Winterthur

Ein Notspital voller Noten

Im ehemaligen Notspital unter dem Schwesternhaus hat der Dirigent Reto Parolari viel Platz für sein umfangreiches Noten-Archiv gefunden. Der Luftschutzkeller entpuppt sich sogar als ziemlich gemütlich.

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Hinter einem massiven Eisengitter-Tor führt ein langer, karg beleuchteter Betongang in die Tiefe, und es weht einem ein kühler Hauch von Unterwelt entgegen. Überrascht ist man jedoch, nachdem man die Archivräume von Reto Parolari betreten hat: Es erwartet einen keineswegs eine nüchterne Luftschutzkeller-Atmosphäre, sondern es herrscht ein geradezu heimeliges Klima.

Das liegt einerseits an verschiedenen Luftentfeuchtungs- und Heizgeräten, die für eine konstante Atmosphäre sorgen, damit die hier lagernden musikalischen Schätze keinen Schaden nehmen. Andererseits sind die Räumlichkeiten mit alten Möbeln, Teppichen und musikalischen Erinnerungsstücken liebevoll und gemütlich eingerichtet.

Auf langen Holzregalen und in Metallschränken lagern, fein säuberlich geordnet, rund 100 000 Musiknoten von über 8000 Komponisten.

Entlang eines langen Gangs, der «Hauptachse» des Archivs, hängen schön illustrierte Titelblätter von Notenheften oder alte Plakate. Und in einer ehemaligen Kochnische ist ein «Swiss-Music-Corner» eingerichtet, in dem ein altes Grammophon, Instrumente, Fotos und Dokumente an berühmte Schweizer Musiker oder Komponisten erinnern.

Notenmaterialvon Solo bis Tutti

Auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges öffnen sich mehrere grosse Kojen. In ihnen lagern Instrumente und andere Utensilien des Orchesters Reto Parolari. Alles ist fein säuberlich in stapelbaren Kunststoffboxen verpackt und angeschrieben. Doch längst nicht alles hat hier Platz: In einem anderen Raum der weitläufigen Luftschutzanlage sind die Grossinstrumente eingelagert, darunter nicht weniger als 14 Kesselpauken!

Endlich gelangen wir zum Herzstück dieser «bombensicheren» musikalischen Schatzkammer: Auf langen Holzregalen sowie in Metallschränken lagern, fein säuberlich geordnet, rund 100 000 Musiknoten von über 8000 Komponisten und Arrangeuren. Ob Klassik, Operette oder Musicals, ob volkstümliche Musik oder Unterhaltungsmusik – fast alles ist hier zu finden. Und dies auch noch in unterschiedlichen Arrangements: für ein grosses Orchester, für Salon-, Streich-, Tanz- oder Zirkusorchester, für Big-Band und Combo. Selbst Klavier- oder Chornoten, Klavierdirektionen (eine spezielle Form von Klavierauszügen) oder Partituren sind vorhanden.

Schätze mitweltweiter Nachfrage

Doch diese Noten lagern nicht einfach nur hier. Täglich treffen bei Ueli Anderes, dem Leiter des Archivs, Bestellungen von Orchestern ein, die sich Noten für Aufführungen ausleihen möchten. Die Kundenliste ist lang und reicht von Beverly Hills bis Bilbao, von Narvik bis Wien, von St. Petersburg bis Monaco.

Täglich treffen Bestellungen von Orchestern ein, die  sich Noten ausleihen möchten. Die Liste der Kunden reicht von Beverly Hills bis Bilbao.

Anderes ist nicht nur zuständig für den Leihverkehr, sondern auch für die Erfassung, Verwaltung und Bewirtschaftung des Notenarchivs. «Er ist ein Allrounder und repariert auch beschädigte Notenblätter oder baut Gestelle auf», sagt Parolari, «Zudem hat er das Programm für unsere Datenbank entwickelt.» Dort sind heute über 35 000 Titel elektronisch erfasst und über das Internet abrufbar. Auch Parolari selber legt im Archiv Hand an: «Ich habe in meinem Leben schon weit mehr Noten sortiert als gespielt», sagt er schmunzelnd.

Noten retten,ist Schwerarbeit

Nächstes Jahr wird das Orchester Reto Parolari (ORP) 45 Jahre alt – was mit Trouvaillen aus diesem Fundus gefeiert wird – und etwa gleich alt ist auch sein Archiv. «Schon in den Anfängen des ORP begann ich, Noten zu sammeln und zu kaufen», erzählt Parolari, «Zuerst einzelne, später wurden mir Archive von Komponisten oder Musikern als Schenkungen oder Legate anvertraut.» Ende der 1990er-Jahre wurde ihm der gesamte Notenbestand des aufgelösten Radiosinfonieorchesters Basel angeboten – ansonsten würde er entsorgt.

Parolari überlegte nicht lange und holte den Schatz mit zwei Transportern hierher. Ähnliches wiederholte sich später nach Auflösung des Radioorchesters Nürnberg (da waren es 17 Normpaletten voller Noten) und des Radioorchesters Beromünster. Einzige Bedingung: Mit dem musikalischen Fundus musste er auch die 13 schweren Metallschränke übernehmen (und zügeln!), in denen die Sammlung untergebracht war.

Das Leihnoten-Archiv des ORP kann nach Voranmeldung besichtigt werden. Details: www.leihnoten.ch (Der Landbote)

Erstellt: 26.07.2017, 16:56 Uhr

Sommerserie

Keller, Stollen, Geheimgänge: Für die Sommerserie «Underground» geht die Stadtredaktion unter Tage und erkundet die Orte in Winterthur, die unter der Oberfläche liegen. Von oben unsichtbar, wird hier die Stadt versorgt, genährt, entwässert, Kultur gemacht, und Schätze für die Nachwelt werden aufbewahrt.

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