Winterthur

Ein Klein-Magglingen für Talente

Im August startete die private Kunst- und Sportschule «Talent Campus» im Win4-Trakt. Eine Bilanz zeigt: Die Nachfrage nach Plätzen war gross. Für die Stadt Winterthur bedeutete das, dass sie doppelt so viel Schulgeld zahlen musste wie erwartet.

Schulleiter Paddy Kälin, auch bekannt als Sportmoderator, vor einer Klasse.

Schulleiter Paddy Kälin, auch bekannt als Sportmoderator, vor einer Klasse. Bild: Marc Dahinden

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Es sieht alles noch neu aus im vierten Stock des Win4-Trakts. Es gibt eine grosszügige, helle Lernlandschaft, drei Klassenzimmer sowie einen Garderobenbereich. Man wähnt sich in einer gewöhnlichen, kleinen Schule.

Nur eine Wall of Fame im Eingangsbereich lässt erahnen, dass hier Talente zur Schule gehen. Sie ist geschmückt mit Bildern, Wimpeln, Trikots und anderen Accessoires. Es ist gerade Pause, eine Traube Jugendlicher kommt aus der Sporthalle zurück.

Sie alle besuchen seit Beginn des Schuljahres die Kunst-und Sportschule Talent Campus im Win4. 89 Jungen und Mädchen in vier Klassen werden hier aktuell Niveau übergreifend unterrichtet, es gibt zwei erste sowie je eine zweite und eine dritte Oberstufenklasse.

Die Wall of Fame im Eingangsbereich der Schule.

Wie gross das Interesse an den Schulplätzen sein würde, konnten die Initianten nur erahnen. Co-Schulleiter Paddy Kälin sagt, als die Betreiberin «SBW Haus des Lernens AG» beschlossen habe im Win4 einzuziehen, habe sie vorerst einmal 650 Quadratmeter im vierten Stock übernommen. Somit war klar, dass der Platz beschränkt sein würde. Es meldeten sich schliesslich 130 Jugendliche an, rund 90 erfüllten die Kriterien.

Nicht jede oder jeder kann die Schule im Talent Campus absolvieren. Es gibt klare Vorgaben: Im Bereich Sport müssen Bewerberinnen und Bewerber über eine Swiss Olympic Talentcard verfügen und sich auf der für ihr Alter höchsten Ausbildungsstufe befinden.

Musikerinnen und Musiker müssen beim Konservatorium vorspielen und sich in einem Förderprogramm befinden. Und Tänzerinnen haben bei der Organisation «Danse Suisse» vorzutanzen. Bei allen Jugendlichen wird zudem verlangt, dass sie mindestens zehn Stunden Trainings- oder Übungszeit pro Woche absolvieren. Den definitiven Entscheid fällt eine Aufnahmekommission.

Mehr Sportler als Musiker

Im letzten Jahr war die Nachfrage im Bereich Sport deutlich grösser als in anderen Sparten. Nur fünf Schülerinnen und Schüler machen Musik, die übrigen kommen aus den Bereichen Tanz und Sport. Und hier überwiegen die Mannschaftssportler. «Das liegt daran, dass wir auf dem Platz Winterthur viele erfolgreiche Vereine wie Pfadi, den HC Rychenberg, den FCW oder den EHCW haben», sagt Kälin.

Deshalb sei auch die Zusammenarbeit mit den Vereinen eng. Sie bieten für ihre Schülerinnen und Schüler jeweils morgens eigene Trainingseinheiten an.

«_Wir finden hier optimale Bedingungen vor.»

Eine weitere Hürde kann das Schulgeld von 19800 Franken im Jahr sein. Denn der Talent Campus ist eine Privatschule. Glück haben jene Schülerinnen und Schüler, die in Winterthur wohnen. Die Stadt hat nämlich beschlossen, das Schulgeld für sie zu übernehmen. Eine entsprechende Entscheidungsgrundlage hat die Stadt extra geschaffen. Darin wird der Talent Campus anderen Privatschulen gegenüber abgegrenzt weil die Aufnahme eben über klare, kantonal vorgegebene Kriterien erfolgt.

