Winterthur

«Die Zeitung ist kaum noch Statussymbol»

Immer mehr Junge informieren sich nur noch auf sozialen Medien über das Weltgeschehen. Facebook sei aber keine Alternative zur traditionellen Zeitung, sagt Medienprofessor Mark Eisenegger. Dort gehe es zu wie im Wilden Westen.

Junge informieren sich vor allem mit Gratiszeitungen oder online via soziale Medien.

Junge informieren sich vor allem mit Gratiszeitungen oder online via soziale Medien. Bild: Michele Limina

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Jungen lesen keine Zeitung mehr, auch nicht online, heisst es im Jahrbuch «Qualität der Medien», das Sie eben mitherausgegeben haben. Dabei sind sie doch ständig am Handy?
Mark Eisenegger: Die 16–29-Jährigen verbringen zwar grundsätzlich mehr Zeit mit Medien als früher, aber nicht mit Informationsmedien. Es wird Zeit in soziale Medien investiert, wo Freundschaften gepflegt werden, in Onlinespiele und ganz pauschal in Unterhaltung.

Lesen die Jungen dabei nicht auch Nachrichten?
Information wird vor allem ungebündelt konsumiert. Das heisst, dass Beiträge einzeln gelesen werden und nicht als Teil einer von einer Redaktion komponierten Zeitung. Man fühlt sich weniger mit einer Zeitung als Marke verbunden und auch der Wert der traditionellen Zeitung als Statussymbol, mit dem man sich zeigt, hat abgenommen.

Kann man das so pauschalisieren? Welche Jungen lesen welche Zeitungen nicht mehr?
Ein Problem besteht vor allem bei jungen Frauen, wie unsere Studien zeigen. Diese sind in der Gruppe der sogenannten News-Deprivierten überdurchschnittlich stark vertreten. Sie sind deutlich unterversorgt mit Nachrichten und konsumieren entweder gar keine oder dann nur gratis verfügbare. Diese Gruppe ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Als Gegenpol gibt es die sehr kleine Gruppe der «Heavy-News-Nutzer», die überwiegend aus gut ausgebildeten Jungen besteht, die regelmässig Zeitungen lesen und auch dafür bezahlen. Diese Gruppe wird kleiner. Dazwischen sind die global ausgerichteten Surfer. Sie lesen zwar viel, Blogs und Nachrichten aus der ganzen Welt, sie sind aber stark abgekoppelt von den nationalen Medien.

Facebook gewinnt an Bedeutung als Ort, wo man an Nachrichten gelangt. Wie muss man sich das vorstellen, wenn man Facebook nicht kennt?
Auf Facebook und anderen sozialen Medienportalen erhalte ich vor allem Empfehlungen für Artikel von Leuten, mit denen ich befreundet bin. Wenn jemand einen Artikel verlinkt, dann kann dieser Artikel auch auf meinem Portal erscheinen. Je mehr befreundete Personen denselben Artikel verlinken, desto grösser ist die Chance, dass er auch auf meinem Portal erscheint. Wie Facebook im Detail als Informationsquelle genutzt wird, müssen wir noch genauer untersuchen.

Wie ist da Ihre Einschätzung: Ist Facebook als Informations- quelle eine valable Alternative zu traditionellen Medien?
Meiner Meinung nach ist Facebook keine Alternative zu traditionellen Medien: Die orientierungsstiftende Kraft zum Beispiel einer Abonnementszeitung mit ihren vielfältigen Ressorts geht verloren und das Themenspektrum ist stark eingeschränkt. Man bleibt immer in der gleichen «Blase» jener Themen, die auch der Kollegenkreis interessant findet.

Wo ist die Zeitung Facebook sonst noch überlegen?
Bei einer Zeitung ist die Relevanz und nicht die Reichweite zentral. Zumindest sollte das so sein. Die Zeitung ist thematisch strukturierter als die Newsbeiträge, die auf Facebook erscheinen. Sie ordnet die Ereignisse zudem in einen grösseren Zusammenhang ein. Und sie orientiert sich an professionellen Normen, zum Beispiel in Bezug auf ehrverletzende Äusserungen. Auf sozialen Medien herrscht diesbezüglich ein regelrechter Wilder Westen.

Wieso ist es nötig, dass Ereignisse eingeordnet werden?
Ich bin davon überzeugt, dass es die zentrale Aufgabe des Journalisten ist, das Weltgeschehen zu erklären und einzuordnen. Das ist auch aus politischer Sicht zwingend: Wenn Medien dieser Auf- gabe nicht mehr nachkommen, müssen Bürger ihre politischen Entscheide an der Urne vermehrt von ihrem Bauchgefühl abhängig machen und sind auch anfälliger für populistische Meinungen.

