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Ein Bibel-Zitat als Markenzeichen

David Togni macht Mode mit Anspruch auf Nächstenliebe. Der 31-jährige hat eine Autobiografie und einen Lebensratgeber geschrieben und serviert in seiner Winterthurer Boutique Obdachlosen gratis Kaffee.

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David Togni ist frisch aus Südafrika zurück. «Wir haben Schulmaterial und Spielsachen verteilt», sagt er. Braungebrannt sitzt der schmale, gross gewachsene 31-Jährige am langen Holztisch seiner Boutique an der Pionierstrasse, in der Stirn ein schwarzes Käppi seines Modelabels «Love Your Neighbour». Auf deutsch: Liebe deinen Nächsten.

Das wohl bekannteste Bibelzitat ist Markenzeichen und Programm zugleich. Zwölf Prozent des Gewinns gehen an wohltätige Zwecke, ein Teil der Ware wird verschenkt. 2013 begann er, T-Shirts zu beschriften und übers Internet zu verkaufen. Jedes siebte legte er zurück und verschenkte es an Bedürftige. Die Idee kam an. «Bald hatte mein Zimmer immer weniger Möbel und immer mehr Kisten», sagt er. Seit einem Jahren hat er in Flurlingen ein Lager mit Schauraum. 300 bis 1000 Pakete verschickt er von dort jeden Monat.

«Die Idee, diesen Satz auf Textilien zu drucken, kam mir in einem Traum.»

David Togni 
Modedesigner mit 40000
Facebook-Freunden.Quote

Ein Poloshirt kostet 55 Franken, der hüftlange Kapuzenpulli für Frauen 95 Franken. Alle Textilien seien unter fairen Bedingungen hergestellt, sagt Togni. Die meisten Lieferanten, etwa in der Türkei und Italien, habe er selbst besucht. An diesen Reisen lässt er die Kunden hautnah teilhaben - auf der Bilderplattform Instagram folgen über 30000 Personen dem Modelabel, auf Facebook sind es 40000. Über diese Internet-Fanbasis kam David Togni ganz unverhofft zu seinem Ladengeschäft im Sulzer-Areal. «Der Hi-Fi-Laden Voice 70 wollte sich verkleinern und bot uns die Fläche für sechs Monate an. Die Tochter des Besitzers hat uns vorgeschlagen, weil sie schon oft bei uns eingekauft hat.»

Gläubig, nicht religiös

Wer ist diese Zielgruppe - junge Christen, welche die Mode als Erkennungszeichen für Ihresgleichen benutzen? «Dort sind wir beliebt, doch unsere Zielgruppe ist viel breiter», sagt Togni. Er bezeichnet sich selbst als gläubig, aber nicht religiös. «Ich fühle mich keiner bestimmten Kirche zugehörig.» Ein Tattoo auf seiner Hand sagt «Purity», Reinheit. «Wir beurteilen die Leute oft nach dem, was sie erreichen, nach den Früchten», erklärt er. «Dabei sollten wir auf die Wurzeln schauen.» Was sind seine Wurzeln? Togni erzählt eine Geschichte, die er schon oft erzählt hat: Wie seine Familie in der Adventszeit blechweise Guezli backte um sie dann zusammen mit heissem Punsch an die Obdachlosen der Stadt zu verteilen.

An der Kaffeebar, die zur Boutique gehört, geht pro verkauftem Becher Fairtrade-Kaffee 50 Rappen an die LYN-Stiftung, die Togni gegründet hat. Ein Schild am Eingang sagt: Wer kein Geld oder Obdach hat, bekommt hier ein Gratisgetränk. Viele Kaffees habe er noch nicht ausgegeben, sagt Togni. «In Winterthur scheint es wenige Obdachlose zu geben.» Vom Sozialamt der Stadt, direkt vis-a-vis, habe man aber auch schon Leute eingeladen.

Plötzlich gelähmt

Seit drei Jahren wohnt Togni, der in Luzern und später Schaffhausen aufgewachsen ist, mit seiner Frau in Winterthur. Er hat mit 31 schon zwei Bücher geschrieben, eine Autobiografie und ein Buch mit Gedanken zu den grossen Themen des Lebens, von Gesundheit zu Partnerschaft, von Selbstzweifeln bis zum Umgang mit Trauer. «Ich habe früh Schicksalsschläge erlebt», sagt er. Mit 24 wachte er eines morgens auf und spürte seine Beine nicht mehr - sie waren komplett gelähmt. Drei Monate sass er im Rollstuhl, die Ärzte fanden nie genau heraus, woran es lag. Er kämpfte sich zurück, stand ein Jahr später wieder auf dem Säntis. «Schmerzfrei war ich nie», sagt er. «Aber ich lasse mich nicht bremsen.»

Ende Juni läuft die Probefrist seines Lokals aus, in dem er auch Sushi-Kurse oder Kleidertausch-Abende durchführt. Ob er verlängert, überlegt er noch – in den letzten Wochen laufe es immer besser. Johanna, die Barista, die gerade den Instagram-Account gefüttert hat, unterbricht und erinnert Togni: Am Mittag kommen zwei Vertreter der Noiva-Stiftung und holen Kleider ab, die sie in einem jordanischen Flüchtlingscamp verteilen wollen.

Erstellt: 02.04.2019, 17:01 Uhr

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