Winterthur

Drogen im Denner-Sack, die Kinder auf dem Rücksitz

Wieder stellte sich die Frage: Landesverweis für einen Kokainkurier? Oder ist es ein Härtefall?

Der Drogendealer transportierte Kokain in einer Einkaufstüte.

Der Drogendealer transportierte Kokain in einer Einkaufstüte. Bild: Keystone

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Als die Polizei das Auto der Schaffhauser Familie im Juli 2018 in Winterthur einer Kontrolle unterzog, zeigte sich folgendes Bild: Die Frau lenkte, die Kinder sassen auf der Rückbank in Erwartung eines Zoobesuchs in Zürich. Der Vater und Ehemann, ein Nigerianer, war auf dem Beifahrersitz, zu seinen Füssen eine Denner-Einkaufstasche voller so genannter Fingerlinge mit Kokain drin. Reinheitsgrad 50 bis 81 Prozent, macht genau 787,4 Gramm reines Kokain. Der Mann kam sofort in Untersuchunghaft und blieb während fast neun Monaten dort. Die Ehe kam in eine Krise, die Kinder wuchsen weiter und sind heute zwölf, sieben und fast drei Jahre alt.

«Yes, I did it»

Am Mittwoch stand der Vater, Ehe- und Hausmann als Drogenkurier vor dem Bezirksgericht Winterthur. «Yes, I did it», sagte er zu dem, was man ihm vorwarf, und die Dolmetscherin übersetzte: Ja, er habe das getan. Einige Male hatte er solche Kokainfingerlinge ausgeliefert an Abnehmer in der Schweiz, insgesamt rund 1,5 Kilo reines Kokain. Seine Auftraggeber waren Landsleute von ihm, denen er Geld schuldete. Er hatte sich von ihnen 9000 Franken geliehen, um im Frühling 2018 nach Nigeria zu fliegen und mit dem Geld seinem diabetes- und krebskranken Vater einen Spitalaufenthalt zu ermöglichen. Die Rückzahlung des Darlehens sollte erfolgen, indem er Kokain-Kurierdienste ausführte. Würde er das nicht tun, werde ein Voodoo-Priester seinen bösen Einfluss geltend machen, drohten die Geldgeber. Oder seiner Familie würde etwas angetan.

Bestraft werden die Kinder

All das wurde vor Gericht nicht in Frage gestellt. Die zwei Fragen, um die es ging, waren: Muss er vier Jahre ins Gefängnis (Antrag Staatsanwaltschaft), oder gibts drei Jahre bedingt (Antrag Verteidiger)? Und vor allem: Wird er des Landes verwiesen? Klar, es ist eine Katalogtat, und ein Härtefall liegt nicht vor – das war die Position des Staatsanwalts. Nein, es ist ein Härtefall; der Täter ist die engste Bezugsperson der Kinder, die Mutter bringt das Geld heim, er sorgt fürs Familienleben; bestraft würden bei Landesverweis primär die Kinder – das sagte der Verteidiger.

Das Gericht folgte im Wesentlichen dem Staatsanwalt: Vier Jahre Gefängnis unbedingt, fünf Jahre Landesverweis. Die Vorsitzende sagte zwar, die Kinder hätten «ein Recht auf Familienleben», und dieses könne kaum in Nigeria stattfinden. Denn dort sei die Kriminalität hoch und die Versorgungslage schlecht. Doch gelte es auch abzuwägen zwischen privatem und öffentlichem Interesse. Es gelte, hier den Drogenhandel einzudämmen und die Gesundheit der Bevölkerung zu erhalten. Dies habe zum Resultat geführt: «Sie müssen die Schweiz verlassen.» Der Verurteilte nahm es ruhig und gefasst zur Kenntnis. Sein Anwalt kündigte an, Berufung einzulegen und sieht im Urteil eine Verletzung der europäischen Menschenrechtskonvention

Erstellt: 16.10.2019, 14:17 Uhr

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