Winterthur/Andelfingen

«Die Tragödie sitzt uns noch immer in den Knochen»

Das Jahr 2015 war für Karin Fischer, Präsidentin der Kesb Winterthur-Andelfingen, das schwierigste ihrer Karriere. Grund dafür war der «Fall Flaach», der bis heute nachwirkt.

Präsidentin Karin Fischer (rechts) im Gespräch mit  Christoph Heck, Vizepräsident der Kesb Winterthur-Andelfingen.

Präsidentin Karin Fischer (rechts) im Gespräch mit Christoph Heck, Vizepräsident der Kesb Winterthur-Andelfingen.

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Der «Fall Flaach», die tragische Kindstötung am Neujahrstag, hat das Jahr 2015 für die Kesb Winterthur-Andelfingen geprägt. Die Behörde stand in der Folge massiv in der Kritik. Hat sich das unterdessen wieder ganz beruhigt?
Karin Fischer: Es gab eine deutliche Beruhigung, vor allem was die grosse Aufmerksamkeit in Öffentlichkeit und Medien betrifft. Aber in den heiklen Situationen ist der «Fall Flaach» in unserem Arbeitsalltag immer noch ein Thema. Gerade bei Fällen im Kindesschutz, wo es ohnehin für uns schwierig ist, ein Vertrauensverhältnis zu den Eltern aufzubauen. Da kommt es immer wieder vor, dass dieser Fall erwähnt wird.

Wie denn?
Die Eltern sagen beispielsweise: «Wir haben beim ‹Fall Flaach› ja gesehen, wie die Kesb funktioniert.» Oder: «Wir haben in der Zeitung ja über sie gelesen.»

Gerade in kritischen Kindesschutz-Fällen wird der «Fall Flaach» immer wieder erwähntKarin Fischer, Präsidentin Kesb-Andelfingen

Untersuchungen haben unterdessen aufgezeigt, dass die Kesb im «Fall Flaach» nichts falsch gemacht hat. Trotzdem ist der schlechte Ruf haften geblieben?
Ja, leider ist das so. Gerade im Internet sind wohl viele negative Berichte nach wie vor rasch abrufbar. Generell hat sich die Lage aber beruhigt. In kritischen Fällen kommen dieselben Vorwürfe aber immer wieder.

Nach «Flaach» kam es auch vermehrt zu Aggressionen gegen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kesb. Hat sich das wieder normalisiert?
Ja, da gab es nach einigen Wochen fast keine Reaktionen mehr. Am Anfang war es extrem, wie viele Drohungen und Hassmails bei uns eingegangen sind. Wir hatten intern eine Krisenintervention, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Auch dass wir nun extern in heiklen Fällen eine Krisenintervention anbieten, hat die Lage beruhigt. Das gibt zusätzliche Sicherheit. Die Angst, dass sich wieder so eine Tragödie abspielen könnte, sitzt auch uns immer noch in den Knochen.

Was haben Sie im Nachgang zum «Fall Flaach» geändert?
Wir sind ohnehin eine lernende Organisation, die noch im Aufbau begriffen ist. Die Kesb gibt es erst seit drei Jahren. Die Abläufe werden stetig verbessert. Diesbezüglich hat der «Flaach» dazu geführt, dass alles noch intensiver angeschaut wurde.

Damals wurde auch kritisiert, dass die Kesb keinen Notfalldienst an Sonn- und Feiertagen hat. Haben Sie das geändert?
Nein, die Kesb-Behörden im ganzen Kanton Zürich haben keinen Pikettdienst. Das war übrigens auch früher bei den Vormundschaftsbehörden nicht der Fall. Es ist ja nicht so, dass Kesb-Mitarbeiter vor Ort gehen, wenn es irgendwo einen Notfall gibt. Das übernimmt die Polizei mit weiteren Stellen wie etwa der Fachstelle für häuslichen Gewalt und dem Jugenddienst oder den in den Fall involvierten Beiständen. Mit dieser Zusammenarbeit machen wir sehr gute Erfahrungen.

