Winterthur

Die Welt entscheidet über Winterthur

Jakob Bächtold diskutiert Stadtredaktorin Eva Kirchheim über die Entwicklung der Winterthurer Wirtschaft.
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Man entscheidet, den Chef einer Sulzer-Nachfolgefirma aus­zutauschen. Doch auf die Idee, die Stadt oder gar die Winterthurer ­Öffentlichkeit darüber zu informieren, kommt keiner. Wie auch? Der Entscheid fiel in Peking, gefasst haben ihn kürzlich die Aktionäre und Manager der chinesischen Staatswerft CSSC.Fast unbemerkt hat das Winterthurer Tra­ditionsunternehmen Winterthur Gas & Diesel, wie die ehemalige Schiffsmotoren-Abteilung von Sulzer heute heisst, einen chinesischen Chef er­halten: Shuofan Chen, der zuvor fürdie Finanzen zuständig war.

Die Episode zeigt: Die Winterthurer Wirtschaft ist längst so globalisiert, dass die wichtigen Entscheide irgendwo auf der Welt gefällt werden. Dass die Ansiedlung des japanisch-chinesischen Werkzeugmaschinenbauers DMG Mori nicht so verläuft, wie man sich das aus Winterthurer Sicht gewünscht hätte, entschied die Konzernleitung in Tokio. Weil man dort die Strategie wieder mehr auf Deutschland ausrichten wollte statt auf ganz Europa, steht das neue Glashaus in Neuhegi nun halb leer.

Auf die Strategie der Grossfirmen hat weder die Parkplatzverordnung noch der Steuerfuss einen Einfluss.

Die Standortförderung und der Stadtrat mögen sich noch so bemühen: Auf ­solche Geschäftsentscheide hat weder die hiesige Parkplatzverordnung noch der lokale Steuerfuss einen Einfluss.

Die Globalisierung war für Winterthur extrem schmerzhaft. Die Industrie­firmen bekamen sie im letzten Jahrhundert bereits zu spüren, bevor das Wort im Sprachgebrauch angekommen war. Die Verlagerung der Produktion in ­ Billiglohnländer, die Entlassungen, die leeren Industrieareale haben die Stadt in der jüngeren Vergangenheit geprägt. Mit dem jüngsten Abbau bei der Firma Rieter ist diese Entwicklung weitgehend abgeschlossen: Mit wenigen Ausnahmen sind die klassischen Fabrikproduktionen ins Ausland verlegt worden.

Die moderne Weltwirtschaft hat nach dem grossen Abbau auch einige neue Erfolgsgeschichten möglich gemacht. Firmenabspaltungen wie Autoneum oder Burkhardt Compression sind erfolgreich. Gleichzeitig sind die Traditionsfirmen Rieter und Sulzer zwar fast nicht mehr wiederzuerkennen, doch sie konnten sich behaupten. Die ehemalige Winterthur Versicherung heisst bald nur noch Axa, die Niederlassung und die Arbeitsplätze in Winterthur sind jedoch unbestritten. Und hoch spezialisierte Firmen wie Kistler zeigen, dass ein Schweizer Unternehmen im weltweiten Markt bestehen und wachsen kann.

Auch für die Firmen mit Hauptquartier in Winterthur gilt aber: Entscheidend für ihren Erfolg sind der Eurokurs, die Entwicklungen in den internatio­nalen Märkten und allenfalls die Unternehmenssteuerreform des Bundes.

Aus dem letzten Jahrhundert ist die Geschichte überliefert, dass die Chefs von Sulzer oder Rieter den Stadtpräsidenten ins Büro zitierten, wenn sie ein Anliegen hatten. Aus heutiger Sicht: ­immerhin. Denn unterdessen muss die Stadt froh sein, wenn sie über Entscheide überhaupt informiert wird.

(Der Landbote)

Erstellt: 05.12.2017, 16:44 Uhr

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