Bis zum Start des neuen Campus gab im Schulhaus Feld in Veltheim eine Talentklasse, in der Winterthur begabte Jugendliche förderte. Diese wurde auf letzten Sommer aufgelöst beziehungsweise in die neue Kunst- und Sportschule überführt. Dies weil man wusste, dass der Bedarf an Plätzen das Angebot deutlich überstieg.

Die Stadt rechnete laut Budget damit, dass in der neuen Schule wohl etwa 20 Jugendliche einen Platz beanspruchen würden. Tatsächlich erfüllten dann aber deutlich mehr junge Leute aus Winterthur die Aufnahmekriterien, nämlich vierzig, weshalb die Stadt im Dezember Mehrkosten für den Talent Campus von 215000 Franken kommunizieren musste.

Dies obwohl das Schulgeld im Vergleich zur Talentklasse nicht höher lag. Die subventionierten Plätze zu beschränken, sei aber nicht in Frage gekommen, sagte Stadtrat Jürg Altwegg (Grüne) damals: «Jene, die die Kriterien erfüllen, sollen die Schule auch absolvieren können. Ansonsten hätten wir eine Art Numerus Clausus.»

Nicht alle Gemeinden zahlen

Nicht alle Gemeinden sind bereit, das Schulgeld zu übernehmen. Je nach Wohnort müssen deshalb die Eltern einspringen.«Wir hatten auch schon Jugendliche, die deshalb nicht zu uns kommen konnten», sagt Kälin.

Man sei jedoch in Gespräch mit den Gemeinden. «Wir leisten Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit. Denn wir bieten genau dasselbe wie die beiden öffentlich rechtlichen Kunst- und Sportschulen in Zürich und Uster und es ist doch seltsam, wenn beispielsweise eine Schülerin aus Rickenbach wohl auf Kosten der Gemeinde die Schule in Zürich besuchen kann, nicht aber jene in Winterthur.» Doch manche Gemeinden fürchten sich davor, bezüglich Privatschulen ein Präjudiz zu schaffen.

Es ist denkbar, dass die Zahl der Absolventen und damit die Kosten für Winterthur künftig nochmals ansteigen. Denn der Talent Campus kann theoretisch noch wachsen. Kälin rechnet im nächsten Schuljahr mit etwa 30 neuen Jugendlichen, was etwas mehr wären, als die Schule im Sommer verlassen.

Auf längere Frist könnte die Schule noch Raum hinzumieten. Rund 350 Quadratmeter sind im vierten Stock von Win4 noch zu haben, so dass maximal 110 Jugendliche aufgenommen werden können.

Noch viel zu tun

Das erste Schuljahr neigt sich schon bald dem Ende zu. Kälin zieht eine positive Bilanz, auch wenn er sagt, es gebe noch viel zu tun. «Alles war neu, sowohl für die Jugendlichen als auch für die Lehrpersonen und die Schulleitung.»

Aber die Rückmeldungen seien mehrheitlich positiv. «Schliesslich finden wir hier optimale Bedingungen vor. Mit der Axa-Arena, der Eishalle und dem Deutweg in nächster Umgebung haben wir hier quasi ein Klein-Magglingen.» (Der Landbote)

Erstellt: 12.04.2019, 16:20 Uhr

KV für Sporttalente

Ab dem nächsten Jahr können Sporttalente in Winterthur neu auch eine kaufmännische Grundausbildung absolvieren. Anbieterin ist die United School of Sports, die in Zürich und St. Gallen schon seit Jahren junge Sportlerinnen und Sportler ausbildet. Die Räumlichkeiten befinden sich unmittelbar hinter dem Bahnhof, an der Wülflingerstrasse 3.

Die kaufmännische Grundausbildung für Sporttalente dauert vier Jahre und ist in sämtlichen Profilen (B-, E- und M mit Berufsmatura) möglich. Wie die Schule mitteilt, haben schon einige bekannte Winterthurer diese Ausbildung an der Schule abgeschlossen.

Unter anderem die Fussballer Admir Mehmedi, Manuel Akanji, Remo Freuler und Luca Zuffi, der Kustturner Taha Serhani und der Snowboardcrosser Kalle Koblet. Anforderungskriterium für eine Aufnahme ist eine Swiss Olympic Talentcard.

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