Cartoons

Dieser Humor ist nicht immer zum Lachen

Zahlreiche Cartoons im Landboten und anderen Zeitungen tragen die Signatur «widmer». Dahinter steht der Winterthurer Ruedi Widmer, einer der meistgedruckten Zeichner in der Schweiz. Ende Februar erscheint sein neues Buch.

Ruedi Widmer in seinem Winterthurer Atelier zusammen mit seinem Männchen.

Ruedi Widmer in seinem Winterthurer Atelier zusammen mit seinem Männchen. Bild: Johanna Bossart

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«Ich habe es nie geschafft eine fixe Figur wie etwa Frieda zu kreieren», sagt Ruedi Widmer, fast so nebenher, als sei ihm ein dummes Versehen unterlaufen. Widmer ist zum Zeitpunkt des Besuchs etwas nervös. Er zeichnet an der Titelseite seines Buchs «Widmers Weltausstellung», das in Kürze in Druck geht. Das Titelbild zeigt das typische Widmer Figürchen. «Ich habe es immer ‘das Männchen’ genannt», sagt Widmer. Es besteht aus einer Art Surfbrett mit Mundstrich und Augenpunkten. Für eine fixe Figur würde nicht mal so viel fehlen.

Freundliche Randfiguren

Das Männchen steht zum Beispiel am Rande einer Zeichnung, ganz klein. Manchmal sagt es etwas, manchmal guckt es einfach nur entgeistert. Es sind nicht selten diese Randfiguren, die Widmers Cartoons einen doppelten Boden verleihen. Sie geben als Zaungäste dem Geschehen in der Zeichnung einen neuen Dreh.

Widmers Welt wird von durchschnittlichen Winterthurern bevölkert. Es sind freundliche und eher unauffällige Menschen. Sie stellen, leicht überfordert von den Zuständen der Zeit, die eine oder andere Frage. Es sind Fragen, die Experten dumm finden, und doch nicht beantworten können.

Lachen ist freiwillig

Von Promis bleibt Widmers Welt verschont: «Ich finde es nicht interessant, eine Figur, sagen wir Doris Leuthard, mit einer Karikatur auf den Punkt zu bringen. Ich kann das vielleicht auch nicht», sagt Widmer. Darum bleibt er für seine Arbeit beim Begriff Cartoon. Das Wort schliesst mit ein, dass seine Zeichnungen Momentaufnahmen aus kleinen Geschichten sind.

Bild: Johanna Bossart

Eigentlich weiss Widmer schon bei der ersten Idee für einen Cartoon, ob er ein Volltreffer wird oder nicht: «Je schneller ich ihn gezeichnet habe, desto besser kommt er in der Regel heraus». Damit ist gesagt, dass Widmer nicht mit allen seinen Cartoons gleich zufrieden ist. Zum Teil ist das seinen Arbeitsbedingungen als Selbststäniger geschuldet: «Manchmal habe ich nur drei Stunden, um einen Cartoon zu zeichnen». Ein naher Redaktionsschluss oder ein knappes Honorar begrenzen seine Zeit. Anderseits braucht Widmer genau diesen Druck: «Im Panikmodus bin ich am produktivsten.»

Die bestens Cartoons sind nicht unbedingt die, bei denen man sofort loslacht. Gerade bei Widmer nicht. Meistens stutzt man zuerst. Manchmal reicht das schon. Man ist irritiert und der Cartoon hat seinen Zweck erreicht. Viele Cartoons von Widmer enthüllen erst nach und nach die Gedankengänge, auf denen sie beruhen. Und plötzlich lacht man doch los.

Humor ist ein Risiko

Widmer ist sich bewusst, dass nicht alle seine Cartoons verstanden werden: «Manchmal merke ich, dass ein Betrachter eine Zeichnung lustig findet, aber den Witz an der Sache doch nicht erfasst.» Er zuckt mit den Schultern: «Das ist eben das Risiko beim Humor.» Widmer zeichnet für all jene, die seinen Witz verstehen. Das scheint in vielen Redaktionsbüros der Fall zu sein: Widmer Cartoons erscheinen derzeit in vier Schweizer Zeitungen.

Die Luftseilbahn

Eine der coolsten Zeichnungen Widmers. Insofern cool, als sie zeigt, dass ein Grosskonzern ganz unbedingt cool sein möchte. Gleichzeitig entlarvt die Zeichnung, dass dieser Konzern genau so cool oder uncool ist wie jeder andere auch.

