Frauenstreik

Drei Frauen für eine Sache

Vor 28 Jahren sind in der Schweiz 500000 Frauen für die Gleichstellung auf die Strasse. Drei Winterthurerinnen, die damals dabei waren, erinnern sich an einen Tag mit Forderungen – von denen so manche noch nicht erfüllt ist.

«Wir können stolz auf unsere Vorkämpferinnen sein» Regula Erzinger Forster hat den Frauenstreik 1991 mitorganisiert. Bild: elo

«Ich fühle mich nicht diskriminiert», sagt Regula Forster. Die 59-Jährige ist Hauptabteilungsleiterin Familie und Betreuung des Departements Schule und Sport der Stadt Winterthur. In ihrem Leben sei sie persönlich nicht benachteiligt worden. Weil aber Frauen als ganze Gruppe aufgrund ihres Geschlechts ungleiche Chancen haben, ging die Winterthurerin bereits 1991 zum Frauenstreik auf die Strasse - sie hat ihn sogar mitorganisiert.

Von Männern bekocht

«Ich glaube, dass ich auch das Programm für den Streik geschrieben habe», sagt Forster, während sie ein Bild des Plakats in einer Chronik zum Frauenstreiktag zeigt. Ein Kleber mit der Aufschrift: «Nüt! Ab in Hushalt!», macht das Plakat unlesbar. Für Forster ging es schon damals darum, ihre Solidarität zu zeigen.

Vage kann sich die einstige SP-Politikerin noch an den 14. Juni vor 28 Jahren erinnern. «Ich war verantwortlich für die Wanderung von Töss ins Stadtzentrum.» Aus allen Stadtquartieren und aus einigen Dörfern seien Gruppen gemeinsam nach Winterthur gekommen. Dort haben sie dann, von Männern aus linken Kreisen bekocht, zu Mittag gegessen. Gestärkt gingen sie anschliessend zum «Spaziergang durch die Altstadt», der eigentlichen Demo.

«In den 80er-Jahren wurde viel gestreikt», sagt Forster, die auch dieses Mal am Frauenstreik in Winterthur teilnimmt. Gegen das Waldsterben, für den Frieden oder gegen AKWs ging die politisch aktive junge Frau schon damals auf die Strasse. «Nicht nur die Jungen, auch die Alten müssen sich engagieren.» Denn die Frauenbewegung sei nicht bloss ein Thema von 1991 oder 2019: «Das ist ein jahrelanger Kampf.» Und dieser werde auch nach dem kommenden Frauenstreik nicht zu Ende sein.

Doch die Frauen hätten schon einiges erreicht: «Wir können stolz auf unsere Vorkämpferinnen sein», sagt Forster. Das Stimmrecht oder das Gleichstellungsgesetz seien für sie grosse Errungenschaften, die man nicht vergessen dürfe. Von einer wirklichen Gleichstellung sei man dennoch weit entfernt. «Diese betrifft nicht nur Frauen, es geht hier um alle Geschlechter oder ethnische Gruppen, die diskriminiert werden.»

«Ich freue mich auf die jungen Frauen» Käti Schneider organisierte 1991 in Räterschen eine kleinen Frauenstreik. Bild: elo

Um ihren Hals trägt Käti Schneider einen lila Schal - ein Souvenir eines freiwilligen Einsatzes in Laos. Der Halsschmuck ist das Produkt eines Frauenprojekts des asiatischen Landes. In Laos macht die 66-jährige gelernte Pflegefachfrau regelmässig Einsätze in einem Partnerspital des Kantonsspital Winterthur.

Sie und ihr Mann haben die Erziehung ihrer beiden Kinder und den Berufsalltag meist zu gleichen Teilen übernommen. Das war an ihrem Wohnort nicht von allen gerne gesehen: «In Räterschen war mein Ruf futsch.» Doch das sei ihr egal gewesen: «Ich bin stolz, eine Feministin zu sein.» Am Morgen des 14. Juni 1991 hat Schneider mit ein paar wenigen Gleichgesinnten auf den Frauenstreik in Winterthur aufmerksam gemacht.

«Die Berufsentwicklungschancen für Frauen sind noch immer nicht gleich wie jene für Männer.» Käthi Schneider

Vor dem Coop in Räterschen haben sie Festbänke in lila aufgestellt, um auf die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern hinzuweisen. «Wir haben eine verlängerte Kaffeepause angeboten, bevor die Frauen zuhause das Mittagessen kochen mussten», sagt Schneider und lacht. Immer wieder hätten sie die Songs der Schweizer Sängerin Vera Kaa gespielt. Schneider hat die CD mit violettem Cover heute noch.

Nicht vergessen

Danach ist sie, die in der SP aktiv war, nach Winterthur an den Streik gegangen. «Ich erinnere mich ans Kreistanzen hinter dem Reinhart-Museum im Stadtpark. Da war farbig, lustvoll und lebendig.» Alte Pins und Aufkleber zum Frauenstreik 1991 hat sie aufbewahrt.

