Interview

Das ist die Bedeutung des Zahnbürsteli

Vor zwei Jahren ersetzte das Werk eines Winterthurer Künstlers den populären Holidi. Erstmals verrät Schöpfer Andreas Fritschi, wie sein ­Zahnbürsteli zu interpretieren ist.

Eine Zahnbürste zum Absitzen: Andreas Fritschis Kunstwerk macht auch eine soziale Aussage.

Eine Zahnbürste zum Absitzen: Andreas Fritschis Kunstwerk macht auch eine soziale Aussage. Bild: Nathalie Guinand

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Sie tauchten ab, als damals um die Rettung der Holzskulptur Holidi gekämpft wurde. Fühlten Sie sich per­sönlich angegriffen?
Andreas Fritschi: Nein. Ich sagte mir einfach: Aus dieser Diskussion halte ich mich heraus. Es ging ja nicht um mein Werk, sondern um Holidi, eine alte Geschichte.

Denken Sie, dass Ihr Werk so gut ankommt wie früher Holidi?
Ich erhalte noch immer positive Rückmeldungen. Meine Skulptur bildet einen der wenigen Orte am Graben, wo man sich hinsetzen kann, ohne zu konsumieren. Die Städte haben ein Problem mit den Sitzbänken: Gehen Sie einmal durch die Marktgasse und schauen Sie, wo Sie eine Sitzgelegenheit finden. Dort, wo es rentiert, wird der Raum sofort von den Firmen in Beschlag genommen. Dabei ist das doch unsere Stadt, hier sollte man doch noch absitzen können. Wichtig finde ich auch, dass die Leute einen Treffpunkt haben.

«Dort, wo es rentiert, nehmen Firmen den Raum in Beschlag. Dabei ist das doch unsere Stadt, hier sollte man doch noch absitzen können.»Andreas Fritschi, Künstler

Dafür war Holidi super.
Jetzt erfüllt Plaza diese Funktion. Gut, man sagt nicht Plaza, sondern man sagt: Treffen wir uns beim Zahnbürsteli.

Warum eigentlich Zahnbürste?
Der Name ist nicht von mir. Er stört mich aber auch nicht. Eigentlich ist die Skulptur einfach ein Tisch und eine Bank, nichts weiter. Ich finde: Das ist ­etwas, das es unbedingt braucht in einer Stadt. Man muss zusammen an einen Tisch sitzen und miteinander reden können.

Ein sehr hoher Tisch ist das.
Ganz bewusst, ja. Wenn man auf der Bank sitzt, kann man sich seine Gedanken dazu machen. Der Tisch ist auch ein Symbol für ­Essen, in unserer Arbeiterstadt mussten viele hart arbeiten, um sich zu ernähren. Ich stamme ­selber aus einer Arbeiterfamilie. Mein Vater war bei Volg. Er musste schauen, dass es irgendwie aufgeht für seine Familie.

An solche Dinge denkt man beim Zahnbürsteli eher nicht.
Das muss man auch nicht. Der Künstler muss seine Kunst ja nicht erklären. Das sind einfach die Gedanken, die mich bei der Herstellung von Plaza leiteten.

Welche Kritik hat Sie am ­meisten getroffen?
Ich hörte gar nicht viel Kritik. Im Gegenteil: Es gibt frühere Gegner, die jetzt Befürworter sind.

Vielleicht hat man sich schlicht an die Skulptur gewöhnt.
Gewöhnung ist doch auch etwas Schönes. Das gehört zum Leben: Man gewöhnt sich an etwas, dann kommt das aber weg und etwas Neues erscheint. Warum soll eine Skulptur ewig sein? Vergänglichkeit ist doch viel schöner. So ge­sehen fand ich auch den Abschied von Holidi schön, als den Abschied von etwas, das man lieb gewonnen hatte. Es war schon ein spezielles Werk. Die Stadt könnte wohl sehr viele Werke abräumen, und niemand würde es merken.

«Warum soll eine Skulptur ewig sein? Vergänglichkeit ist doch viel schöner.»Andreas Fritschi, Künstler

Der Holidi-Streit war vielleicht übertrieben, doch so wurde einmal breit über Kunst diskutiert.
Jein. Kunst soll bewegen. Ich bin aber dagegen, dass die Leute mitreden, wenn man Kunst aufstellt. Den Rostzaun um die Kehrichtverbrennungsanlage in der Grüze finde ich wunderbar. Es ist leicht, zu sagen: Das ist ein Scheissdreck, was soll das? Warum fragt man nicht, warum es dort Kunst braucht? Und warum es die KVA braucht? Warum so viel Müll? Vielleicht ist der Zaun nötig, ­damit man einmal hinschaut.

