Stadtwerk

Die Umkehr der Flussrichtung

Was beim Gemüse, so jetzt auch beim Strom: Aus Konsumenten werden Prosumenten, die selber produzieren und konsumieren. Stadtwerk sieht darin ein neues Geschäftsfeld, doch werde es immer schwieriger, das Netz stabil zu halten.

«Ich bin auch ein Kraftwerk» – Gebäude, die nicht nur Energie verbrauchen, sondern via Fotovoltaikanlage auch Energie produzieren (wie hier das Schulhaus Neuhegi), werden häufiger.

«Ich bin auch ein Kraftwerk» – Gebäude, die nicht nur Energie verbrauchen, sondern via Fotovoltaikanlage auch Energie produzieren (wie hier das Schulhaus Neuhegi), werden häufiger. Bild: Solvatec AG

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Ein Winterthurer Haushalt ist im Durchschnitt alle 7,4 Jahre von einem Stromausfall betroffen – und das nicht eben lang: Bis der Haarföhn oder die Kaffeemaschine wieder anspringen, vergehen nur siebeneinhalb Minuten. Dann ist der Spuk für mehr als ein halbes Jahrzehnt wieder vorbei.

Die Netzstabilität, wie sie der jüngste Report von Stadtwerk Winterthur ausweist, ist in der Schweiz seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit. Die Frage ist nur: Wie lange noch? Denn die Umwälzungen durch die Energiewende bringen die Netzinfrastruktur an ihre Grenzen.

«Stadtwerk spielt in der Energiewende eine Schlüsselrolle.»Stefan Fritschi (FDP),
Werkvorsteher

Mit diesem Phänomen ist auch Stadtwerk Winterthur konfrontiert, wie die Verantwortlichen gestern an ihrer Jahresmedienkonferenz ausführten. Marco Gabathuler, der seit Mitte 2017 die Geschicke von Stadtwerk leitet, sprach von «Kunden, die mit Nachbarn Arealnetze bilden» und sich so selbst mit Strom versorgten, und von einer «Umkehr der Flussrichtung».

Intelligente Steuerung

Eine Herausforderung ist dieser Trend für Stadtwerk gleich doppelt. Finanziell, weil es in diesem Fall nur noch einen Anschluss gibt, wodurch Einnahmen für die Durchleitung wegfallen. Technisch, weil die dezentralen Anlagen sich auf die Stabilität des Stromnetzes auswirken.

Zur veränderten Ausgangslage gehört auch die grössere Verbreitung von Elektromobilen. Autos mit Batterie benötigen beim Laden viel Energie in kurzer Zeit und lösen damit im schlechtesten Fall neue Verbrauchsspitzen aus. Sie können dank ihrer Batterien im Gesamtsystem aber auch als Speicher dienen. Die Konsequenz aus diesen Entwicklungen für Gabathuler: «Wir werden eine intelligente Steuerung brauchen.»

Stadtwerk hat bereits begonnen, Modellrechnungen anzustellen, und arbeitet in einem Projekt auch mit der ZHAWzusammen. Ohne intelligente Steuerung müsste das Netz auf Spitzenlasten ausgelegt werden, um die Stabilität zu gewährleisten, sagte Gabathuler. «Es wäre dann total überdimensioniert.»

Stadtwerk sieht in den Eigenverbrauchsgemeinschaften aber auch ein grosses Potenzial. Seit Jahren ist die einst als Versorger entstandene Verwaltungsabteilung in einem Wandel zum Dienstleistungsbetrieb. «Wir wollen uns zum Energiedienstleister entwickeln», sagte Gaba­thuler programmatisch. Immer mehr spiele sich in den Häusern ab, die Energielösungen würden ausserdem komplexer. In diesem Markt will Stadtwerk als Generalanbieter auftreten, der von der Installation über den Betrieb bis zur Verrechnung alle Arbeitsschritte für Fotovoltaikanlagen oder kleine Wärmeverbunde übernimmt.

Noch mehr Dienstleistungen

Gabathuler liess durchblicken, dass diese Tätigkeit das Einverständnis der Politik voraussetzt, zumal die Öffentlichkeit das unternehmerische Risiko mitträgt und damit private Anbieter konkurrenziert werden.

