Winterthur

Eine Familie schreibt 150 Jahre Winterthurer Goldschmiede-Geschichte

Seit vier Generationen ist das Winterthurer Goldschmiede-Familienunternehmen an der Marktgasse vertreten. Nun feiert es sein 150-jähriges Bestehen – dabei gibt es viele Geschichten zu erzählen.

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Mit Portraits der bisherigen vier Generationen in den Schaufenstern macht Bosshart Goldschmied an der Marktgasse auf sein grosses Jubiläum aufmerksam; dass es exakt am 18. Dezember gefeiert wird, ist auf ein Inserat zurückzuführen, das 1867 im «Landboten» erschienen ist. «Es ist das früheste Zeugnis, das wir von unserem Familienbetrieb in Winterthur finden konnten», erklärt Inhaber Peter Bosshart.

Damals bot sein Urgrossvater, der gelernte «Gold- und Silberarbeiter» Hartmann Bosshart, seine Dienste im «Haus zum Feigenbaum» an – heute als Albani bekannt. Bereits 1876 zügelte er sein Atelier an die noblere Markt bzw. Untere Kirchgasse ins Haus «Zu den drei Blumen» ­– was darauf hindeutet, dass die Geschäfte gut liefen.

Überleben in prekären Zeiten

Von den sieben Kindern Hartmanns erreichten nur vier das Erwachsenenalter, darunter sein 1879 geborener Sohn Ernst Emanuel, den die Wanderjahre nach seiner Lehre bis nach Paris führten. 1911 übernahm er den Familienbetrieb - und liess nichts anbrennen: 1912 heiratete er, 1914 kaufte er die angrenzende Untere Kirchgasse 1 hinzu und baute den Laden um. Im selben Jahr kam schliesslich sein Sohn Ernst zur Welt.

Doch dann brach der erste Weltkrieg aus und damit eine sehr schwierige Zeit: «Meine Grossmutter, die sehr alt wurde, erzählte uns oft davon, wie sie den Laden alleine schmeissen musste», erinnert sich Bosshart, Die Umsätze seien natürlich sehr mager gewesen; man lebte weniger von Verkäufen sondern hielt sich eher schlecht als recht mit Service-Arbeiten über Wasser.

«Meine Grossmutter erzählte uns oft davon, wie sie den Laden alleine schmeissen musste.»Peter Bosshart, Inhaber

Wie es damals üblich war, wohnte die ganze Mehrgenerationen-Familie gemeinsam im Haus, in dem sich auch das Geschäft befand. «Inklusive der Dienstmädchen, die in kalten Mansarden unterm Dach hausten», ergänzt Bosshart. Doch auch für die übrigen Hausbewohner und Mieter war der Komfort bescheiden.

Erst in den 1940er-Jahren wurden die zugigen WC-Häuschen im Hof, die alten Holzheizungen, Küchen und Bäder ersetzt und auf einen zeitgemässen Standard gebracht. Es sei «ein sehr familiäres Wohnen mir wenig Privatsphäre» gewesen, da sämtliche Zimmer über eine einzige, zentrale Treppe erschlossen wurden.

Auch sein Vater Ernst folgte der Familientradition und wurde Goldschmied. Nach einer Weiterbildung an der renommierten Goldschmiedeschule Hanau (D) führten ihn seine Lehr- und Wanderjahre nach Frankreich – und Argentinien, wo er von 1936 bis kurz vor Kriegsbeginn lebte. 1939 rief ihn seine Mutter nach Hause, weil es seinem Vater gesundheitlich schlecht ging. Dieser verstarb denn auch im selben Jahr und der Junior übernahm den Betrieb.

Erst in den 1940er-Jahren wurden die zugigen WC-Häuschen im Hof, die alten Holzheizungen, Küchen und Bäder ersetzt.

Dann wiederholte sich für die Grossmutter die Geschichte: «Zum zweiten Mal musste sie während der Kriegs- und Aktivdienstjahre ihren Mann stellen und das Geschäft durch wirtschaftlich schwierige Zeiten manövrieren», sagt Bosshart. Ihre tragende Rolle sollte sie auch nach dem Krieg lange beibehalten: Da Ernst Bosshart erst 1963 mit 49 Jahren die 22 Jahre jüngere Margrit Notz heiratete, blieb seine Mutter so lange eine unverzichtbare Stütze im Betrieb.

