Winterthur

Die Veruntreuung nach der Veruntreuung

Der Konkurs der Baum Haus AG im Jahr 2011 liess geschädigte Bauherren und Handwerker zurück. Bei der Begleichung der Forderungen kam es offenbar zu einem weiteren Schaden: Der beauftragte Anwalt soll Gelder abgezweigt haben. Am Mittwoch steht er vor Gericht.

Ab dem Mittwoch wird der Fall einer groben Veruntreuung vor dem Winterthurer Bezirksgericht verhandelt.

Ab dem Mittwoch wird der Fall einer groben Veruntreuung vor dem Winterthurer Bezirksgericht verhandelt. Bild: Marc Dahinden

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Der Fall, der am Mittwoch vors Winterthurer Bezirksgericht kommt, reisst alte Wunden auf. Im Nachgang zum Konkurs der Baum Haus AG, der die Raiffeisen-Bank letztlich teuer zu stehen kam, kam es offenbar zu einer groben Unregelmässigkeit. Ein von der Bank beauftragter Anwalt soll der Täter gewesen sein.

Ein Blick zurück: Als das auf den Bau von Holzhäusern spezialisierte Generalunternehmen Baum Haus AG im Februar 2011 Konkurs anmeldete, standen eine Reihe privater Bauherren aus der ganzen Region vor einem Scherbenhaufen. Ihre Eigenheime waren halbfertig, die Vorauszahlungen futsch. Auch den Handwerksfirmen drohte, auf offenen Rechnungen sitzen zu bleiben.

«Der Beschuldigte stattete die fehlenden 86?503 Franken trotz mehrfacher mündlicher und schriftlicher Aufforderung der Raiffeisen dieser nicht zurück.»Aus der Anklageschrift

In der Kritik der Geschädigten stand damals auch die Raiffeisen-Bank Winterthur. Sie habe ihre Sorgfaltspflicht zu wenig wahrgenommen und trotz auffälliger Geldflüsse nicht rechtzeitig reagiert. Der damalige Firmenchef der Baum Haus AG hatte, als seine Firma bereits in Schieflage war, Gelder neuer Kunden verwendet um alte Handwerker-Rechnungen anderer Projekte zu begleichen.

Im Frühling 2016 wurde der Unternehmer des mehrfachen Betrugs, der Urkundenfälschung und Anstiftung zu Urkundenfälschung schuldig gesprochen, ein Jahr später bestätigte das Obergericht das Urteil.

Grosszügige Geste der Raiffeisen-Bank

Schon viel früher, im Mai 2011 hatte die Raiffeisen-Bank angeboten, geschädigte Hausbauer und Handwerker aus eigener Kasse zu entschädigen. Eine teure Angelegenheit, wie sich allein aus der Tatsache zeigt, dass die Bank den Pleitier auf dem Zivilweg auf 3,4 Millionen Franken einklagte.

Die Bauherren hatten sich im November 2010 zu einer Interessensgemeinschaft zusammengeschlossen, nachdem ihnen die Bank mitgeteilt hatte, dass der Generalunternehmer Baum Haus AG in Zahlungsschwierigkeiten stecke. Im Frühling 2011 waren die Bauherren an die Öffentlichkeit gelangt und hatten Druck auf die Raiffeisen-Bank aufgebaut. Nachdem diese einlenkte und eine Einigung zustande kam, lobte die IG die Bank für ihr grosszügiges und speditives Vorgehen.

Der Treuhänder überwies das Geld aufs eigene Firmenkonto

Bei der Bezahlung offener Handwerkerrechungen ging allerdings etwas gründlich schief, und zwar auf Kosten der Bank. Raiffeisen hatte einen Winterthurer Anwalt damit beauftragt, die Bezahlung der ausstehenden Handwerkerrechnungen zu koordinieren.

Zu diesem Zweck eröffnete der Anwalt für sechs geschädigte Bauherren Treuhand-Konten, auf welche die Raiffeisen-Bank Einzahlungen in Höhe von knapp 380 000 Franken tätigte. Der als Treuhänder eingesetzte Anwalt sollte mit diesen Geldern alle Handwerker-Rechnungen bezahlen, die ein von der Bank ausgewählter Geschädigtenvertreter für echt befunden hatte.

Nach Abschluss aller Zahlungen wären im Herbst 2004 noch rund 90 000 Franken auf den sechs Konten verblieben, die zurück an die Raiffeisen-Bank hätten fliessen sollen. In der Realität war der Kontostand jedoch nahezu Null. Der Anwalt hatte, laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft, nicht nur sein Honorar in Höhe von rund 4300 Franken auf sein Firmenkonto gebucht, sondern auch weitere 86 500 Franken, auf die er, im Juristendeutsch, «keinen Rechtsanspruch» besass.

Trotz «mehrmaliger mündlicher und schriftlicher Aufforderung» seitens der Bank habe der Anwalt ihr dieses Geld nicht zurückgezahlt. Er hatte es offenbar zur Deckung seiner eigenen Verpflichtungen benutzt, namentlich zur Bezahlung von Mieten und Löhnen der Kanzlei. Letztlich entschied sich die Bank offenbar zu einer Anzeige.

Veruntreuung auch bei einer Erbschaft?

Beim Prozess vor Bezirksgericht am Mittwoch droht dem Anwalt eine bedingte Freiheitsstrafe von 22 Monaten wegen wiederholter Veruntreuung. In einem zweiten Fall geht es um die Erbschaft einer 2012 verstorbenen Person. In den Jahren 2013 und 2014 soll der Beschuldigte ein Restvermögen von insgesamt gut 230 000 Franken aus dem Verkauf einer Liegenschaft auf seine eigenen Konten zurückbehalten haben. Das Geld habe er offenbar wiederum für die Bezahlung von Kanzleikosten wie Miete und Löhnen eingesetzt.

Besagte Winterthurer Kanzlei existiert weiterhin, allerdings seit 2015 ohne den Beschuldigten, den sie auch aus dem Firmennamen gestrichen hat. Der Beschuldigte ist als selbständiger Anwalt in Winterthur tätig. Es gilt die Unschuldsvermutung.

(Der Landbote)

Erstellt: 13.08.2018, 16:34 Uhr

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