Departementsvorsteher Stefan Fritschi (FDP) erinnerte in diesem Kontext an die städtische Energiestrategie 2050 und den öffentlichen Auftrag, die Energiewende voranzubringen. Stadtwerk komme bei der Reduktion der Treibhausgase und des Energieverbrauchs eine Schlüsselrolle zu.

«Es ist wichtig, dass wir mit den richtigen Stromprodukten, mit Wärmeverbunden und Fotovoltaikanlagen unseren Teil beitragen», sagte Fritschi. Eigene Fotovoltaikanlagen zählt die Stadt bereits 21. Diese seien, wie es der öffentliche Auftrag vorsehe, nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern, über den Lebenszyklus betrachtet, auch rentabel, versicherte Fritschi.

(Der Landbote)

Erstellt: 17.04.2018, 11:02 Uhr

Gute Zahlen dank Gasverkauf und KVA

Stadtwerk verzeichnet 2017 das beste Ergebnis der letzten Jahre. Die Hintergründe.

«Die Wärme Frauenfeld AG ist Geschichte», sagte Werkvorsteher Stefan Fritschi (FDP) gestern an der Pressekonferenz zum Jahresergebnis von Stadtwerk, und es sollte nicht sein letzter Satz bleiben, in dem Freude mitschwang. Mit einer Abschreibung von 1,4 Millionen Franken verabschiedete sich Winterthur letztes Jahr aus dem Wärmeverbund, der Fritschis Vorgänger im Departement Technische Betriebe das Amt gekostet hatte. Der Bereich Energie-Con­tracting schloss 2017 mit einem kleinen Defizit. «Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen», bilanzierte Fritschi.

Die Geschäftszahlen sind rosig wie lange nicht. 39,6 Millionen Franken verdiente Stadtwerk Winterthur 2017 netto, davon gingen 11,5 Millionen Franken als Vergütung an die Stadtkasse. Es bleibt ein Unternehmensgewinn von 28,1 Millionen Franken – der höchste der letzten Jahre. Zwar war das operative Ergebnis auch 2016 gut, wegen Rückstellungen für die Sanierung der Pensionskasse wurde es aber von 23,2 auf 7,6 Millionen geschmälert. Wie sich die Geschäftsfelder geschlagen haben, zeigt die Grafik unten. Dazu einige Erläuterungen:


  • Den höchsten Gewinn realisierte Stadtwerk im Gasgeschäft. Hier lagen die Tarife 2017 allerdings über dem Schweizer Durchschnitt. Auf Anfang 2018 hat Stadtwerk reagiert und die Gaspreise gesenkt, gleichzeitig wurde der Biogasanteil erhöht, um den CO2-Ausstoss zu senken.

  • 85 Prozent des 2017 von Stadtwerk verkauften Stroms stammten aus erneuerbaren Quellen. Ein sehr guter Wert, der laut dem Stadtwerk-Direktor kaum mehr gesteigert werden kann. Wegen der Freiwilligkeit bei der Stromwahl stosse man als Versorger an eine Grenze. Während Stromhandel und das Netzgeschäft Gewinne schrieben, ist der Saldo bei der Stromproduktion negativ. Kleine Verluste verzeichnen die Beteiligungen an Aventron und Swisspower Renewables. Das sei erwartet und darauf zurückzuführen, dass diese Firmen immer noch im Auf- und Ausbau seien.

  • Gut lief die Wasserversorgung, Winterthur konnte viele Vertragsgemeinden beliefern – dank des trockenen Frühsommers.

  • Bei der KVA war es der fast störungsfreie Betrieb, der sich positiv in den Zahlen niederschlug. Bei einer so teuren Anlage sei es das Wichtigste, sie rund um die Uhr betreiben zu können, sagte Gabathuler. So konnte Winterthur mehr Abfall verwerten.

  • Defizitär bleibt der Bereich Telecom. Dank Sparmassnahmen liegt Stadtwerk gemäss Gabathuler aber nur noch knapp hinter dem Plan. Der Hintergrund: Im Glasfasergeschäft wurden im Interesse des freien Wettbewerbs Überkapazitäten geschaffen, die jetzt auf die Preise drücken. Stadtwerk überlegt sich deshalb weitere Massnahmen, etwa, den Einstieg als Provider zu wagen.

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