Tanzdemo

Ein Schock, den niemand vergessen kann

Vor fünf Jahren, am Abend des 21. September 2013, eskalierte die Tanzdemonstration «Standortfucktor» beim Bahnhof Winterthur. Polizeivorsteherin Barbara Günthard (FDP) sagt, der Groove bei den Behörden habe sich seither verändert.

Stadträtin Barbara Günthard-Maier (FDP): «Nach den Vorfällen haben wir offensiv das Gespräch gesucht.»

Stadträtin Barbara Günthard-Maier (FDP): «Nach den Vorfällen haben wir offensiv das Gespräch gesucht.» Bild: Enzo Lopardo

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Vor fünf Jahren fand in Winterthur die sogenannte Tanzdemo statt. Gehen Ihnen die Vorfälle heute noch nahe?
Barbara Günthard-Maier: Das war ein Tag, an den sich wohl ganz Winterthur nicht gerne erinnert. Alle Beteiligten waren überrascht, dass sich in unserer Stadt solche Szenen abspielen können. Die Bilder von damals werde ich nie vergessen.

Welche Bilder genau?
Zunächst ein Moment, als ich beim Salzhaus stand und Pyro­fackeln an mir vorbeiflogen. Da musste ich weggeführt werden, damit ich sauber vom Platz komme. So etwas habe ich noch nie in meinem Leben live erlebt. Der zweite Eindruck war am Bahnhof, als ich sah, wie sich bei der Unterführung der Zürcherstrasse eine Menge versammelte, die offensichtlich beobachten wollte, wie sich Menschen aufs Dach geben. Dass es solche Leute gibt, hier in «meinem» Winterthur, das wir für so friedlich halten, das war für mich ein Schock.

«Dass es solche Leute gibt, hier in ‹meinem› Winterthur, das wir für so friedlich halten, das war für mich ein Schock.»


In anderen Städten wie Bern und Zürich kam es auch kürzlich zu ähnlichen Szenen. In Winterthur blieb es seither friedlich. Warum?
Die Tanzdemo hatte etwa ein Jahr lang noch Nachwehen. Seither ist es in Winterthur tatsächlich ruhig. Einen Grund dafür sehe ich darin, dass wir offensiv das Gespräch gesucht haben.

Hat das wirklich etwas bewirkt?
Ich hoffe schon. Es hat dazu beigetragen, dass wir Fronten überwinden und Vorurteile abbauen konnten. Ein anderer Teil waren die noch laufenden Gerichtsverfahren. Da hat sich der eine oder andere sicher überlegt, ob er diese Konsequenzen wirklich will.

Also auch Abschreckung?
Ja. Es braucht beides: Dialog und Repression.

Die Jugendlichen haben damals mehr Freiräume gefordert. Konnte man dies erfüllen?
Wir haben ein Stück weg gemeinsam zurückgelegt. Im Vorfeld der Tanzdemo gab es zwei, drei Vorfälle, die nicht super abliefen. Beispiele waren etwa offene Fragen um ein Bänkli vor dem Hako-Getränkeladen oder die Diskussionen um die Nachtruhe im Kraftfeld. Da haben sich die Behörden ungeschickt verhalten. Das wollten wir möglichst rasch ändern. Darum haben wir den Kultur- und Gastromanager eingeführt, eine niederschwellige Ansprechperson. Das hat sich bewährt. Zwei weitere Massnahmen: einfachere Bewilligungen, die man onlinebeantragen kann, und verlängerte Öffnungszeiten, die nun drei Jahre probeweise laufen.

«Im Vorfeld der Tanzdemo gab es  zwei, drei Vorfälle, die  nicht super abliefen.»

