Winterthur

Ein Ritual wie bei den alten Römern

Bei Neubauten Dinge zu vergraben, ist ein alter Brauch. Römer opferten bei der Gelegenheit Münzen und Essen. Zeitkapseln sind hingegen eine noch junge Mode. Aushubspezialisten zweifeln allerdings, ob der Inhalt je gefunden wird.

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Eine illustre Gesellschaft versammelten sich am Montag, um in der Baugrube des Polizeigebäudes eine sogenannte Zeitkapsel zu vergraben. Anlässlich der Feier gab es Reden von Politikerinnen und es wurde ein Stapel Dokumente und eine Flasche Whisky in die Metallkiste gelegt.

Ähnlich wäre ein Bauopfer bei den alten Römern verlaufen, sagt Debora Schmid. «Ich sehe eine Verwandtschaft», sagt die Leiterin Forschung und Archiv in der ehemaligen Römersiedlung Augusta Raurica in Augst (BL). Die Römer hätten den Beginn von Bauvorhaben «eigentlich immer» mit Opfern verbunden. «Bauopfer wurden unter der Türschwelle, in einer Mauer oder in der Nähe des Eingangs deponiert.»

Geopfert wurden Münzen, alleine oder in kleinen Keramikgefässen sowie Essen oder Getränke in Gefässen. «Die Idee war, danach geschützt zu sein beim Bau und beim Leben im Haus.»

«Den Römern waren rituelle Handlungen sehr wichtig»Debora Schmid

«Den Römern waren rituelle Handlungen sehr wichtig», sagt Schmid. Beim Opfern mussten sie sich an genaue Regeln halten. Das sei heute bei einer Grundsteinlegung ähnlich. Erst würden Einladungen versandt an Politiker und beteiligte Personen, am Anlass würden Reden gehalten, dann werde der Grundstein gesetzt oder eine Zeitkapsel eingemauert und schliesslich gebe es einen Apéro.

Den Römern sei es wichtig gewesen, den Göttern etwas zu geben, sagt Schmid. «Do ut des» habe der Grundsatz auf Lateinisch gelautet: «Ich gebe, damit Du gibst». Im Grunde genommen sei ein Handel abgemacht worden, zwischen den Menschen und den Göttern.

Natürlich gehe es heute bei einer Grundsteinlegung nicht primär um den Schutz des Gebäudes oder gar einen Handel mit Göttern, sagt Schmid. «Aber es wird mit Dokumenten und Gegenständen versucht, etwas für später mitzugeben.» Zufälligerweise werde nächste Woche in Augusta Raurica ebenfalls ein Grundstein, für ein Gebäude gelegt. «Wir werden aus diesem Anlass ein römisches Bauopfer vornehmen», sagt Schmid. In die Bodenplatte wird ein Töpflein mit einer Münze darin eingegossen. Geopfert wird eine 2019 geprägte Silbermünze. Diese zeigt die erste Landung des Menschen auf dem Mond vor 50 Jahren.

Schon vor der Römerzeit gab es im Zusammenhang mit Bauwerken Opfer. Aus Norddeutschland und Dänemark sind Funde seit der Jungsteinzeit, also seit 12 000 Jahren, und bis in die christliche Zeit dokumentiert. Gefunden wurden um und in Gebäuden unter anderem Hunde und Pferde aber auch Kinder und Erwachsene. Weil es aus jener Zeit – im Gegensatz zur Römerzeit – keine schriftlichen Überlieferungen gibt, bleibt aber offen, in welchem Zusammenhang und zu welchem Zweck die Opfer dargebracht wurden.

Auch aus dem Mittelalter gibt es Funde, die als Bauopfer verstanden werden. Tote Katzen unter Türschwellen etwa, an Brückenpfeilern angebrachte Messingkreuze, in Balken versteckte Münzen oder Keile und Zeichen an Holzwänden.

Zufall oder nicht?

Im Gegensatz zu Bauopfern und Grundsteinen werden Zeitkapseln erst seit kurzer Zeit vergraben. Bei Abbrüchen und Aushub haben drei befragte Fachleute bisher keine einzige gefunden. «Vielleicht in 20 bis 30 Jahren», sagt Hanspeter Winkler, von der Kündig und Winkler AG aus Rikon. Solange dauere es sicher noch, bis die ersten Gebäude mit Kapseln darunter abgebrochen würden. Er habe bisher erst Zeitkapseln vergraben, sagt Winkler. Eine unter einem Kindergarten in Benken. «Von den anderen weiss ich nicht mehr, wo das war.» Der Unternehmer ist skeptisch, ob die Zeitkapseln je wieder gefunden werden. «Wir heben mit jeder Schaufel einen Kubikmeter aus. Es wäre Zufall.»