Verbreitet werden auf sozialen Medien aber überwiegend Soft News, leichte Geschichten. Wieso sprechen diese die Menschen stärker an?
Soft News beziehen sich auf das Alltägliche, das Private, das Intime und Unterhaltende. Das ist uns grundsätzlich näher, solche Geschichten sind einem auch aus dem persönlichen Umfeld bekannt. Jeder kann dar­über sprechen und jeder kann deshalb mit solchen Geschichten Aufmerksamkeit erlangen.

Werden harte politische Geschichten eher gelesen, wenn Leser mit Soft News auf eine Seite gelockt werden, wie das gewisse Online-Newssites tun?
Das ist eine Strategie, die bis zu einem gewissen Grad legitim und sinnvoll ist und die zum Beispiel auch beim Radio und Fernsehen wie auch bei Online-Newssites angewendet wird. Zentral für das Gelingen ist, inwieweit Unterhaltung und Information zusammenpassen. Die Qualität darf nicht zu weit auseinanderdriften und die beiden müssen in einem bewusst gewählten quantitativen Verhältnis zueinander stehen. Sonst funktioniert die Strategie nicht oder es droht gar ein Reputationsschaden für das Medium.

Nicht nur Junge, sondern auch ältere Personen verzichten zunehmend auf Informationsmedien. Wird unsere Gesellschaft allgemein nachrichtenfauler?
Das scheint sich leider zu bewahrheiten. Gerade bei den Abozeitungen springen vermehrt auch ältere Leser ab. Das deutet dar­auf hin, dass die Gratiskultur eben auch bei den Älteren verbreitet ist. Die Bereitschaft, zu bezahlen, nimmt ab.

Sind die Medien selber schuld? Oder, in Bezug auf die Jungen, eher die Eltern, die Schule?
Die Gratiskultur der Medien hat das Kostenbewusstsein erodieren lassen, da sind die Medienhäuser in der Pflicht. Dass diese in dieser Hinsicht aber koordiniert vorgehen, ist leider eher unwahrscheinlich. Aber auch die Schulen und Eltern könnten mehr machen.

Zum Beispiel?
Man darf die Vorbildfunktion der Eltern, was den Medienkonsum angeht, nicht unterschätzen. Jungen sollte zu Hause und in der Schule vermittelt werden, dass guter Journalismus etwas wert ist und auch etwas kostet. Das Gefühl, dass es ebenso wichtig ist, über das Zeitgeschehen Bescheid zu wissen, wie sich in einer Fremdsprache ausdrücken zu können, ging verloren.

Wie lässt sich das ändern?
Aktuelle Themen müssten meiner Meinung nach im Unterricht stärkeres Gewicht erhalten. Nicht erst im Gymi oder in der Sek. Auch mit Primarschülern kann man beispielsweise über die Flüchtlingssi­tua­tion debattieren. Man muss den Jungen wieder das Gefühl vermitteln, dass es sozial nicht geht, über das aktuelle Zeitgeschehen nicht Bescheid zu wissen. (Landbote)

Erstellt: 04.11.2015, 09:23 Uhr

Mark Eisenegger gibt Auskunft über den Medienkonsum der Jugendlichen in der Schweiz. (Bild: pd)

Zur Person

Mark Eisenegger ist Präsident der Kurt-Imhof-Stiftung für Medienqualität, welche das «Jahrbuch Qualität der Medien» herausgibt. Er ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Salzburg.

Das Jahrbuch wird an der Universität Zürich verfasst und erschien dieses Jahr zum sechsten Mal. Ins Leben gerufen hatte es der Zürcher Soziologieprofessor Kurt Imhof, der in diesem Frühling starb.

Journalismus-Tag 15

Rund 200 Journalisten aus der Deutschschweiz sind zum heutigen Journalismus-Tag 15 in Winterthur. Das Branchentreffen des Vereins Qualität im Journalismus findet am Institut für Angewandte Medienwissenschaften (IAM) der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) statt. Über 30 Fachleute aus dem Journalismus referieren und diskutieren, darunter Erich Guyer, Chefredaktor der NZZ, und Res Strehle, Chefredaktor des «Tagesanzeigers». Mark Eisenegger nimmt an der Diskussion zur Qualität der Schweizer Medien teil. Weitere Themen sind unter anderen die Rolle der Medien in der Flüchtlingsfrage und die Frage nach dem Service public im Journalismus.

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Paid Post

Soforthilfe für Smartphones

Ob Displaybruch, defekte Kamera oder Wasserschaden – Wintek Swiss hat meist eine Lösung.