Winterthur

Die Wespimühle steht vor dem Totalumbau, Kritiker sehen darin die Zerstörung von Industriekultur

Ein Museum, Büros, Ateliers und Lagerräume: Bereits im nächsten Jahr könnte die alt-ehrwürdige Wespimühle umgebaut werden.

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Seit 2010 wird in der stolzen Wespimühle in Wülflingen an der Töss kein Korn mehr gemahlen. Nach jahrelangem Ringen um eine Neu- oder Umnutzung der über 120-jährigen Anlage, stehen die Pläne nun: Die Mühle und die dazugehörende Putzerei, wo das Korn vor dem Mahlen geputzt wurde, sollen komplett umgebaut werden. Das Baugesuch liegt bereits öffentlich auf.

Unter anderem zeichnet sich eine Lösung für den Dorfverein und dessen lange gehegten Wunsch eines eigenen Dorfmuseums mit temporären Ausstellungen ab: Fast die Hälfte des Erdgeschosses, rund 110 Quadratmeter, und dazu Platz im UG für ein Archiv, will die Besitzerin und Baufirma Leemann+Bretscher AG dem Verein zur sogenannten Gebrauchsleihe überlassen, kostenlos also. Nur für den Innenausbau von rund 70 000 Franken muss der Verein selber aufkommen.

Quartierverein gibt sich zurückhaltend

Unterschrieben ist noch nichts, entsprechend zurückhaltend gibt sich der Quartierverein derzeit noch. Im zweiten Teil des EGs, sowie in die neuen Büros im ersten und zweiten Stock ziehen L+B gleich selber ein.Sanfter und weniger aufwendig umgebaut würde die ehemalige Putzerei (siehe Karte). Laut L+B-Inhaber Robert Hofer soll dort das Oxyd mit seinen Kunsträumen einen Ersatz für den aktuellen Standort gegenüber am andern Tössufer bekommen. Dort kommen Einfamilienhäuser hin. L+B lässt den Mietvertrag daher per Ende 2019 auslaufen, macht nun aber ein faires Angebot: gleiche Fläche, und gleiche Miete, weit unter dem Marktpreis. «In den restlichen 700 Quadratmetern vermieten wir günstige Ateliers und Lagerräume», sagt Hofer.

Schon Ende 2017 könnte der Umbau der Wespi-Mühle fertig sein, wenn keine Einsprachen eingehen und die kantonalen Behörden keine Einwände haben. Denn die Wespimühle, die um 1428 erstmals urkundlich erwäht wurde und ab 1892 von einer 90 PS-starken Rieter-Turbine angetrieben wurde, ist als «Denkmal von regionaler Bedeutung» im Inventar. Die Fassaden des Ensembles sind geschützt.

Ein Stich ins Wespennest

Das tönt nach einem vernünftigen Projekt mit vielen Gewinnern. Nicht alle sehen das so. Sylvia Bärtschi, die Frau des Winterthurer Industriehistorikers Hans-Peter Bärtschi, hat sich jahrelang für den Erhalt der Wespimühle eingesetzt, deren Müllereibetrieb 1997 Konkurs ging. Erst im Verein «Pro Wespimühle», der 2005 gegründet wurde, später privat, indem sie zusammen mit ihrem Mann Konzepte für einen teilmusealen Schaubetrieb. Die Fronten zwischen dem Müller-Ehepaar und L+B verhärteten sich zunehmends, zuletzt fanden auch keine Feiern und Anlässe in der Wespimühle mehr statt, auch der Verein schlummerte ein. Alarmiert hat die Bärtschis, als sie vor zwei Jahren hörten, dass die Besitzerin L+B in der Putzerei (siehe Karte rechts) letzten Winter einen Teil der riemengetriebenen Transmissonsanlage, Maschinen und Holzsilos herausreissen liess und damit zerstört habe, wie Sylvia Bärtschi meint. Der Eingriff war mit der kantonalen Denkmalpflege abgesprochen, wie diese auf Anfrage bestätigt. «Ein Holzsilo hatte akuten Pilzbefall. Wir wollten verhindern, dass dieser sich weiter ausbreitet», sagt Hofer.

Zweckentfremdete Spenden?

Der Verein «Pro Wespimühle» soll in den nächsten Monaten aufgelöst werden, dessen Vermögen von knapp 30 000 Franken soll an den Dorfverein für sein Museum gehen. «Es ist ein Jammer, aber für die Produktion ist die Mühle zu klein und für einen Schaubetrieb wäre sie zu gross, das mussten auch wir irgendwann einsehen», sagt ein Vereinsmitglied. Mit dem Ortsmuseum unterstütze man eine gute Sache. Sylvia Bärtschi sieht das Geld so jedoch zweckentfremdet: «Es müsste an einen Verein gehen, der eine Anlage wie die Reismühle in Hegi unterhält und öffentlich zugängig macht.»

Ein Mühlwerk bliebe in der alten Mühle stehen, als Reminiszenz an alte Zeiten. Was mit der restlichen Anlage, den sieben Walzenstühlen, den Becherwerken oder dem Zahnrad-Winkelgetriebe passiert, ist offen. Hofer sagt: «Wer eine Verwendung dafür hat, soll sich bei uns melden.» (Der Landbote)

Erstellt: 09.12.2016, 17:59 Uhr

Geschichte der Wespimühle

Das erste Korn wurde vor über 600 Jahren gemahlen

Urkundlich erstmals erwähnt wurde die Wespimühle 1428, damals war die einfache Bauernmühle noch als «Mühle bei der Steig» bekannt. Mit dem Besitzer wechselte auch der Name: 1883 kaufte schliesslich Heinrich Wespi-Schollenberger die Bodmermühle. Die ältesten Elemente des Ensembles befinden sich im L-förmigen strassenseitigen Komplex (siehe Karte), der «Alten Mühle», deren Torbogen und Laderampe heute noch ins Auge stechen. Tössseitig ersetzte sie 1917 die Putzerei, Magazin und Abfüllanlage als «Neue Mühle». Der Silo-Turm (heute Wohnungen) kam erst 1932 hinzu.
Arbeitsmaschinen der Mühle wie Walzenstühle und Becherwerke dokumentieren den Übergang von der Sackmüllerei auf die vollautomatische Produktion ab 1830. 1894 wurden die vier Wasserräder durch eine Rieter-Turbine ersetzt. Die Produktion wurde 1972 nochmals modernisiert. Die Kapazität lag bei rund 30 Tonnen Mehl pro Tag. Gemahlt wurde bis 2010. Heute produziert das Kleinwasserkraftwerk Strom für 30-40 Einfamilienhäuser.
Der Verein «Pro Wespimühle» unter alt Stadtrat Reini Stahel (†) suchte ab 2005 vergeblich nach Betreibern und alternativen Betriebsmöglichkeiten.

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