Bezirksgericht

Ein Betrunkener pöbelte so lange, bis ihn ein Jodler packte und zu Boden warf

Wann schlägt Zivilcourage in Selbstjustiz um? In einem Fall um ein Jodlergrüppchen auf Reisen und zwei Betrunkene wurde vor Bezirksgericht diese Frage aufgeworfen. Mit einem Urteil, das den Angeklagten bitter enttäuscht.

Zwei Betrunkene provozierten die Jodler so lange, bis einer von ihnen Selbstjustiz ausübte. Für das Gericht eine strafbare Überreaktion.

Zwei Betrunkene provozierten die Jodler so lange, bis einer von ihnen Selbstjustiz ausübte. Für das Gericht eine strafbare Überreaktion. Bild: Keystone (Symbolbild)

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Es hätte ein gemütlicher Ausflug an das Nordostschweizer Jodlerfest werden sollen. A. und seine Jodlerkameraden hatten in dieser Absicht im Juli 2016 morgens den Zug von Schaffhausen nach Winterthur bestiegen. Gesellschaft leisteten ihnen zwei Männer, die, obschon es erst 9 Uhr morgens war, beide einen erheblichen Alkoholpegel aufwiesen, so zumindest sollte es die Polizei später feststellen.

Die Angetrunkenen machten sich einen Spass daraus, einen der Jodler zu provozieren – die ganze halbstündige Fahrt bis nach Winterthur. Als sich der Bedrängte wegsetzen wollte, hinderte ihn der Betrunkene B. daran, indem er ­seinen Fuss auf den gegenüber­liegenden Sitz stellte. In diesem Moment sei er grausam wütend geworden, sagte A. am Montag vor Bezirksgericht. Er habe sich aber beherrscht, weil er «schöne Kleider getragen habe» und er «eigentlich nicht so einer sei».

«Ich werde dich umbringen»

Beim Umsteigen in Winterthur war es dann vorbei mit der Selbstkontrolle. Die zwei Männer seien der Jodlergruppe auf das Perron gefolgt, von wo der nächste Zug nach Gossau fuhr. Sie hätten weiterhin A.s Kollegen umstellt und gesagt: «Wir fahren mit Dir nach Gossau.»

«Ich habe in der Zeitung gelesen, dass zu viel weggeschaut wird. Jetzt weiss ich, warum.»Der Angeklagte

Da verlor A. die Berrschung, packte B. am Hals, schüttelte ihn und sagte: «Wenn Du meinen Freund nicht in Ruhe lässt, bringe ich Dich um.» Dann habe er B. losgelassen, woraufhin dieser rückwärts auf zu Boden fiel, mit dem Hinterkopf auf dem Boden aufschlug und sich eine Platzwunde zuzog.

«Künftig schaue ich weg»

A. musste sich deshalb am Montag wegen einfacher Körperverletzung vor Bezirksgericht verantworten. Hinter ihm im Gericht sassen fünf seiner Jodlerfreunde. Mit Nicken, Kopfschütteln und Gemurmel reagierten sie auf die Fragen der Richterin bis diese leicht amüsiert sagte: «Ich spreche mit dem Angeklagten.»

Die Staatsanwaltschaft stellte sich auf den Standpunkt, dass A. die Grenze der zulässigen Notstandhilfe überschritten hatte. A. sagte gegenüber der Richterin, er würde heute nicht mehr so handeln, sondern wegschauen. «Aber wenn man solange zusehen muss, wie einer Angst hat...» Er habe in der Zeitung gelesen, dass zu viel weggeschaut werde, wenn in der Öffentlichkeit jemand bedrängt werde. «Jetzt weiss ich warum und werde es in Zukunft auch so machen.» Wenn ihn das Gericht schuldig spreche, werde er «wahnsinnig enttäuscht» sein. «Das wäre wie ein Schlag ins Gesicht.»

Keine Genugtuung für Kläger

Die Richterin folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft und sprach A. wegen einfacher Körperverletzung schuldig, milderte aber deutlich die Strafmassnahmen. Die bedingte Geldstrafe reduzierte sie von 1000 auf 750 Franken, die beantragte Busse von 300 Franken strich sie ganz. Das Genugtuungsbegehren des Klägers B. lehnte sie ab. Sein Selbstverschulden wiege schwer.

«Strafen ist Sache des Staats»Die Richterin in der Urteilsbegründung

Es sei erstellt, sagte die Richterin, dass sich B. durch die Handgreiflichkeiten von A. eine Kopfwunde zugezogen hatte. Diese Verletzung habe A. mit seinem Handeln in Kauf genommen. «Es hätte auch gravierender herauskommen können», sagte sie.

Ein Notstand, der dieses Vorgehen rechtfertigen gerechtfertigt hätte, lag nach Auffassung der Richterin nicht vor. Es hätte mildere Mittel gegeben, um auf die mühsame Situation, das Drangsal, das immer weiterging, zu reagieren. «Sie hätten andere Leute oder die Bahnpolizei zu Hilfe holen können.» A. habe das Recht in die eigene Hand genommen, das habe zu weit geführt. «Bestrafen ist nicht Sache des Privaten, sondern des Staats.»

(Der Landbote)

Erstellt: 05.12.2017, 15:39 Uhr

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