Winterthur

Ein System mit hohen Hürden

Das Parkingcard-System bei Schulanlagen gibt in der Stadt zu reden. Es sei untauglich, bemängeln Vereine. Ein Selbstversuch zeigt, dass das System für Einmal- und Gelegenheitsnutzer tatsächlich Tücken hat.

Eine Tafel beim Schulhaus Tägelmoos in Seen, die nur Eingeweihte verstehen.

Eine Tafel beim Schulhaus Tägelmoos in Seen, die nur Eingeweihte verstehen. Bild: Donato Caspari

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Zugegeben: Ein wenig ging mir das Gejammer der Sportvereine wegen des neuen Parkingreglements auf die Nerven. Man bekam den Eindruck, die Sportlerinnen und Sportler wollten sich einfach vor den Gebühren drücken. Doch die Vereine betonten, das Problem sei das komplizierte System.

«Leider sind Sie nicht registriert»

So schlimm kann das System kaum sein, sagte ich mir und nutzte meinen Besuch an einem Juniorinnen-Unihockeymatch für einen Test. Kurz vor 10 Uhr steige ich aus dem Auto. Schon die Tafel beim Parkplatz ist kryptisch: «8400 # 560 # Start / Stopp» heisst es da. Was anfangen mit diesen Zahlen? Eine SMS senden? Doch wohin? Auch fehlt ein Hinweis, was das Parkieren überhaupt kostet. Ich suche im Internet nach einer Anleitung und werde auf der Webseite der Stadt fündig.

«Parkieren mittels Anruf von meinem Mobile aus» – das scheint mir die einfachste Variante. Ich wähle die Gratisnummer, doch die automatische Ansage teilt mir nur mit: «Leider sind Sie bei Parkingcard nicht registriert, bitte bezahlen Sie die Parkgebühr an einer Parkuhr.» Doch eine solche fehlt bei diesem Parkplatz.

20 Franken Mindestladebetrag

Also registriere ich mich und mein Auto mühsam mit dem Handy. Doch das Einloggen will nicht klappen. Nach einigem Hin und Her wird klar: Das Konto ist noch nicht freigeschaltet. Ich muss zuerst auf einen Link in der mir zugesandten Mail klicken. Danach wähle ich erneut die Nummer, doch die Nachricht bleibt dieselbe. Also versuche ich, mich über die Web-App im Browser des Handys anzumelden. Dies gelingt, und ich klicke auf «parkieren». Jetzt kann ich Ort (8400 Winterthur) und Zone (betreffendes Schulhaus) wählen. Bei Parkvariante wähle ich gemäss der Anleitung «Bezahlung vor Ort», «Parkvorgang» und dann «Parkvorgang starten».

Ich wähne mich am Ziel, doch es folgt die Meldung: «ungenügender Saldo». Es gilt, zuerst das persönliche Parkingcard-Konto aufzuladen. Die einzige Methode, die auch unterwegs möglich ist, ist E-Payment, das heisst Zahlung per Kreditkarte oder Postcard. Ich wähle Postcard. Doch sollte ich dazu einen vom Postfinance-­Sicherheitsgerät generierten Code ein­geben. Nur trage ich das Sicherheitsgerät gewöhnlich nicht auf mir.

Bleibt noch die Kreditkarte. Mindestladebetrag sind 20 Franken, auch für Gäste, die diesen Parkplatz wohl nie mehr betreten. Ich lade das Geld und drücke «Parkvorgang starten». Um 10 Uhr war ich vor Ort, um 11.15 Uhr habe ich dann meinen Parkvorgang gestartet. Was mich das Parkieren kostet, ist weder beim Parkplatz noch in der App ersichtlich.

Busse auch nach Registrierung

Vor allem aber ist es damit noch nicht getan. Vor dem Wegfahren muss man den Parkvorgang wieder in der Web-App beenden, sonst werden automatisch 12 Franken verrechnet. Was ich damals noch nicht wusste: Das alles hätte mich nicht vor einer Busse bewahrt, wäre an jenem Tag kontrolliert worden.

Denn gültig parkiert nur, wer die entsprechende Vi­gnette ins Auto legt. Diese erhalte ich aber erst ein paar Tage später per Post. Das ­bedeutet: Wer spontan und einmalig bei einer Sportanlage parkieren will, hat keine Chance. Bei einer Kontrolle ist die Busse vorprogrammiert. Das System sei eben nicht für diese Leute gedacht, sondern für regelmässige Nutzer, in diesem Fall Lehrpersonen und Vereinsmitglieder, sagt Markus Rahm, Projektleiter bei der Firma Parkingcard. «Andere müssen sich halt einen Parkplatz in der Gegend suchen.»

