Winterthur

«Die Stadt wird als Arbeitgeberin immer schlechter»

Die Stadt kürzt die Renten und streicht die ­Dienstaltersgeschenke. «Gute Arbeit hat keine ­Wertschätzung mehr», kritisiert Hauswart ­Roberto Maraschiello.

Unzufrieden mit den Anstellungsbedingungen bei der Stadt: Hauswart Roberto Maraschiello im Treppenhaus des Schulhauses Eichliacker in Töss.

Unzufrieden mit den Anstellungsbedingungen bei der Stadt: Hauswart Roberto Maraschiello im Treppenhaus des Schulhauses Eichliacker in Töss. Bild: Marc Dahinden

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Es ist eine lange Liste an Änderungen, die Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) vor den Sommerferien präsentierte. Die Änderungen betreffen das Personalstatut, das die Arbeitsbedingun­gen der städtischen Angestellten regelt, und sie haben das Ziel, die Kosten zu senken. Zudem sollen der Umwandlungssatz und damit die Renten gesenkt werden, um die Pensionskasse zu sanieren.Was heisst das alles konkret? Roberto Maraschiello legt die Zahlen auf den Tisch. Wir treffen den 50-Jährigen im Hauswart­büro des Schulhauses Eichliacker in Töss, wo er seit bald sieben Jahren als Hauswart arbeitet (Abwart dürfe man nicht sagen, meint er, «wir warten nicht ab»). Maraschiello ist wütend: «Die Arbeit nimmt stetig zu, doch der Lohn steigt kaum und die Renten sinken sogar.» Der Hauswart ist heute für den Unterhalt von fünf Schulgebäuden zuständig, als er anfing, waren es drei.

250 Franken weniger Rente, bezahlte Ferien gestrichen

Bei den aktuellen Bestimmungen hat Maraschiello, dies zeigt sein Pensionskassenausweis, eine Rente von 1908 Franken im Monat zugute, wenn er in 15 Jahren pensioniert wird. Wird der Sanierungsvorschlag umgesetzt, drohen ihm eine Kürzung um rund 250 auf noch 1660 Franken sowie höhere Lohnabzüge. Der Hauswart sei gerade in einem ungünstigen Alter, kommentiert Georg Munz von der Gewerkschaft VPOD: «Er ist nicht alt genug, um von den vorgeschlagenen Kompensationsmassnahmen für ältere Angestellte zu profitieren, und er ist nicht jung genug, um selbst noch viel sparen zu können.»

Bei seinem zehnjährigen Dienstjubiläum in gut drei Jahren hätte Maraschiello, gelernter Sanitärinstallateur, der die Hauswarteschule absolvierte und einen Fachausweistitel erwarb, ein grosszügiges Geschenk zu­gute gehabt: 22 bezahlte Freitage, zu beziehen im Lauf von vier Jahren. Doch solche Dienstalters­geschenke sollen gestrichen werden. «Das wäre für mich ein Ausdruck von Wertschätzung gewesen», sagt der Hauswart, «und jetzt fällt das auf einmal weg?» Es sei unfair, den Abbau nicht wenigstens zu staffeln, etwa mit ­Reduktionen des Zeitguthabens um je 25 Prozent über vier Jahre.

Zudem ärgerlich für Maraschiello: Vom Goodie, mit dem der Stadtrat den Angestellten das Massnahmenpaket schmackhaft machen will, nämlich einer zusätzlichen Ferienwoche, profitiert er vorerst nicht. Als 50-Jähriger hat er bereits jetzt Anspruch auf fünf Wochen Ferien; von der Erhöhung von vier auf fünf ­Wochen profitieren nur Jüngere. Eine sechste Ferienwoche soll Maraschiello dann ab dem Alter von 55 Jahren zustehen, so sieht es zumindest der Stadtrat vor.

«Wenn es Ihnen nicht gefällt, dann gehen Sie doch!»

Als Schulhauswart mit Anlagenverantwortung ist Maraschiello zwar kürzlich in die Lohnklasse 8 von 20 aufgestiegen, eine Lohnerhöhung habe er aber nicht erhalten. Sein Monatslohn liege zwischen 6000 und 6600 Franken brutto, sagt der geschiedene Vater zweier erwachsener Töchter, wovon noch fast 1000 Franken Sozialabzüge wegkämen. Den automatischen Stufenanstieg, also die jährliche Lohnerhöhung, die nun ab­geschafft wird, habe er in sieben Jahren nur zweimal erhalten, sagt Maraschiello, und die Erhöhungen seien gering gewesen.

Auf die Frage, ob er verglichen mit privatwirtschaftlichen Angestellten nicht immer noch gut gestellt sei, entgegnet der Hauswart: «Die Stadt sollte doch ein Vorbild sein und sich nicht an den schlechtesten Arbeitgebern orientieren.» Auch ein Vorgesetzter habe, als er sich beschwerte, zu ihm gesagt: «Wenn es Ihnen nicht gefällt, suchen Sie sich eine andere Stelle!», was er zynisch finde.

Ein Hauswart nehme nicht nur den Besen in die Hand, verteidigt Maraschiello, dem sieben Putzfrauen unterstellt sind, seinen ­Berufsstand. Er sei Ansprechpartner von Lehrern, Kindern, Schulleitung und Quartierbewohnern. Er müsse reagieren, wenn man einen verletzten Vogel findet oder sich jemand den Arm bricht. «Und ich muss mit Kindern im Kinder­garten- bis Mittelstufen­alter umgehen können an einer Schule, in der über 80 Prozent nicht Deutsch als Muttersprache haben. Das braucht viel Sozialkompetenz.» Man könne den Job nicht mehr mit der Hauswartung von vor 20 Jahren vergleichen.

Anpassung spart weniger als zuerst beabsichtigt

Das neue Personal­statut wird im Herbst im Stadtparlament verhandelt. Gegenüber einer ersten Version konnten Mitarbeiter­vertreter Änderungen erwirken, die die jährlichen Einsparungen von 4,8 auf 1,5 Millionen Franken reduzieren. Auch die Sanierung der Pensionskasse ist ein laufendes Geschäft. Über eine Vorlage, die den Steuerzahlern mit 144 Millionen Franken den Grossteil der Kosten aufbürden würde, wird noch das Volk befinden.

Für Maraschiello ist dennoch klar: «Die Stadt spart auf dem Buckel der Angestellten.» Die Verwaltung sei einst eine vorbildliche Arbeitgeberin gewesen. «Man sagte mir: ‹Wenn du zur Stadt kommst, hast du gute Sozialleistungen›», berichtet der Hauswart, der früher selbstständig arbeitete. «Damit ist es nun auf jeden Fall vorbei.» ()

Erstellt: 13.09.2017, 17:52 Uhr

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