Winterthur

Ein Plädoyer für die Sonntagspredigt

28 Jahre lang war Jürg Seeger Pfarrer in Oberwinterthur. Er sagt, die Vereinzelung in der Gesellschaft habe in dieser Zeit zugenommen.

Jürg Seeger verlässt die Kirche Oberwinterthur nach über einem Vierteljahrhundert im Pfarramt.

Jürg Seeger verlässt die Kirche Oberwinterthur nach über einem Vierteljahrhundert im Pfarramt. Bild: Enzo Lopardo

Die Nähe zu den Menschen. Das sei eine der schönsten Seiten des Pfarrberufs, sagt Jürg Seeger. Als Pfarrer sei er in den freudigen Momenten des Lebens dabei gewesen. Wenn Kinder geboren und getauft wurden oder wenn ein Paar geheiratet hat. Er habe aber auch die schwierigen Momente miterlebt.

Wenn Angehörige einen Menschen verloren haben, wenn Jugendliche oder Kinder starben. «In diesen Situationen für die Menschen da zu sein, mit ihnen in diesem Moment einen Sinn zu finden und in der Sprachlosigkeit Worte, das ist das Berührendste und das Herausfordernste für einen Pfarrer.»

Taufen, Trauungen und Abdankungen hat Jürg Seeger hundertfach miterlebt und mitgestaltet. Seit dem 1. Oktober 1989 – 28 Jahre lang – war er Pfarrer in Oberwinterthur. Seit dem 1. Advent ist er im Ruhestand.

Herr Seeger, wie hat sich die Gesellschaft in den letzten 28 Jahren verändert?
Jürg Seeger: Meine Wahrnehmung ist vielleicht dadurch beeinflusst, dass ich älter geworden bin. Ich bin mir bewusst, dass die ältere Generation häufig sagt: Früher war alles besser. Andererseits stelle ich schon fest, dass sich die Gesellschaftsstruktur verändert hat, gerade hier in Oberwinterthur. Der Zusammenhalt war früher stärker.

Wo nehmen Sie diese Veränderungen konkret wahr?
Die Vereinzelung nimmt zu. Ich erlebe das bei Beerdigungen, bei denen man feststellt, dass Menschen kein soziales Netz mehr hatten. Aber auch bei Taufbesuchen in neuen Überbauungen hier im Quartier. Da haben die Menschen teilweise überhaupt keine Beziehung zu den Nachbarn mehr. Wenn ich vor 25 Jahren die Brautpaare gefragt habe: Wo habt ihr Euch kennengelernt? Dann hörte ich: im Verein, beim Sport, bei einer Veranstaltung, an einer Party. Wenn ich heute die Brautpaare frage, dann kommt bei zwei Dritteln die Antwort: im Internet. Ich will das nicht werten. Ich stelle aber fest, dass es eine Veränderung gegeben hat.

«Früher lernten sich die Brautpaare in Vereinen oder an Partys kennen, heute im Internet.»Pfarrer Jürg Seeger

Die schonungslose Diagnose kommt ohne Bitterkeit daher. Vielleicht liegt es an seiner in unzähligen Predigten eingeübten Stimme, vielleicht an seiner ruhigen Mimik. Schwindende Werte, Spassgesellschaft, mangelnde Gerechtigkeit, es könnte auch um die Apokalypse gehen: Egal wie düster das Thema, irgendwie schwingt immer ein Stück Zuversicht mit. Wie in seinen Predigten, für die Jürg Seeger bekannt war. Bei ihm war die Kirche am Sonntag immer gut besetzt.

Er gab Religionsunterricht an den Winterthurer Gymis, bildete Vikare aus, war lange Zeit als Dekan Vorsteher aller Pfarrerinnen und Pfarrer im Bezirk. Jürg Seeger ist in Winterthur geboren und aufgewachsen, wohnte mit der sechsköpfigen Familie ein Vierteljahrhundert im stattlichen Pfarrhaus auf dem Oberwinterthurer Kirchenhügel. Ein fester Bestandteil der Kirchgemeinde, ein Aushängeschild der Reformierten in der Stadt. Sein Abgang beschrieb der Gemeindepräsident im Kirchenboten als «schon lange gefürchteten Moment».