«Ich schätze die Chance, eine Zeitkapsel wiederzufinden, relativ klein ein.»Lukas Schwalm

Derselben Ansicht ist Lukas Schwalm, Bauführer bei der Kibag AG. Die Firma hat die Baugrube für das Polizeigebäude erstellt. «Ich schätze die Chance, eine Zeitkapsel wiederzufinden, relativ klein ein.» In den ihm bekannten Plänen sei noch nie eine Kapsel verzeichnet gewesen. Schwalm geht davon aus, dass auch in 50 Jahren oder mehr mit Maschinen gearbeitet wird. «Da braucht es schon Glück, ein so kleines Ding zu finden.»

Anderer Meinung ist Franz Denz, Leiter Rück- und Erdbau bei Toggenburger. Auch ohne Hinweis auf den Standort sei das Wiederauffinden möglich, sagt er. «Heute muss das Abbruchmaterial sorgfältig sortiert werden.» Beim Rausspitzen und -beissen von Beton würden etwa Armierungseisen separiert. «Bei dieser Arbeit würde dem Führer des Abbauhammers eine Metallkiste auffallen, glaube ich», sagt Denz. Allerdings sei es wohl von Vorteil, wenn die Zeitkapsel-Kiste recht stabil gefertigt sei.

Erstellt: 06.09.2019, 18:01 Uhr

Kugeln auf Kirchtürmen und Kirchenmauern

Sichere Aufbewahrungsorte für Dokumente, Zeitungen und Münzen

Ob Not, ob Krieg, ob Revolution: Zuoberst auf den Kirchturm steigt kaum jemand, um zu stehlen, zu rauben oder zu zerstören. Wegen ihrer schlechten Zugänglichkeit gelten die Kugeln auf den Kirchturmspitzen schon lange als sicherer Aufbewahrungsort für historische Dokumente, Zeugnisse, Zeitungen und Münzen, die der Nachwelt erhalten bleiben sollen.

In Dättlikon wurde im Jahr 2012 eine kupferne Box aufgeschweisst, die wahrscheinlich seit ungefähr 200 Jahren in der Spitze des Kirchturms untergebracht ist. Zwischen zwei dicken Papierrollen und drei Dias mit Ansichten des Kirchturms von 1986 kullerte auch ein halber Batzen aus dem Jahr 1815 heraus. Zum Vorschein kamen weiter ein Exemplar des «Evangelischen Wochenblattes» aus dem Jahr 1897, der Plan der Güterzusammenlegung sowie eine Zehner- und eine Zwanzigernote.

In Wila liegen 13 Briefe in der Kugel auf der Turmspitze, wie der langjährige Kirchenpflegepräsident Walter Fankhauser im Jahr 2008 verriet. Der älteste datiert aus dem Jahr 1637 und beschreibt eine ungeheure Hungersnot. Sogar Menschenfleisch sei verzehrt worden, steht in dem Brief in der Kirchturmkugel.

In Feuerthalen wurden anlässlich der Grundsteinlegung für die neue katholischen Kirche im Jahr 2007 Münzen, Briefmarken, Protokolle und Zeitungsartikel in die Aussenwand eingemauert. Von der Beigabe einer Flasche Wein sah der damalige Präsident der römisch-katholischen Kirchenpflege Andelfingen, Hanspeter Stocker, ab, «weil die aus der Flasche entweichenden Dämpfe im Laufe der Zeit die Urkunden angreifen könnten.»

In Rheinau wurden im Jahr 2005 verschiedene Dokumente in die neu vergoldete Kugel auf der Bergkirche gesteckt. Die Kirche hatte nach einem durch Blitzeinschlag verursachten Grossbrand komplett wieder aufgebaut werden müssen. In der Kugel warten Fotos vom Wiederaufbau, Pläne, eine Liste der beteiligten Unternehmen und auch eine Ausgabe des «Landboten» auf ihre Wiederentdeckung bei der nächsten Renovation. (dh)

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