Damals wurden Sie bei der jungen Szene zu einer Reizfigur. Wie sehen die Jugendlichen Sie heute? Und wie sehen Sie die Jugendlichen?
Das eine müssen Sie die Jugendlichen fragen. Ich habe einen grossen Respekt vor jenen Jugendlichen, die an den Tisch kamen und mit uns gesprochen haben. Dafür mussten sie Vorurteile überwinden. Ich finde es super, dass einige diesen Schritt wagten. Mein Bild der Jugendlichen hat sich nicht verändert. Ich gehe nach wie vor von einem positiven Menschenbild aus. Und Junge dürfen auch einmal über die Stränge schlagen. Mein Anliegen war es schon immer und ist es weiterhin, das Mögliche möglich zu machen.

Bei Ihnen war also kein Kulturwandel nötig. Bei der Stadtpolizei schon?
Ich habe festgestellt, dass nach zwei, drei Jahren die Leute an Sitzungen schon von sich aus sagen: Wir wissen, dass du eine Ermöglicherin bist, schau, das sind unsere Vorschläge, wie wir das machen können. Dass diese Haltung so ausgeprägt ist, ist neu. Der Groove hat sich verändert.

Brauchte es diesen Wandel?
Das kann ich nicht beurteilen, ich war damals ja auch relativ frisch im Amt. Die Stadtpolizei hat auch schon vorher auf das Modell des «Community Policing» gesetzt.

«Als Mensch bedaure ich diese Vorfälle sehr. Es zeigt aber auch, warum ein Polizeieinsatz nötig war.»Source

Wie beurteilen Sie heute –mit fünf Jahren Distanz – den Polizeieinsatz von damals?
Dazu gibt es nicht mehr viel zu sagen. Der Einsatz, der gemeinsam mit der Kantonspolizei stattfand, wurde danach ausgewertet, wie das immer gemacht wird. Dann gab es auch eine politische Diskussion. Unsere Botschaft aus dem Stadtrat schon eine Woche nach der Tanzdemo war: Wir akzeptieren keine Gewalt in Winterthur, gehen repressiv dagegen vor. Gleichzeitig stiegen Stadtrat Nicolas Galladé und ich in die Freiraum-Gespräche ein. Auch juristisch sind unterdessen alle Fälle abgeschlossen: Für keinen Polizisten gab es strafrechtliche Konsequenzen. Es ist nicht meine Aufgabe, diese Urteile zu hinterfragen. Die juristische Instanz steht über der Exekutive.

Wollten Sie die Urteile denn hinterfragen?
Nein, das gehört zu meiner Selbstdisziplin. Ergebnisse der Justiz akzeptiere ich, ohne sie zu werten.

Ein Polizist erlitt damals einen Gehörschaden, eine Demonstrantin eine bleibende Augenverletzung. Hatten Sie mit den Betroffenen einmal Kontakt?
Ich hielt mich zurück. Wie Sie sagten: Ich war damals eine Reizfigur, ein Kontakt war da nicht opportun. Als Mensch bedaure ich diese Vorfälle sehr. Es zeigt aber auch, warum ein Polizeieinsatz nötig war. Es gab gewaltbereite Personen an der Demo, die die friedliche Veranstaltung ausnutzen wollten.

Dieses Wochenende erlebte die Stadtpolizei in Winterthur eine heftige Nacht mit über 40 Einsätzen. Nimmt die Gewalt­bereitschaft im Ausgang zu?
Da sehe ich in Winterthur keinen Trend. Auch in der Partymeile haben wir verschiedene Massnahmen getroffen, zusammen mit den Clubs. Das hat gewirkt, die Vorfälle mit Verletzungen gingen deutlich zurück. Wir müssen da dranbleiben. Aber ich sehe dieses Wochenende eher als einen Ausreisser.

Haben Sie vor dem Hako-Getränkeladen auch schoneinmal ein Bier getrunken?
Nein, im Kraftfeld sass ich aber schon oft. Im Hako habe ich schon Bier gekauft, kürzlich, als der Laden temporär am Obertor – direkt vis-à-vis dem Polizeiposten – eingemietet war. Diese Nachbarschaft wäre vor fünf Jahren wohl auch nicht denkbar gewesen. Das war ein schönes Zeichen dafür, dass sich etwas ver­ändert hat.

(Der Landbote)

Erstellt: 21.09.2018, 09:49 Uhr

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