Winterthur

Die neue ZHAW-Bibliothek ist ein Magnet – trotz eines «innovativen» Mega-Flops

Ein Jahr nach ihrer Eröffung ist die ZHAW- Bibliothek bereits zur beliebten Lernoase geworden, auch für auswärtige Studenten. Doch nach wie vor gibt es Baustellen.

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Die vorbeirauschenden Züge im Blick, tief versunken im Ohrensessel, liegend auf dem Canapé oder in lärmisolierten Lernkabinen: Die Studenten können sich ihren Lernplatz in der ZHAW-Hochschulbibliothek in der Halle 87 auf dem Sulzerareal derzeit aussuchen. Es sind Semesterferien. Zur Prüfungszeit herrscht hier aber Hochkonjunktur.

Kampf um die Plätze zur Prüfungszeit

«Der Ansturm ist bereits riesig», sagt der Bibliotheksleiter Wolfgang Giella rund ein Jahr nach der offiziellen Einweihung. Generell ist er mit der Auslastung zufrieden. An einem ruhigen Tag zähle man im EG , wo sich der Präsenzbestand auf zwei Zwischengeschossen verteilt, brutto rund 700 Eintritte pro Tag, zu Spitzenzeiten mehr als doppelt so viele. Mit den 600 Besuchern, die sich dann etwa in der Bibliothek tummeln, ist diese voll ausgelastet.

Positiv überrascht habe Giella die praktisch stabile Ausleihrate bei den gedruckten Büchern von 76 000 pro Jahr. Wegen des Zusammenzugs des damals rund 130 000 starken Bestandes aus fünf lokalen Standorten, war die Ausleihe während zweieinhalb Monate nur eingeschränkt möglich. Immer häufiger benutzt würden die E-Books und lizenzfreien Titel. Die Kurzzugriffe seien in einem Jahr um rund 24 Prozent auf 851 000 gestiegen.

Pilger von nah und fern

Turbulent zu und her geht es zeitweise im Dachgeschoss. Im einstigen Sulzer-«Stiftenhimmel» pauken heute Studenten in ihrer «Lernlandschaft», klassisch an Einzelplätzen mit Sichtschutz, aber auch in offenen Zonen, die sie Dank mobiler Trennwände mitformen können, kein Flüsterzwang besteht, sondern sich auch in Gruppen austauschen kann.

Die flexible, gute Infrastruktur scheint sich bereits weit herumgesprochen zu haben. Uni- und ETH-Studenten reisen offenbar auch aus dem Thurgau, St.Gallen und Zürich zur Lernlandschaft an (siehe Umfrage). ZHAW-Studenten geniessen dort mit ihrer Campus-Card unbeschränkten Zutritt. Während der Prüfungszeit sind die 380 Plätze gemäss Giella teilweise um 23 Uhr noch bis zu 70 Prozent belegt.

Vorrang für ZHAW-Studenten?

Grundsätzlich sei die grosse Nachfrage ja erfreulich. Weniger hingegen, dass das Platzangebot nicht immer ausreiche. Aufstocken lässt es sich aufgrund des Brandschutzes nicht. «Wir müssen andere Mittel finden, um die Nutzung zu steuern», sagt Giella. Es komme vor, dass Besucher frühmorgens einen Platz stundenlang reservierten, ohne ihn zu belegen, auch Auswärtige. «Wir sind zwar eine öffentliche Bibliothek, aber unsere Hauptzielgruppe sind die Studierenden der ZHAW.» Verschärfe sich das Platzproblem weiter, überlege man sich ein System, bei dem die Besucher zu Spitzenzeiten ihre Campus-Card sichtbar auf dem Arbeitsplatz deponieren müssten. Sei der Andrang besonders gross, würde das Personal Nicht-ZHAWler dazu anhalten, den Platz freizugeben.

Jammern auf hohem Niveau – und ein Mega-Flop

Gemäss einer ersten schriftlichen Umfrage in der Bibliothek seien die Studenten mehrheitlich zufrieden. Bemängelt wurde mitunter, dass die zwei Lifte dem Personal vorbehalten seien. Zudem sei die Luftqualität zeitweise schlecht: Zu trocken und oft zu abgestanden. «Das stört auch mich», sagt Giella und räuspert sich. Die Messergebnisse seien allerdings positiv ausgefallen. Sechs mehrere Meter hohe Metallrohre im Eingangsbereich lassen die Luft in der zehn Meter hohen Bibliotheks-Halle zirkulieren. Spätestens in einem Jahr solle das Raumklima einwandfrei sein.

Gefloppt hat das System, das die ZHAW als schweizweit erste Bibliothek einführen wollte: den sogenannten LibDispenser, eine Maschine mit Ausgabeklappe, bei der Nutzer Bestellungen Tag und Nacht abholen können – theoretisch. Bis jetzt lief der Dispenser erst zwei bis drei Wochen störungsfrei. Sonst fiel er aus. Die Software verbuchte teilweise die Bestände falsch oder das Verteilsystem klemmte. Das Angebot wurde inzwischen eingestellt. Seit Monaten dränge man beim Hersteller auf eine Lösung, damit es bald doch noch klappt.

Konzept ausgedient? Mitnichten.

Fazit: «Es braucht diese Bibliothek», sagt Giella und spielt damit auch auf die These an, die sein Kollege Rafael Ball von der ETH-Bibliothek kürzlich in der «NZZ am Sonntag» aufgestellt hat. Die klassische Biblothek im digitalen Zeitalter? Sie sei schlichtwegs überflüssig geworden.

Giella hält die These für falsch. Zu etabliert sei das gedruckte Buch als Medium heute noch. Und nur etwa 15 Prozent der wissenschaftlichen Publikationen seien im Internet frei verfügbar.

Die Halle 87 gehört der Bank Crédit Suisse. Für 2,4 Millionen Franken pro Jahr mietet der Kanton Zürich die ZHAW ein und hat zudem 7,9 Millionen Franken Kosten für den Innen- und Spezialausbau der Bibliothek übernommen. Wegen eines Planungsfehlers der CS wurde die Bibliothek vier Monate zu spät im Februar 2015 eröffnet. (Landbote)

Erstellt: 16.02.2016, 21:29 Uhr

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