali und sein Team (ein Mitarbeiter, zwei Zivilschützer und eine freiwillige Helferin) zum gemeinsamen Frühstück versammelt. Alis Begrüssung ist herzlich, er lädt die Journalisten zum Kaffeetrinken ein.

Unermüdlicher Einsatz für die Kinderrechte

Bevor Ali in die Schweiz kam, war er Anwalt für Menschenrechte in Pakistan. Er bekämpfte die Kinderarbeit und die Versklavung von Arbeitskräften in den Teppich- und Sportartikelfabriken Pakistans. Er war ein aktives Mitglied des Vereins Bonded Labour Liberation Front Pakistan (BLLF), der sich für Kinderrechte einsetzt. Durch diesen Verein kam er auch in Kontakt mit verschiedenen bekannten westlichen Medien.

Er lieferte den Journalisten authentische Fälle, da er die Fabriken und das System genau kannte. Der schwedische Regisseur Magnus Birkmar hat diese Geschichten in mehreren Dokumentarfilmen aufgegriffen. Die bekannteste Geschichte ist wohl die von Iqbal Masih. Masih war ein Kindersklave, der mehrere Jahre lang in einer Fabrik Teppiche knüpfen musste. Nach seiner Befreiung durch die BLLF setzte sich der junge Masih für Kinderrechte in der ganzen Welt ein. 1995 wurde er in Pakistan unter nebulösen Umständen erschossen. Auch Ali geriet zu Beginn der Neunzigerjahre wegen seiner Arbeit zusehends unter Druck. Seine Familie wurde verhaftet und auch er wurde politisch verfolgt.

Hauptsache, weg aus Pakistan, egal wohin

Darum nutzte er eine Einladung an einen Kongress in Genf 1994 zur Flucht. Der Kongress verpasste er zwar, doch hatte er ein gültiges Visum, das ihm die Einreise in die Schweiz ermöglichte. Die Schweiz war nicht sein Wunschziel, er musste einfach weg und nutzte die Gelegenheit. «Ich hatte keine Ahnung vom Asylprozedere in der Schweiz. Also habe ich eine Person aus Indien gefragt, wo ich hier Asyl beantragen kann. Sie hat mich in ein Flüchtlingsheim in Genf geschickt.»

Von Genf aus ging es nach Chiasso in ein Empfangszentrum, zusammen mit vielen Flüchtlingen des Bosnienkonflikts. Nach einem Monat wurde die Familie Ali in den Kanton Schwyz verschoben. In dieser Phase begann Anwar Sadiq Ali seine Leben neu zu gestalten.

Er lernte in Kursen von Caritas Schweiz die ersten Wörter Deutsch. «Die Kommunikation war die grösste Barriere. Ich konnte nur Englisch, was ein Problem war», sagt er rückblickend. Auch heute seien gute Sprachkenntnisse der erste Schritt zu einer gelungenen Integration. Intensive Deutschkurse werden aber nur Asylbewerbern mit positivem oder vorläufig positivem Entscheid angeboten. Bei Ali dauerte das zwei Jahre. Zu diesem Zeitpunkt wohnte er bereits zusammen mit seiner Familie in einer Wohnung in Einsiedeln.

Neustart als anerkannter Flüchtling

Das Jurastudium und das Anwaltspatent wurden in der Schweiz nicht anerkannt und so musste Ali sich neu orientieren. «Meine Frau war wie ein Sozialarbeiter für mich», sagt er und schmunzelt. «Sie machte einen Plan, wie es weitergehen soll. Der Plan war, dass ich arbeitete und mich fortbildete, dafür organisierte sie zu Hause alles.»

Den Arbeitseinstieg schaffte Ali in der Gastronomie mit einem Job als Hilfskoch. Später war er Nachtwächter in einem Asylheim und studierte parallel dazu soziale Arbeit in Luzern. «Luzern ist eine sehr wichtige Stadt für mich. Dort wurde ich eingebürgert, es ist mein Heimatort», sagt Ali.

