Winterthur

Die Tage des Bruderhaus-Rudels sind gezählt

Von den einst neun Wölfen im Bruderhaus-Gehege sind noch fünf übrig. Wildparkleiter Thomas Rothlin wartet, bis der zweitletzte Wolf stirbt.

Als Leitwolf ist er der Erste, der das Kälbchen untersucht: Boyd, ein Rüde aus dem zweiten Wurf. Zwei seiner Brüder starben in den vergangenen Jahren.

Als Leitwolf ist er der Erste, der das Kälbchen untersucht: Boyd, ein Rüde aus dem zweiten Wurf. Zwei seiner Brüder starben in den vergangenen Jahren. Bild: Madeleine Schoder

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Hitzetage machen den Wölfen im Bruderhaus nichts aus. «Sie legen sich einfach in den Schatten oder schwimmen in ihrem Teich, um sich abzukühlen», sagt Wildparkleiter Thomas Rothlin.

Fünf Wölfe zählt das Rudel derzeit noch, eine Hündin und vier Rüden. Zu Spitzenzeiten waren es neun. Der erste Abgang in der 2008 eröffneten Anlage hatte am meisten zu reden gegeben: Leitwolf Quirin war 2013 durch Rangkämpfe so verletzt worden, dass er eingeschläfert werden musste.

«Das Leittier ist nicht unbedingt der älteste oder grösste Wolf, eher der klügste und mutigste.»

Seine Partnerin Dajana starb 2015 und letztes sowie dieses Jahr starben zwei Wölfe aus dem ersten Wurf. Nicht im Kampf, sondern durch Tumorerkrankungen.

Wölfe werden in Gefangenschaft 10 bis 15 Jahre alt. Das Bruderhaus-Rudel ist also «in einem schönen Alter», wie Rothlin es ausdrückt. Chef im Gehege ist seit diesem Jahr Boyd, ein Rüde aus dem zweiten Wurf. Als Rothlin mit einer Schubkarre ein Kälbchen ins Gehege karrt, ist Boyd der Erste, der es beschnuppert, der Rest des Rudels beobachtet ihn aus dem Unterholz.

Bis nur ein Wolf übrig bleibt

Beim Fressen ist der Alphawolf der Erste. Für den Laien ist in anderen Situationen aber nicht leicht zu erkennen, welches der Leitwolf ist. Das zeigt sich in Feinheiten der Kommunikation.

«Das Leittier ist nicht unbedingt der älteste oder grösste Wolf, eher der klügste und mutigste», sagt Rothlin. Offene Rangkämpfe gibt es im kleinen Rudel kaum. «Es hilft, dass das Weibchen kastriert ist», sagt Rothlin. «Sonst würde es unter so vielen Männchen Streitereien geben.»

Dass kein Nachwuchs erwünscht ist, ist ohnehin klar: Die Wölfe sind ja alle Geschwister. Doch damit ist auch klar, dass das Rudel weiter altert. Denn neue Wölfe dazuzubringen wäre kaum möglich.

«Das ist ein ganz enger Familienverband», sagt Rothlin. Das Rudel bleibt zusammen, bis nur noch ein Wolf übrig ist. Dann kommt ein neues Paar. Der letzte Wolf wird eingeschläfert, denn Wölfe dürfen nicht alleine gehalten werden.

Der Tierpfleger geht ohne Angst ins Gehege

Rothlin kann sich im Gehege gefahrlos bewegen. «Das ist die häufigste Frage», sagt er. «Die Leute denken, der Wolf sei wahnsinnig gefährlich. Man wächst mit diesem falschen Bild auf.» Das Winterthurer Rudel sei äusserst zurückhaltend, gucke lieber aus der Distanz zu. Ohnehin: Auch in einem Gebiet mit wilden Wölfen müsse man sich nie fürchten.

«Einen wilden Wolf zu sehen, ist ein Lottosechser»

In die politische Diskussion, die in den Wolfsgebieten derzeit emotional geführt wird, möchte Rothlin sich nicht einmischen, doch er sagt: «Ein Wolf wird nie einen Menschen angreifen. Einen Wolf überhaupt zu sehen, ist ein Lottosechser.»

Schon eher kann man sie hören. Auch das Winterthurer Rudel heult gerne, vor allem morgens und abends kann man es am Eschenberg hören. Am Kälbchen, das Rothlin ihnen ins Gehege gelegt hat, werden sie zwei Tage fressen.

Erstellt: 23.08.2019, 18:10 Uhr

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