Störend am Zaun ist ja vor allem, dass er 400 000 Franken kostete.
Über das Geld wird immer ­­ge­redet. Aber es ist eine Aufgabe der Kunst, die Gesellschaft zum Denken zu bringen. Soll man denn jedes Handeln nur an seinem ­finanziellen Wert bemessen?

Wie lange werden wir etwas von Plaza haben?
Das kommt darauf an, wie gut man die Skulptur pflegt. Ich glaube nicht, dass viel gemacht wird.

Was müsste man denn machen?
Alles Holz braucht Pflege. Plaza ist aus Lärchenholz und hat jetzt einen schönen Grauton erhalten, das Holz schützt sich selber vor der Witterung. Mir fällt auf, wie wenige Schäden die Skulptur hat. Man könnte sie ja zerkratzen oder zerstören, doch das passiert nicht.

«Es ist immer leicht, zu sagen: Das ist ein Scheissdreck, was soll das?»Andreas Fritschi, Künstler

Wissen Sie, warum?
Es liegt vielleicht am Material, Holz ist friedlich. Eine Betonbank würde eher Aggressionen auslösen, sie tritt einem mit so viel Kraft entgegen. Ich mache viel Holzkunst und hatte noch nie Schäden, auch keine Sprayereien.

Nennen Sie mir eine Zahl: Wie lange hält Plaza durch?
Ich denke, 20 Jahre liegen drin. Es fallen Blätter darauf, die Gerbsäure könnte die Lebensdauer verkürzen. Sicher ­wäre es besser, man würde die kleinen Risse im Holz verschliessen. Es ist aber auch spannend für mich, zu sehen, was so mit der Skulptur passiert. ­Bezahlt ist sie ja (lacht).

Wie gross war Ihr Profit? Der Kredit betrug 65 000 Franken.
Von Profit ist keine Rede. Damit die Skulptur entstand, mussten alle der Stadt entgegenkommen. Gemacht habe nicht ich sie im Atelier, sondern der Holzbauer im Werk. Technisch war das schwierig: Der lange Träger würde vom Eigengewicht heruntergedrückt, hätte man die Teile nicht mit der richtigen Spannung verleimt.

Wer hat das berechnet?
Ich mache immer ein Modell, im Masstab 1:10 oder 1:20. Wenn das Modell hält, hält auch die Skulptur. Bei Plaza liess ich aber noch ein Computermodell erstellen und alles nachrechnen.

Wie haben Sie die Abstände zwischen den Sprossen fest­gelegt? So, dass Sie selbst noch hindurchschlüpfen können?
Eine hübsche Idee. Ich nahm aber die Suva-Richtlinien für Geländer als Mass. Sprossen müssen entweder so nahe beieinander liegen, dass man den Kopf nicht hindurchstecken kann, oder so weit auseinander, dass man ihn sicher wieder zurückziehen kann.

Aber beim Sturz vom Tisch könnte man sich verletzen.
Das stimmt. Der Tisch bricht aber nicht. Wir haben das berechnet: Auch wenn 20 oder 30 Studenten oben feiern, hält das Holz.

«Ein Künstler, der wie ich Kinder hat, ist froh, wenn er durchkommt, für eine zweite Säule reicht es nicht.»Andreas Fritschi, Künstler

Sie sind der erste Künstler, der etwas genau für diesen Ort gestaltete. Holidi landete ja ­damals zufällig am Graben.
Ja, ich beschäftigte mich sehr mit dem Raum. Eigentlich ist es mutig, hier etwas hinzustellen, denn es hat ja schon sehr vieles, Platanen, Geschäfte, Leu­te, Velos. Eine Skulptur stört ja eher. So kam ich zum Grundgedanken: Gratis sitzen soll man hier können.

Weiss ein Künstler immer, wo sein Werk hinkommt?
Ich schon, ich arbeite gerne für den Raum, habe Kirchen gestaltet und Spitäler. In Effretikon, wo ich auf dem Friedhof eine Urnen­an­lage schuf, nahm ich die Waldgrenze als Symbol für den Übertritt vom Leben zum Tod.

Sie werden bald 65. Gibt es eine ordentliche Pensionierung?
Jedenfalls gibt es keine hohe Rente, wenn Sie das meinen. Ein Künstler, der wie ich Kinder hat, ist froh, wenn er durchkommt, für eine zweite Säule reicht es nicht. Ich will nicht jammern, ich kann gut sparsam leben. Ich besitze ein Atelier in Ligurien, dort möchte ich arbeiten und leben. Wenn man alt wird, ist das Schöne, dass man nicht mehr beweisen muss, dass man gut ist. Ich möchte nur noch das tun, was ich selber will. Momentan arbeite ich gerne mit Papier, ohne Farbpalette, nur mit dem nackten Papier.