Im letzten Jahr wurde die Kesb Winterthur-Andelfingen auch von den Behörden der Landgemeinden kritisiert. Dies in Zusammenhang mit dem «Fall Hagenbuch», in dem es um den grossen Aufwand für die Betreuung einer Flüchtlingsfamilie ging. Der Zusammenarbeitsvertrag wurde schliesslich neu ausgehandelt. Wie ist die Kesb in den Gemeinden akzeptiert?
Die operative Zusammenarbeit im Alltag läuft gut. Auch das musste sich einspielen. Wir arbeiten mit 44 Gemeinden zusammen, da gibt es viele Schnittstellen. Da habe ich unterdessen aber gute Rückmeldung. Auf der politischen Ebene ging es vor allem um das Mitspracherecht der Gemeinden bei Massnahmen, die von der Kesb angeordnet werden. Es ist aber vom Gesetz so gewollt, dass die Kesb die Entscheide fällt und nicht die Gemeinden. Auf dieser Ebene konnten wir viel erreichen, indem auf kantonaler Ebene ein Zusammenarbeitspapier erstellt worden ist, das offene Fragen klären konnte. Wir haben dazu noch einen Zusatz für die Spezialitäten in unserer Region erarbeitet.

Wir arbeiten mit 44 Gemeinden zusammen, von der Grossstadt bis zum kleinen DorfKarin Fischer, Präsidentin Kesb-Andelfingen

Regionale Spezialitäten?
Wir sind die Kesb-Behörde im Kanton, die mit den meisten Gemeinden zusammenarbeitet. Wie gesagt sind es 44, von der kleinen Dorfgemeinde bis zur Grossstadt Winterthur. Da sind die Sozialbehörden und die sozialen Dienste ganz unterschiedlich aufgebaut. Das muss man berücksichtigen.

Für die Diskussionen mit den Gemeinden steht der «Fall Hagenbuch» als Beispiel. Wie geht es eigentlich dieser Flüchltingsfamilie?

Zu dieser Familie geben wir als Kesb keine Auskunft aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes. Sie können mir also nicht sagen, wie es dieser Familie geht?
Nein. Das war ja gerade die Schwierigkeit in diesem Fall. Wir können nur allgemeine Informationen liefern, beispielsweise darüber, wer bezahlt, wenn eine Schulbehörde eine Massnahme anordnet. Gerade in diesem Fall hat sich für mich aber gezeigt, dass dieser Persönlichkeitsschutz nötig ist. Die betroffene Familie wurde damals von Journalisten belagert. Solche Situationen zu vermeiden ist auch eine Form des Kindesschutzes.

Es war das schwierigste Jahr meines Berufsleben. Ich hoffe, dass es auch das schwierigste bleibt.Karin Fischer, Präsidentin Kesb-Andelfingen

Erstmals informieren Sie im Jahresbericht auch über die Zahl der Fremdplatzierungen von Kindern. Warum?
Die Kesb wird oft einzig und allein im Zusammenhang mit diesen oft umstrittenen Massnahmen öffentlich wahrgenommen. Dabei machen sie nur einen kleinen Teil unserer Arbeit aus. Von 5752 Verfahren im Jahr 2015 ging es 38-mal um den Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts der Eltern. Gleichzeitig haben wir 41-mal Kinder in die Obhut der Eltern zurückgegeben. Das zeigt, dass wir die Massnahme jeweils rasch überprüfen und nur so lange wie nötig aufrechterhalten.

Wie ging es Ihnen persönlich im Jahr 2015?
Es war sicher das schwierigste Jahr meines bisherigen Berufslebens. Ich hoffe, auch, dass es das schwierigste bleibt.

Erstellt: 12.05.2016, 15:30 Uhr

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