Bezirksgericht

Die unerwünschte Putzhilfe

Ihre Hilfsbereitschaft brachte zwei Eheleute in Schwierigkeiten: Ihr Hausgast aus Mazedonien wollte erst nicht mehr gehen und schwärzte sie dann noch bei der Polizei an.

Der Prozess fand im Bezirksgericht Winterthur statt. (Archivbild)

Der Prozess fand im Bezirksgericht Winterthur statt. (Archivbild) Bild: Marc Dahinden

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Für Arben und Yllka Kabashi (alle Namen geändert) war es ein Schock: Im Februar verhaftete die Polizei das völlig unbescholtene Ehepaar. Die schwangere Mutter zweier Kinder und ihr Mann verbrachten zwei Nächte in der Zelle. Ihre Handys wurden eingezogen und vier Monate lang aufbewahrt. Der Vorwurf lautete auf Vergehen gegen das Ausländergesetz und versuchte Drohung. Angezeigt hatte sie Megi Sadiku, eine mazedonische Staatsangehörige, welche das Ehepaar eine Woche zuvor das erste Mal gesehen hatte.

Wie konnte es soweit kommen? Die Einzelrichterin am Bezirksgericht Winterthur machte sich am Dienstag auf die Spurensuche. Laut Anklageschrift der Staatswaltschaft hatten die Kabashis Frau Sadiku ein Busticket für die Reise aus Mazedonien bezahlt, in der Absicht, sie in der Schweiz als Haushaltshilfe und Kindermädchen zu beschäftigen, gegen Kost und Logis und ein kleines Entgelt. Da Frau Sadiku keine Arbeitserlaubnis für die Schweiz besass, sei dies als Verstoss gegen das Ausländergesetz zu werten. Nach sieben Tagen habe Arben Kabashi sie allerdings ohne Lohn vor die Tür gesetzt, mit der Drohung, er werde sie umbringen, wenn sie zur Polizei gehe.

«Ein Freundschaftsdienst»

«Wir haben Frau Sadiku nichts bezahlt, denn sie hat nie für uns gearbeitet», sagte der Mann, ein Handwerker Anfangs dreissig, vor Gericht. «Eine Haushaltshilfe brauchen wir nicht, denn meine Frau ist immer zuhause. Wir könnten es uns auch gar nicht leisten.» Dass sie Frau Sadiku bei sich aufgenommen hätten, sei ein Freundschaftsdienst für einen Bekannten gewesen. Dieser habe angefragt, ob sie sieben Tage unterkommen könne, während sie ihre Schwester in St. Gallen besuche. Weil sein Sportkamerad und Landsmann keine Zeit hatte, habe er für ihn auch gleich das Geld für den Reisebus überwiesen, rund 100 Franken.

«Wenn es ein Mann gewesen wäre, hätte ich ihn sofort vor die Tür gestellt.»

Der Angeklagte

In den sieben Tagen habe die Besucherin einmal freiwillig gekocht und einmal mitgeholfen, sagt Yllka Kabashi. Sie sei zum Einkaufen mitgekommen und einmal habe sie sich aufgedrängt, die Küche zu putzen. «Sie hat so viel Putzmittel verwendet wie ich in einem Monat», sagt die zweifache Mutter kopfschüttelnd. «Ich habe ihr immer wieder gesagt, sie solle nichts helfen.» Was genau ihr Hausgast in der Schweiz eigentlich vorhatte, konnten sich die Kabashis vor Gericht nicht restlos erklären. Sie habe wohl versucht Arbeit zu finden. Oder einen Ehemann. Auf dem Handy habe sie ein Bild eines Mannes gezeigt, den sie treffen wollte.

Sie wollte 3600 Franken

Nachdem beides erfolglos verlief und die sieben Tage um waren, habe er zufällig ein Gespräch mitgehört, sagt Arben Kabashi. «Sie redete schlecht über uns und erzählte der anderen Person, dass sie nicht gehen würde, bevor sie von uns nicht mindestens 1500 Franken bekomme», sagt er. «Wenn es ein Mann gewesen wäre, hätte ich sie sofort aus der Wohnung gestellt.» So habe er aber bis zum nächsten Morgen gewartet und sie dann, ohne Gewalt, vor die Tür gebracht. Dort habe sie von ihm 3600 Franken verlangt. Wofür genau, habe sie nicht erklärt. «Sie drohte zur Polizei zu gehen», sagt Kabashi. «Ich bot ihr an, sie hinzufahren.» Er habe ihr 200 Franken mitgegeben, weil er nicht wusste, ob sie genug Geld für die Heimreise hatte. «Ich wollte trotz allem nicht, dass sie auf der Strasse landet.»

Auf dem Winterthurer Polizeiposten tischte die Frau den Beamten schliesslich jene Schauergeschichte auf, welche die Verhaftung der Kabashis auslöste. Das Gericht kam am Dienstag aber zum Schluss, dass aufgrund der vielen Widersprüche nicht auf diese Aussagen abgestützt werden kann.

Freispruch und Genugtuung

Die Richterin sprach die Eheleute frei. Zwar sei nicht klar geworden, warum diese einer Wildfremden ein Busbillet gekauft und sie bei sich einquartiert hätten, doch es gelte: Im Zweifel für den Angeklagten. Die Verfahrenskosten werden auf die Gerichtskasse genommen, beide Eheleute erhalten eine Genugtuung von je 500 Franken für die Haft sowie 500 Franken Schadenersatz für zwei Tage Arbeitsausfall. Die glücklose Glücksritterin ist derweil längst zurück in Mazedonien. (Der Landbote)

Erstellt: 14.09.2017, 11:00 Uhr

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