Doch das sieht man nicht auf dem Bild. Überhaupt liegt der Witz in dem was fehlt. Der Konzern hat bereits seinen ganzen Unterhaltungs-Schnickschnack von Kabeln befreit. Widmer nimmt jetzt nur noch eine kleine gedankliche Verschiebung vor und löscht im Cartoon Kabel, die eine tragende Funktion haben. Die heilige Innovation verlangt, dass auch die Luftseilbahn drahtlos wird. Mithilfe des Grosskonzerns. Die Idee ist so abwegig, dass man darüber ergiebig lachen darf. Widmer sagt: «Ich versuche immer einen kindlichen Dreh in meine Cartoons zu bringen.» Übrigens würde die Zeichnung ohne die beiden Männchen, die sich zuwinken, nicht funktionieren.

Der Wutbürger

Diese Begegnung hat eine Vorgeschichte. Sommer 2015. Der Zug bremst, quietscht, Ansage: «München Hauptbahnhof». Die Familie im Bild hat es aus Syrien über Istanbul nach Deutschland geschafft. Doch hier sind nur «echte» Flüchtlinge willkommen, solche, die im Krieg gerade mal knapp mit dem Leben davon gekommen sind. Andere haben in Europa nichts zu suchen. Das macht ihnen der Wutbürger klar. In Widmers Welt erkennt man ihn jeweils an seiner vor Zorn rot angelaufenen Nase.

Widmer dreht den Spiess um. Jetzt soll sich mal der Wutbürger ausweisen, und zwar als der, den er ständig spielt: den Nazi. Jetzt ist der Mann ertappt. Dabei war die Bitte, doch auch mal einen Ausweis zu zeigen, durchaus nachvollzielbar. Das ist Widmer. Er sticht in seinen Cartoons lächelnd und hinterlistig zu, ganz und gar ein Schlitzohr, wie er selbst gesteht.

Das Reflexivverb

Die deutsche Sprache ist genial, weil man fremdsprachige Wörter oder sogar Abkürzungen ohne weiteres in das grammatische System einfügen kann. Wie einen Legostein. «Ich simse dir gleich, ich google dich mal». Nur die Fälle sollten richtig gesetzt sein. Formal darf man dann die neudeutschen Wörter durch das ganze deutsche Sprachsystem jagen: Indikativ eins: «Ich google.» Konjunktiv eins: «Ich göögle.» Und selbstverständlich darf ein Verb auch reflexiv werden. «Ich google mich, du googelst dich...»

Widmer macht, was Till Eulenspiegel schon im Mittelalter vorführte: Er nimmt alles wörtlich. Dann zeichnet er das Ergebnis. Dieses ist nicht gerade beruhigend. In einer Zeit, in der immer mehr geklont wird, auch reflexiv, schleicht sich die Angst ein, dass beim sich Googeln bald kein so vielfältiges Bild mehr heraus kommt, wie im Cartoon. Man darf darüber lachen, muss nicht.

Der Markt

Immer wieder von neuem greift Widmer den Neoliberalismus an. Gemeint ist der fast religiöse Glaube daran, dass der Staat alles falsch, die Privatwirtschaft und der Markt dagegen alles richtig machen. In diesem Weltbild sind Eingriffe des Staates ein ordnungspolitischer Sündenfall.

So darf die Polizei als verlängerter Arm des Staats auch nicht eingreifen, wenn der Kampfhund den Manager auffrisst. Der freie Wettbewerb muss sich entfalten können. Je nach politischer Einstellung des Betrachters kommt bei diesem Cartoon zunächst die schönste aller Freuden zum Zug: die Schadenfreude.

Widmers Beschriftung verleiht dem Cartoon dann einen neuen Dreh. So tiefgläubig sind die neoliberalen Manager dann auch wieder nicht, dass sie die Folgen des eigenen Dogmas selbst ausbaden wollen. Wenn es den neoliberalen Managern nützt, dass der Staat eingreift, dann löst sich ihr schön gebautes Weltbild in nichts auf. Der Held auf dem Bild ist die Ausnahme. (Landbote)

Erstellt: 12.02.2018, 16:54 Uhr

Ruedi Widmer

Eine Laufbahn mit dem Zeichenstift

Ruedi Widmer bildete sich an der Schule für Gestaltung (heute ZHDK) in Zürich zum Grafiker aus. Schon damals zeichneten er und Kollegen Cartoons, vorderhand zur eigenen Belustigung.

Am 6. Januar 2000 veröffentlichte der «Landbote» erstmals eine Zeichnung Widmers zu einem Dreikönigskuchen.

Als Nächstes gelang Widmer der Schritt zur deutschen Satirezeitschrift «Titanic». Dort arbeitete er zeitweise auf der Redaktion als Texter und Zeichner.

Heute veröffentlichen der «Landbote», der «Tages-Anzeiger» und «Saldo» regelmässig Cartoons von Widmer. Für die «Wochenzeitung» schreibt er zusätzlich eine Kolumne.

Das Buch «Widmers Weltausstellung» zeigt eine Sammlung von Cartoons und Kolumnen aus der Zeit von 2011 bis 2017. Buchvernissage ist am 7. März im Café Sphères in Zürich. (cf)

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