2011 kam er mit seiner Familie nach Winterthur, um die Stelle als Sozialarbeiter im Asylheim anzutreten. Die Arbeit im Bereich Asyl war ein explizierter Wunsch von Ali, denn hier könne er Leuten helfen, denen es nicht so gut gehe wie ihm. Den Schwachen zu helfen, war schon als Kind seine Motivation, Menschenrechtsanwalt zu werden. Er konnte nicht verstehen, warum seine gleichaltrigen Kollegen arbeiten mussten, während er zur Schule ging.

Sozialarbeit als Verpflichtung gegenüber drei Seiten

Ali versteht seinen Beruf als Auftrag von drei Seiten. Nebst seiner Verpflichtung gegenüber der Stadt Winterthur als Arbeitgeber ist er als Leiter des Wohnheims für die Entwicklung der Bewohner verantwortlich. Dabei legt er Wert darauf, dass er nicht eine Vaterrolle für die Flüchtlinge übernimmt. Er will sie befähigen, in der Schweiz leben zu können. Zudem fühlt er sich der Gesellschaft verpflichtet, in die seine Klienten sich integrieren sollen.

Das Hegifeld sei nicht immer so ruhig wie heute Morgen, sagt Ali. «Klar gibt es bei uns ab und zu Streit; hier leben fast 150 Personen auf engstem Raum.» Das Team um Ali greift bei Streitigkeiten entschieden ein und versucht die Parteien zu einem klärenden Gespräch zu animieren.

Viele der 148 Bewohner sprechen kein oder nur wenig Deutsch und bei 21 verschiedenen Herkunftsländern ist es nicht immer leicht, eine gemeinsame Sprache zu finden. «Es gibt aber eine internationale Sprache», sagt Ali. «Die Körpersprache verstehen alle. Und bei kleineren Sachen helfen die Bewohner, die schon länger hier sind, als Übersetzer aus.»

Am Samstag wird Anwar Ali Gesprächsgast bei der Podiumsdiskussion der katholischen Kirche sein. Zum Jahr der Barmherzigkeit wird die Frage diskutiert: Wie gehen wir mit Fremden um? «Unter Barmherzigkeit verstehe ich Empathie», sagt Ali. «Ich versuche immer den Hintergrund der Person zu sehen und der Person mit Respekt zu begegnen.»

Spezielle Angebote nur für Frauen

Das Asylheim Hegifeld ist offen für neue Ideen, was das Unterhaltungsangebot für seine Bewohner angeht. Für alleinerziehende Frauen und Frauen, die aus kulturellen Gründen schweigsam werden, sobald Männer dabei sind, hat das Asylheim zusammen mit einer Bewohnerin ein Frauenkaffeetreffen organisiert. Der Treff wird rege besucht und findet alle zwei Wochen statt. Die Frauen geniessen den Austausch. Und sprechen untereinander ausschliesslich Deutsch.

Aus dem Treffen heraus entwickelte sich auch ein Basar für gebrauchte Kleidung, wo die Frauen sich und ihre Familie für symbolische Preise eindecken können. «Der Verkauf gegen Geld, und wenn es 50 Rappen sind, ist wichtig für die Bewohner», sagt Ali. «So haben sie nicht das Gefühl, zu betteln.»

Ali profitiert von seiner eigenen Erfahrung als Flüchtling. Er kennt die Abläufe, die ein neu angekommener Asylbewerber in der Schweiz durchmacht. Die lange Wartezeit bis zum Asylentscheid sei schwierig gewesen. Die dauernde Angst, ausgeschafft werden zu können, habe bei ihm noch Jahre später zu Albträumen geführt.

Der Schweizer Bevölkerung legt er ans Herz, nie zu vergessen, dass die Leute nicht freiwillig flüchten. «Die Flucht ist kein Hobby. Auch sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge kommen hierher, weil sie in ihrem Land ernste Probleme haben. Flucht ist kein Luxus.»

Erstellt: 20.05.2016, 19:38 Uhr

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