Und für diese Kunst suchen Sie keine Käufer mehr?
Nein, die behalte ich selber. Oder werfe sie fort, das ist auch okay.

(Der Landbote)

Erstellt: 05.09.2018, 16:23 Uhr

Andreas Fritschi, Künstler. Foto: Johanna Bossart

Umfrage

«Elegant» oder «Schandfleck», und was ist mit den Kindern?

Holidi oder Plaza? «Der Holzmann gefiel mir besser», sagt Christina Mäder (54, Winterthur) bei einer kleinen Strassenumfrage am Graben. Für sie ist der praktische Nutzen wichtig: «Mit Holidi ist eines der sehr ­­­ we­nigen Kunstwerke verloren gegangen, auf das Kinder klettern können. Was sollen die ­Kinder denn mit dem Zahnbürsteli machen, ­Xylofon spielen?» Auch Wilhelm Valvasor Pfeiffer (67, Winterthur) denkt sehr praktisch: «Die Bank ist gut, die Zahnbürste daneben we­niger. Der obere Teil der Bürste bedeckt nur einen kleinen Teil der Bank, die meisten Leute sitzen dann trotzdem im Regen.»

Gelungen findet Simon ­Amman (31, Winterthur) die ­Erneuerung. «Winterthur ist ­allgemein sehr traditionell, doch etwas Ausgeflipptes, Freakiges sollte hier auch seinen Platz ­haben.» Schön sei vielleicht das falsche Adjektiv für Plaza – «aber immer noch besser als all die hässlichen Rattan­möbel.» Auch Silvan Horvath (18, Winterthur) begrüsst den Einzug der Mo­derne am Graben. «Allerdings ist die Skulptur weniger pro­vokativ als der nackte Mann, das finde ich schade.»

Yvonne Hug (51, Ossingen) mag Schnitzereien, «aber die Zahnbürste besteht ja eigentlich nur aus Brettern. Bei all den hübschen Häusern und Bäumen wäre sie gar nicht nötig.»

Piraten-Gemeinderat Marc ­Wäckerlin, der einst für Holidi Unterschriften sammelte, bezeichnet Plaza als «Pflichtübung ohne Charme» und «Schandfleck am ­Graben». Indem die ­Stadt die Rettungs­initiative nicht zuliess (siehe Chronologie), hätte sie sich gegen die Bevölkerung gestellt, um stattdessen die «Selbst­befriedigung einer handver­lesenen, sich gegenseitig begünstigenden Kulturelite» zu ­befördern.

Stadtpräsident Mike Künzle (CVP), der sich seinerzeit über die ausufernde Kritik am ­Ersetzungsentscheid und die ­Initiative ärgerte, hat Freude an Plaza: «Die klare, elegante Arbeit prägt den Graben ähnlich charaktervoll wie seinerzeit Holidi.» Zu den Wirren um die Ersetzung sagt er nur: «Es ist klar, dass das emotional nicht einfach war.»

Rafael Ropelato (24, Klein­andelfingen) denkt auch an die ­Finanzen: «Die Zahnbürste ist hübsch, aber ich weiss nicht, ob sie die Kosten wert war. Der Stadt geht es ja nicht so gut, vielleicht hätte man Holidi besser noch ein paar Jahre stehen lassen.»

Chronologie

Der lange Streit um den Holzmann


  • Januar 2013: Die Stadt kündigt die Entfernung des 1986 auf­gestellten Holidi an. Erste Unterschriften für eine Restaurierung. Juni 2013: Die Facebook-Gruppe «Rettet den Holidi» versammelt innert Wochen fast 10 000 Fans.

  • Sommer 2013: Die Piraten wollen, dass das Volk mitredet. Der Stadtrat lehnt den Vorstoss ab.

  • August 2013: Vorstellung des Neuprojekts, Debatte um Verlegung Holidis auf den Eschenberg.

  • Oktober 2013: Lancierung der Holidi-Rettungs-Initiative.

  • Juni 2014: Die Initiative kommt mit 1132 Unterschriften zustande.

  • Oktober 2014: Der Stadtrat stellt sich gegen eine Abstimmung, ­offiziell aus juristischen Gründen.

  • Februar 2015: Der Gemeinderat entscheidet mit 40:12: ungültig.

  • September 2015: Holidi wird auf den Friedhof Rosenberg verlegt.

  • Sommer 2016: Die neue Skulptur Plaza wird, zwei Jahre verspätet, montiert und eingeweiht.

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