Aber nicht nur einmalige Besucher werden ausgeschlossen, sondern auch alle, die kein Smartphone besitzen. Bis vor kurzem konnte man den Parkvorgang über eine 0848-Nummer starten, doch diese Variante steht für neue Nutzer seit Ende Jahr nicht mehr zur Verfügung. «Die Firma Parkingcard hat diese Möglichkeit ab­geschafft, weil sie kaum benutzt wurde», sagt Stadtrat Stefan Fritschi (FDP). Davon habe man erst durch Hinweise aus der ­Bevölkerung erfahren: «Wir haben die Merkblätter inzwischen angepasst.»

Rahm ergänzt, die Telefonlösung sei kompliziert gewesen und werde von Providerseite, also von Telecomfirmen, bald nicht mehr angeboten. «Ich verstehe, dass Leute ohne Smartphone am System keine Freude haben», sagt er. Sein Vorschlag: Man könne das Smartphone eines Kollegen nutzen oder den Parkvorgang vom Computer zu Hause aus starten. Rahm wirbt für die Vorteile der App. «Ist sie einmal eingerichtet, ist die Bedienung einfach und schnell. Viele Vereinsmitglieder schätzen das System, weil sie von minutengenauer Abrechnung profitieren.»

Doppelt so viel Einnahmen durch Bussen

Ein Hinweis darauf, dass doch einige Besucher vor dem System kapitulieren, dürften die ausgesprochenen Bussen sein. So waren die Einnahmen durch «Um­triebs­ent­schädigungen» im letzten Jahr fast doppelt so hoch wie jene aus den Park­gebühren. Die Stadt hat rund 26 000 Franken an Parkgebühren eingenommen. In derselben Zeit wurden gegen 1000 Leute mit total 41 000 Franken gebüsst.

Vor rund vier Jahren sagte Rahm in einem Zeitungsbericht, das System sei ein Komplementärprodukt. In den nächsten 20 bis 30 Jahren werde sicher weiterhin auch mit Bargeld bezahlt. Doch genau das ist bei den meisten Schulhäusern nicht möglich. Zwar wurden bei einzelnen Anlagen mit viel Publikumsverkehr für rund 100 000 Franken Parkuhren installiert, bei den meisten Schulhäusern fehlen sie aber, weil sie laut Fritschi zu teuer sind.

Winterthur ist als erste Stadt überhaupt einen Schritt weitergegangen und verzichtet teils auf die ergänzende Parkuhr. «Auf diesen Entscheid hatten wir keinen Einfluss. Ich finde ihn mutig, aber es macht die Sache schwieriger als anderswo, weil die Parkingcard keine freiwillige Angelegenheit ist», sagt Rahm.

Ein weiterer Kritikpunkt: Die Preise fürs Parken sind weder beim Parkplatz noch in der App ersichtlich. Lediglich auf der Webseite des Sportamtes steht der Preis: 1 Franken pro Stunde. Auch Rahm sieht hier Handlungsbedarf: «Wir haben die Stadt darum gebeten, die Tarife sauber zu signalisieren, und suchen nach einer Lösung, wie wir die Preise in der App ­abbilden können.»

«System ist nicht perfekt»

Andreas Abegg, Professor für öffentliches Wirtschaftsrecht an der ZHAW, nimmt die Stadt in Schutz. «Schulhäuser sind keine öffentlichen Räume. Wenn die Stadt Nutzungen zulässt, kann sie selbst bestimmen, wie sie diese organisieren will.» Auch eine Diskriminierung einzelner Gruppen sei nicht gegeben, da sich im weiteren Umkreis Alternativen finden. Es sei jedoch wichtig, dass klar ersichtlich sei, dass es eine Bewilligung brauche.

Auch Stefan Fritschi verweist darauf, dass es grundsätzlich kein Recht gebe, auf Schulanlagen zu parkieren. Man wolle dies jedoch möglichst vielen Nutzern trotzdem erlauben und habe darum unter anderem das Parkingcard-System in­stalliert: «Es ist zwar nicht perfekt. Aber 94 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer besitzen ein Smartphone. Die Kosten, um den restlichen 6 Prozent das Parkieren zu ermöglichen, sind ­unverhältnismässig hoch.»

Fazit: Die Stadt hat ein Recht, die Parkplätze auf Schulanlagen zu bewirtschaften, und verstösst gegen keine rechtlichen Vorgaben. Trotzdem überzeugt die vor­liegende Lösung nicht. Sie ist alles andere als selbsterklärend und schliesst Personen ohne Smartphone von vornherein aus. Zudem sind die Hürden für einmalige Besucher unüberwindbar. Trotzdem wird rigoros gebüsst.

Die Stadt täte gut daran, auf den Anlagen klarer zu kommunizieren. Sie sollte darauf hinweisen, wie man die Parkbewilligung beschaffen kann, und auch darauf, dass die Gebühren für Erstbesucher nicht vor Ort beglichen werden können. Weiter sollte ersichtlich sein, was das Parkieren kostet. So liesse sich einiger Ärger vermeiden. (Landbote)

Erstellt: 10.02.2016, 09:41 Uhr

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