Geht es der reformierten Kirche heute schlechter als 1989?
Der Kirche als Institution geht es schlechter als früher. Genauso wie es vielen anderen Institutionen schlechter geht, deren Wert man nicht mehr gleich schätzt. Man überlässt alles dem Markt. Was sich finanzieren kann, soll überleben, den Rest meint man beerdigen zu können. Allerdings: Die Kirche ist über 2000 Jahre alt. Und schon oft wurde über ihren schwindenden Einfluss oder den mangelnden Kirchenbesuch gejammert. Darum bin ich zuversichtlich, dass man auch auf die jetzigen Veränderungen Antworten findet. Das ist eine spannende Herausforderung, gerade hier in Oberwinterthur, wo ganze Stadtteile neu entstanden sind.

«Einmal wollten wir als Jugendprojekt unter einen Maulwurfskeller graben.»Pfarrer Jürg Seeger

Hat die Kirche denn die richtigen Antworten?
Das müsste man die Bewohner in Neuhegi fragen. Wir haben jedenfalls immer wieder danach gesucht. Im Moment sind wir mit Veranstaltungen präsent, mit dem Gottesdienst an der Eulach, mit dem Spielkiosk jeden Mittwoch in der Halle 710, die beide beliebt sind. Wir haben viele andere Ideen gesponnen. Eine war, ein Pfarrhaus hier im Dorfkern zu verkaufen und dafür nach Neuhegi zu verlegen.

Das hätte Ihnen gefallen?
Ja, klar. Ich wollte auch einmal allen kirchlichen Mitarbeitern einen Smart kaufen mit der Aufschrift: «Hier fährt Ihre Kirche.» Daraus wurde dann aber nichts.

Sie hätten das ja auf Ihr Auto schreiben können. Oder steht dort etwas in der Art?
Nein, nichts. Ausser dem Namen des Garagisten - und dass es mit Biogas fährt.

Seit dem ersten Advent ist Jürg Seeger im Ruhestand – langweilig wird's ihm trotzdem nicht werden. Bild: elo

Hatten Sie viele Ideen, die Sie als Pfarrer nicht umsetzen konnten?
Ich hatte das Glück, hier in der Gemeinde immer unterstützt zu werden. Ich konnte sehr vieles umsetzen, zum Beispiel die Jazzgottesdienste, die mir sehr gefallen. Als Jugendpfarrer konnte ich ebenfalls viele Projekte verwirklichen. Während des Umbaus des Kirchgemeindehauses vor 20 Jahren hatten wir einen alten Stadtbus als Jugendraum vor der Kirche parkiert. Als wir damit vorfuhren, sagten viele: Die spinnen ja. Als der Umbau vorbei war und wir den Bus wieder wegstellen mussten, wollte ihn keiner mehr hergeben. Eine andere Idee war damals, zusammen mit Jugendlichen unter dem Kirchgemeindehaus einen neuen Jugendkeller zu graben. Projekt Maulwurf, nannten wir das. Es blieb aber bei der Idee.

Jürg Seeger wurde am 1. Advent in einem grossen Festgottesdienst von seiner Gemeinde verabschiedet. Was er nun machen will, lässt er offen. Am ersten Tag nach der Pensionierung hütete er ein Enkelkind. Er habe sich eine Zeitungsseite mit den Angeboten für Freiwilligenarbeit der Stiftung Benevol zur Seite gelegt, da stünden interessante Angebote drin. Zudem werde er – jetzt als Besucher – oft am Sonntag zur Predigt gehen.

Bedauern Sie es, dass nicht mehr Menschen die Sonntagspredigt besuchen?
Es ist immer wieder interessant: Wenn ich irgendwo auftauche, entschuldigen sich oft Leute bei mir dafür, dass sie nicht häufiger in die Kirche kommen. Dabei findet Kirche nicht nur am Sonntagmorgen statt. Trotzdem ist es mir wichtig, dass die Leute auch am Sonntagmorgen die Kirche besuchen. Die Predigt ist ein gutes Erlebnis. Sie ist eine Art Tankstelle, in der man Treibstoff für die Seele abholen kann. Man bekommt anregende Gedanken mit auf den Weg, hört sehr schöne Musik, singt gemeinsam, wird allenfalls getröstet. Am letzten Sonntag, dem ersten nach meiner Pensionierung, war ich in der Stadtkirche und habe es genossen.

(Jakob Bächtold)

Erstellt: 12.12.2017, 16:45 Uhr

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