Verkehr

Die Verlierer der ÖV-Rabattpolitik

Den 9-Uhr-Pass und die Tageskarte im Multipack bieten die SBB ab Dezember nicht mehr an. Dafür gibt es neue Spar-Tageskarten – allerdings nur online. Der Regionale Seniorinnen- und Seniorenverband nennt das Vorgehen diskriminierend.

Service public? Am SBB-Schalter gibt es keine Spar-Billette. Nur wer seine Tickets online kauft, profitiert von der neuen Preispolitik. Alle anderen haben das Nachsehen.

Service public? Am SBB-Schalter gibt es keine Spar-Billette. Nur wer seine Tickets online kauft, profitiert von der neuen Preispolitik. Alle anderen haben das Nachsehen. Bild: Madeleine Schoder

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Der 9-Uhr-Pass und die Rabatt-Tageskarten im Multipack sind beliebt, gerade bei Rentnern, und doch werden sie nun abgeschafft. Die öffentlichen Verkehrsbetriebe streichen beide Angebote ab Dezember aus dem Programm. Als «Ersatz» haben sie bereits im September eine neue, kontingentierte Spar-Tageskarte eingeführt.

Erhältlich ist das Billett mit Halbtax ab 29 Franken und ohne Halbtax ab 52 Franken. Es kann frühestens 30 Tage vor der Reise gekauft werden, wobei die Kontingente je nach Tag variieren. Zudem gilt: Wer früher kauft, bezahlt weniger, und die Spar-Tageskarten kann man ausschliesslich online kaufen.

«Wir Alte sind keine Opfer»

Diese letzte Einschränkung stösst beim Regionalen Seniorinnen- und Seniorenverband Winterthur (RSVW) auf Unverständnis. «Das ist diskriminierend für die Gruppe von Leuten, die keinen Zugang zum Internet hat», sagt Verbandspräsidentin Vera Stanek. Betroffen seien aber längst nicht nur ältere Leute, sondern beispielsweise auch all jene, die nicht gerne per Kreditkarte bezahlen, weil sie ihre persönlichen Daten nicht preisgeben wollen.

«Es ist unverständlich, dass ein Teil der Senioren abgehängt wird.»Ueli Brügger, 
Geschäftsführer Schweizerischer Verband für Seniorenfragen

«Ich möchte uns alte Leute nicht als Opfer darstellen», stellt Stanek klar. Die neue Ticketpolitik sei ein Nachteil für alle Menschen, die keinen Zutritt zum Internet hätten, aus welchem Grund auch immer. Stanek selbst, 79-jährig, gehört als Elektroingenieurin und einstige Programmiererin bei Sulzer nicht zu den Betroffenen. Sie leitet für den für den Seniorenverband Computerkurse und führt sie zusammen mit einem Kursleiterteam durch.

51 Prozent online erreichbar

Kritik am Kurs der SBB und der Verkehrsverbunde übt auch der Schweizerische Verband für Seniorenfragen (SVS). «Es ist unverständlich, dass ein Teil der Senioren so abgehängt wird», sagt Geschäftsführer Ueli Brügger. Es sei immer die Rede davon, dass 95 Prozent der Bewohner der Schweiz online erreichbar sei. «Das stimmt nur bedingt», sagt Brügger. «In einem unserer Verbände zum Beispiel sind nur 51 Prozent der Mitglieder mit Mail und Internet ausgerüstet.»

Brügger sagt: «Wir wehren uns nicht gegen die Digitalisierung.» Die Seniorenverbände würden Kurse anbieten, um älteren Leuten den Zutritt zur digitalisierten Welt zu erleichtern. Die Internetnutzung voraussetzen könne man aber nicht. Es gebe auch eine Gruppe jüngerer Personen, «die die Digitalisierung in allen Bereichen des Alltags ablehnt».

Der Ersatz des 9-Uhr-Passes durch ausschliesslich online erhältliche Spar-Tageskarten sei ausserdem widersprüchlich, findet Brügger. «Man muss sich nur anschauen, wer zwischen 9 und 16 Uhr in den Cafés sitzt und den öffentlichen Verkehr nutzt. Das sind nicht die Arbeitstätigen, sondern die Senioren, an ihnen hängt unterdessen ein ziemlich grosser Wirtschaftszweig, das sollten auch die SBB erkannt haben.»

Der Bundesrat provoziert

Das neue Sparangebot war in Bundesbern bereits Gegenstand eines Vorstosses des Aargauer Nationalrats Maximilian Reimann (SVP). Die lediglich online erhältlichen Spar-Tickets diskriminierten Menschen, die «diese moderne Technik» nicht beherrschten, mahnte er an. Die Antwort des Bundesrates fiel knapp aus.

«Die Rabatte werden mit der Spartageskarte sogar noch erhöht.»Sabine Krähenbühl, 
Sprecherin der Tarifgemeinschaft öffentlicher Verkehr

Man sehe keinen Verstoss gegen das Rechtsgleichheitsgebot, wenn gewisse Fahrausweise nur auf «internetbasierten Verkaufskanälen» angeboten werden. Voraussetzung sei ein «barrierefreier Zugang, welcher allen Menschen offensteht».

In Brügger Augen ist diese Antwort für Senioren und Internetskeptiker ein Schlag ins Gesicht. «Wenn Sparangebote, die als Ersatz für den 9-Uhr-Pass dienen, nur online angeboten werden, ist das kein barrierefreier Zugang.»

Kritik an 30-Tage-Regel

Bereits im Juli, als die Tarifgemeinschaft Direkter Verkehr Schweiz (ch-direct) die Änderungen bekannt gab, hat auch die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) mit Kritik reagiert.

Neben dem Online-Zugang bemängelte sie, dass die Tickets weit im Voraus gekauft werden müssen, wenn man wirklich günstiger fahren möchte. «Es entspricht nicht dem Mobilitätsverhalten der heutigen Gesellschaft, dass man sich schon einen Monat im Voraus auf eine Reise festlegt», schreibt der Konsumentenschutz in einem Communiqué.

Die Tarifgemeinschaft Direkter Verkehr will diese Kritik nicht stehen lassen. «Der öffentliche Verkehr biete mit externen Partnern wie Pro Senectute Kurse für Seniorinnen und Senioren an, in denen die Bedienung der neuen Verkaufskanäle erlernt werden kann», sagt die Kommunikationsverantwortliche Sabine Krähenbühl.

Zudem stünden die Verkaufsberater der Verkehrsbetriebe gerne für Unterstützung zur Verfügung. Krähenbühl streicht ausserdem die Vorteile für die Kunden heraus: «Die Rabatte, die bisher mit der Tageskarte im Multipack sowie der 9-Uhr-Karte gegenüber der normalen Tageskarte gewährt wurden, werden mit der Spartageskarte sogar noch erhöht.»

(Der Landbote)

Erstellt: 11.10.2017, 17:04 Uhr

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