Winterthur

Die Sprechgeschwindigkeit runtergedimmt

Über kulturelle Unterschiede, die Folge abnehmender Konzentrationszeiten von Zuschauenden und die «MeToo»-Debatte sprach die Schauspielerin Katharina von Bock am Donnerstag.

Katharina von Bock (links) lernte in der Schweiz, die Lautstärke und das Sprechtempo zu drosseln.

Katharina von Bock (links) lernte in der Schweiz, die Lautstärke und das Sprechtempo zu drosseln. Bild: Nathalie Guinand

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«Ich war ein Greenhorn, was das Leben in der Schweiz betraf», erinnert sich die 1968 in Köln geborene Katharina von Bock an ihr erstes Engagement. 1993, mit dem Diplom der Hochschule für Musik und Theater Hamburg in der Tasche, kam sie ans Schauspielhaus Zürich. Als Schauspielerin verbringe man enorm viel Zeit im Theater. Sie nennt es ein «Vakuum», das einem umgebe.

Erst mit dem Älterwerden habe sie dem «realen Leben», wie etwa einer Familie, mehr Platz eingeräumt. Da sie sich dieser Totalvereinnahmung des Theaterlebens bewusst gewesen sei, habe sie sich in Zürich um ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft mit Schweizern bemüht, um «vom sozialen Leben in der Schweiz etwas mitzubekommen.» Mundart verstand sie rasch, angeeignet hat sie sich die Fremdsprache aber nicht. Sie sah keine Notwendigkeit dazu. «Versteht mich ja jeder.»

Diese Aussage mag im ersten Moment arrogant erscheinen. Von Bock erklärt sich aber wie folgt: «Deutsche werden mit wenig Nachsicht bedacht, wenn sie sich mit der schweizerdeutschen Aussprache abmühen.»Auch mit der Sprechgeschwindigkeit und Lautstärke des Hochdeutschen sei sie anfänglich angeeckt. Der Bäcker im Quartier habe sie zu Beginn gar nicht verstanden, wenn sie ihre Brotbestellung offenbar zu schnell über den Tresen feuerte. Sie habe dann zuerst mal die Lautstärke runtergeschraubt, was aber immer noch nicht von Erfolg gekrönt gewesen sei. Sie habe dann gemerkt, dass sie auch die Sprechgeschwindigkeit reduzieren müsse. «Runtergedimmt» nennt sie ihre aussprachliche Anpassung fröhlich.

Was ihr schon nach kurzer Zeit in der Schweiz auffiel und sie unterdessen sehr schätze sei, dass die Schweizer vor einer Antwort erst mal atmen, überlegen und dann sprechen. In Deutschland presche man mit der Antwort gleich los und überlege dann.

Schwanger, real und Rolle

Unterdessen ist sie mit einem Schweizer verheiratet und hat auch den Schweizer Pass. Das Paar hat zusammen drei Kinder. Als sie mit der ersten Tochter schwanger wurde, hatte sie erst wenige Monate zuvor in der TV-Serie Lüthi & Blanc die Sabina zu spielen begonnen. Umstände, mit denen längerdauernde TV-Serien umzugehen wissen: Ihre reale Schwangerschaft wurde spontan ins Script eingebaut.

Seit acht Jahren ist Katharina von Bock im Ensemble des Theaters Kanton Zürich. Daneben springt sie auch für erkrankte Kolleginnen in anderen Produktionen ein. In vier bis fünf Stücken spielt sie im Durchschnitt parallel. Beim Joggen prägt sie sich laut sprechend die Texte ein, verknüpft im Hirn so Texte mit Bewegung, Emotionen und Bildern in der Natur. So kann sie den Text später auf der Bühne wie einen Film abspielen.

Die zu memorierende Textmenge habe in den letzten Jahren abgenommen, weil heute kaum mehr Stücke aufgeführt würden, die länger als drei Stunden dauern. Ein Don Carlos, der im Original viereinhalb Stunden dauere, werde auf die Hälfte reduziert. Damit passe man sich der heutigen Zeit an; Stücke, die sehr lange Konzentrationszeiten von den Zuschauenden erfordern, seien nicht mehr erwünscht. Sie lese aber jeweils die Originalversion, um die Figur, die sie spielt, genau zu erfassen.

Zur «Me Too»-Debatte

Da sie sich vor ein paar Monaten öffentlich zur «MeToo»-Debatte geäussert hatte, wollte Moderatorin Deborah Stoffel von ihr wissen, was sie nach einem Jahr dieser Debatte für ein Fazit ziehe. «Kompliziert», lautete die Antwort. Ihren Ausführungen war zu entnehmen, dass sie es befürworten würde, wenn die Debatte sich nicht nur auf die sexuellen Übergriffe und Anzüglichkeiten fokussieren, sondern allgemein das Machtgefälle im Theater und Film wie auch in anderen Berufskreisen für beide Geschlechter aufzeigen würde.

Erstellt: 26.10.2018, 15:16 Uhr

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