Pensionskasse

«Die Stadt steht in der Pflicht, sonst wird alles nur immer schlimmer»

Die frühere TV-Wirtschaftsjournalistin und Rapperswiler FDP-Stadträtin Marianne Fassbind ist seit Anfang Jahr Präsidentin der Pensionskasse der Stadt Winterthur. Ist sie unabhängig genug für diesen Job? Muss die Stadt 144 Millionen zahlen? Oder integriert man die Kasse besser bald in die BVK?

Der Pensionskasse fehlen 144 Millionen – und wenn nichts geschieht wird dieser Betrag immer höher.

Der Pensionskasse fehlen 144 Millionen – und wenn nichts geschieht wird dieser Betrag immer höher. Bild: pd

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Frau Fassbind, willkommen in Winterthur. Man suchte unabhängige externe Fachleute für die Winterthurer Pensionskasse – und der Stadtrat kam auf Sie. Eine Fachfrau sind Sie, extern auch. Aber sind Sie in einem so stark politisierten Umfeld auch unabhängig als FDP-Mitglied?
Marianne Fassbind: Ich bin komplett unabhängig. Es stimmt: Ich habe eine liberale Haltung. Aber dass ich jetzt in Winterthur eine parteipolitische Haltung einnehmen würde, das geht gar nicht.

Von bürgerlicher Seite wurde hier in Winterthur kritisiert, der Pensionskassen-Stiftungsrat sei zu SP-lastig. Spielt die Mitgliedschaft oder Affinität zu einer Partei ein Rolle in so einem Amt?
Das scheint in Winterthur etwas speziell zu sein. In Rapperswil-Jona habe ich das überhaupt nicht so wahrgenommen. Der Parteigedanke spielte dort gar keine Rolle. Das ist offensichtlich anders in Winterthur. Aber ich schaue das Problem objektiv an aufgrund meiner Erfahrung. Ich lasse mich nicht von Parteimeinungen beeinflussen. Ich muss als Präsidentin für die Pensionskasse denken.

«Eine Überwälzung der Kosten auf die aktiven Arbeitnehmenden käme einer ungerechtfertigten Umverteilung zu deren Lasten gleich.»Marianne Fassbind, Stiftungsratspräsidentin Pensionskasse der Stadt Winterthur

In Rapperswil-Jona, sagen Sie, sei die Diskussion rund um die Pensionskasse nicht so politisiert wie hier. Warum nicht?
Die Pensionskasse Rapperswil-Jona war nicht in einer Unterdeckung, sie ist gut aufgestellt, und der Arbeitgeber muss keine Sanierung mittragen wie jetzt in Winterthur – was letztlich halt den Steuerzahler belastet.

Muss die Stadt als Arbeitgeberin diese Sanierung übernehmen? Ist sie verpflichtet diese 144Millionen Franken zu zahlen?
Das Problem ist so: Die Kasse wurde damals, als man sie in die Selbstständigkeit entlassen hat, nicht ausfinanziert. Man war aus heutiger Sicht zu optimistisch beim Festlegen der technischen Parameter und Leistungen. Der Deckungsgrad war nicht bei 100 Prozent, deshalb mussten der Arbeitgeber und die Arbeitnehmer von Anfang an Sanierungsbeiträge bezahlen. Die 144 Millionen, die verlangt werden, sind eigentlich das Geld, das man ständig verliert, weil man die Renten auszahlen muss. Eine Überwälzung dieser Kosten auf die aktiven Arbeitnehmenden käme einer ungerechtfertigten Umverteilung zu deren Lasten gleich. Die Stadt als Arbeitgeberin steht hier gegenüber ihren Angestellten in der Pflicht, wie das auch bei anderen Pensionskassen so wäre.

Daran führt kein Weg vorbei, sagen Sie: Die Stadt muss diese 144 Millionen jetzt zahlen?
Ja, da führt kein Weg vorbei. Das wird sonst nur immer schlimmer. Jedes Jahr, das unter diesen Umständen vergeht, lässt diese Summe grösser werden.

Würde sich etwas an dieser Verpflichtung ändern, wenn man zur BVK wechseln würde?
Nein, natürlich nicht. Die BVK würde dieses Geld genau gleich auch verlangen. Würde man später je zur BVK wechseln, würde dieses Geld natürlich angerechnet, verloren wäre das nicht.

Letzte Woche wurde in Winterthur ja darüber gesprochen, ob es sinnvoller wäre, wenn sich die Pensionskasse der grösseren Zürcher BVK anschliessen würde. Ist es in Ihren Augen sinnvoll?
Ich kann dazu nur über meine Erfahrungen aus Rapperswil-Jona etwas sagen. Man darf nicht glauben, man müsse keine Sanierungsbeiträge mehr zahlen, wenn man mit einem grösseren zusammen ist. Die BVK ist genau den gleichen Risiken ausgesetzt auf dem Anlagenmarkt wie die Winterthurer Kasse. Sollte die BVK in eine Unterdeckung geraten, muss man die Sanierung auch zahlen. Aber es ist dann keine politische Diskussion und Verantwortung mehr, sondern man bekommt einfach eine Rechnung zugeschickt, die man bezahlt.

Die Verpflichtung bleibt?
Genau.

Können Sie zur allfälligen Integration in die BVK schon etwas sagen?
Nein, denn der definitive Preis einer solchen Integration liegt noch nicht auf dem Tisch. Die jetzigen Zahlen basieren auf 2017.

Die städtische Pensionkasse wurde erst vor fünf Jahren verselbstständigt, und jetzt denkt man schon über ihr Ende nach. Das scheint eher unkoordiniert. Wie kommt das bei Ihnen an?
Ich habe die Diskussionen damals nicht mitbekommen, deshalb will ich nichts dazu sagen. Nur dies: Die Winterthurer Kasse ist keineswegs klein. Natürlich bietet eine grosse Kasse Vorteile, aber man verliert auch die Nähe und die Autonomie. Das waren unsere Kriterien damals in Rapperswil, als wir uns für eine autonome Kasse entschieden. (Der Landbote)

Erstellt: 24.01.2019, 16:17 Uhr

Marianne Fassbind. (Bild: srf)

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