Auch vom diesjährigen Streik hat sich Schneider einen Pin an die Bluse gesteckt. Denn sie wird erneut für die Gleichstellung streiken: «Jetzt muss ich aber nicht mehr an vorderster Front mitkämpfen», sagt Schneider. Dafür seien heute andere zuständig: «Ich freue mich auf die jungen Frauen.» Für sie sei es wichtig, dass die Themen nicht in Vergessenheit gerieten. Denn viele der Forderungen von früher seien auch heute noch aktuell. «Die Berufsentwicklungschancen für Frauen sind noch immer nicht gleich wie jene für Männer.» Deshalb lohne sich zu streiken: «Wir müssen uns sichtbar machen.»

«Sie konnten uns ja nicht alle entlassen»

Brigitte Berginz freut sich auf den Streik in Winterthur. Bild: mad

Einen ganzen Ordner voll mit Zeitungsartikeln, Flyern und Bildern zum Frauenstreik 1991 hat Brigitte Berginz aufbewahrt. Die 67-Jährige lebte schon damals in Wülflingen, wo sie auch heute noch mit ihrem Mann, ihrer Schwester und deren Mann eine WG bildet. Früher wohnten auch die insgesamt vier Kinder der beiden Paare in der Doppelhaushälfte. Gemeinsam mit ihrer Schwester ging Berginz vor 28 Jahren an den Frauenstreik in Winterthur. «Ich war für den Sternmarsch von Wülflingen ins Stadtzentrum zuständig.»

Bergniz arbeitete damals in einem niedrigen Teilzeitpensum als Kindergärtnerin in Wülflingen. «Die meisten meiner Berufskolleginnen aus dem Quartier sind auch an den Streik gekommen.» Und das, obwohl den Frauen im Vorfeld mit Konsequenzen gedroht wurde: Von Kündigungen oder Lohnkürzungen war die Rede - was sich am Ende aber als nichts als heisse Luft herausstellte. «Sie konnten uns ja nicht alle entlassen», sagt Berginz und verschränkt grinsend die Arme vor der Brust.

Manche der Kindergärtnerinnen hatten auch Bedenken, weil sie nicht «unnötig Wirbel» machen wollten. Gerade waren sie in eine bessere Lohnklasse gekommen. «Viele fanden, dass man sich damit zufrieden geben muss», sagt Berginz. Doch die Kindergärten von ihr und ihren Gleichgesinnten blieben an diesem Tag geschlossen. «Den Eltern haben wir einen Brief geschrieben.»

Küchengeräte machen Lärm

Auf die Kinder von Bergniz und ihrer Schwester haben an diesem Tag die Ehemänner der beiden aufgepasst. «Einige haben auch die Kinderwagen an den Streik mitgenommen.» Auf dem Lindenplatz in Wülfingen trafen sie sich, um als erstes auf den Tag anzustossen. «Wir waren laut und gut gelaunt», sagt Berginz. Die Frauen sollten nämlich Küchengegenstände und Geräte mitbringen, um auf sich aufmerksam zu machen.

«Am Bahnhof in Winterthur wollte mir eine ältere Frau mit ihrem Holzstock eins überziehen»,Brigitte Berginz über den Frauenstreik 1991

Doch nicht alle liessen sich von der euphorischen Stimmung anstecken: «Am Bahnhof in Winterthur wollte mir eine ältere Frau mit ihrem Holzstock eins überziehen», sagt Bergniz. Die lila Ballone in ihrer Hand verrieten sie als Teilnehmerin der Frauenbewegung, was der älteren Frau anscheinend nicht gefiel. «Das hat mich wirklich getroffen.» Für Berginz war unverständlich, wie gerade eine Frau so reagieren konnte.

Nun freut sich die Winterthurerin aber dennoch auf den nächsten Streik am 14. Juni, an dem sie ebenfalls teilnimmt. «Ich finde es super, dass auch hier wieder etwas statt findet.» Wozu immer nach Zürich gehen?

(Elena Willi) (Landbote)

Erstellt: 11.06.2019, 17:26 Uhr

Aufgefallen

Kirchenglocken läuten zum Streik

Wie viele Pfarreien und Kirchgemeinden in der ganzen Schweiz lassen auch die katholische Kirche Illnau-Effretikon/Lindau/Brütten und die reformierte Kirche Illnau-Effretikon ihre Glocken zum Frauenstreiktag läuten. Am 14. Juni ruft das Geläut von 11.00 – 11.15 Uhr gegen Gewalt an Frauen auf. Von 15.30 – 15.45 Uhr wird auf die anhaltende Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen aufmerksam gemacht, wie die beiden Kirchen mitteilen. Sie hofften, dass das Glockengeläute die Menschen in Illnau-Effretikon dazu veranlasse, kurz innezuhalten, und sich der Frage nach der Gleichheit von Frau und Mann zu stellen. Der Schweizerische Katholische Frauenbund hat für den Streik das Logo «Gleichberechtigung. Punkt. Amen.» kreiert. (nid)

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