Bald kamen die Kinder Trix (*1964) und Peter (*1965) zur Welt – und die Rollen wurden getauscht. Fortan war die junge Ehegattin für den Laden zuständig und die Grossmutter betreute die Kinder: Ein typisches Gewerbler-Familienleben halt, in dem Familie und Geschäft nahtlos ineinander übergingen. Was umso einfacher war, als alle Beteiligten im gleichen Haus wohnten und arbeiteten.

Durchmischung von Geschäft und Familienalltag

Für den in der Altstadt aufgewachsenen Peter Bosshart war es üblich, nach der Schule via Laden nach Hause zurück zu kehren – und dort von der Mutter eher kurz willkommen geheissen zu werden, weil gerade Kunden da waren. Aber zum Glück hatte ja die Grossmutter im Hinterhaus Zeit für ihn.

Zum Familienalltag gehörte auch, dass die Kinder in der lebhaften Vorweihnachtszeit im Laden mithalfen. Während er sich an dieser Durchmischung nicht störte, hätte sich seine Schwester eher ein klassisches Familienleben gewünscht: «Ich kannte ja nichts anderes, für mich war es ganz normal», sagt er rückblickend, «Dafür konnte ich andererseits in der Werkstatt auch basteln und werkeln.»

Dass er dafür schon früh ein Händchen hatte, beweist sein damaliger Pfadiname «Mano». Seine Berufswahl war deswegen aber noch nicht entschieden: «Ich hatte Interesse an Elektronik und auch Schreiner wäre in Frage gekommen“, sagt er, «Klar war nur, dass ich nach der Sek nicht weiter in die Schule gehen, sondern etwas Manuelles machen wollte.»

Schliesslich absolvierte er eine Goldschmied-Lehre - im gleichen Zürcher Betrieb wie schon sein Vater. Und wie er verbrachte er anschliessend ein gutes Jahr in Übersee, allerdings in Nordamerika. 1987 kehrte er zurück und trat in den elterlichen Betrieb ein, 1989 gründete er ein eigenes Atelier und schliesslich kaufte er den Eltern das Familienunternehmen 1993 ab – doch bereits ein Jahr später verstarb sein Vater.

«Ich hatte Interesse an Elektronik und auch Schreiner wäre in Frage gekommen. Klar war nur, dass ich nicht weiter in die Schule gehen, sondern etwas Manuelles machen wollte.» Peter Bosshart

Nachdem sein Vater das verwinkelte Haus an der Unteren Kirchgasse 1 bereits in den 1950er-Jahren durch eine moderne Wohn- und Geschäftsliegenschaft ersetzt hatte, stand 2004 die umfassende Renovation des Stammhauses «Zu den drei Blumen» (Marktgasse 39) an. «Es war ein grosses Projekt – und eine schwierige, wirtschaftliche Entscheidung», erinnert sich Bosshart. Laden und Haus waren so «verhängt», dass eine Totalsanierung unumgänglich wurde.

Gleichzeitig galt die über Generationen gepflegte und respektvoll behandelte Bausubstanz inzwischen als «wichtiger Zeuge eines bürgerlichen Kaufmannshauses des Spätbarocks» und die Denkmalpflege heftete ein Argusauge darauf bzw. pochte auf ihr Mitspracherecht. Dementsprechend harzig und kontrovers erlebte Bosshart die Realisation des geplanten Umbaus, der ihn «innert dreier Jahre um ein Jahrzehnt altern liess», wie er heute sagt.

Ein Deckenbalken im Keller stammt aus dem Jahr 1281

Doch inzwischen sei das abgehakt und habe sich zum Positiven gewendet: Durch den Umbau wurde die Ladenfläche zur Marktgasse hin verdoppelt und die Werkstatt wurde an die Untere Kirchgasse verlegt, wo grosse Schaufenster heute ermöglichen, einen Blick auf das alte Handwerk zu werfen.

Beim Totalumbau ist vieles erhalten geblieben - oder sogar noch besser zur Geltung gebracht worden.

Beim Totalumbau ist vieles erhalten geblieben – oder sogar noch besser zur Geltung gebracht worden: Im ansonsten modern gestalteten Laden erinnern in einer Ecke ein musealer Tresor und die original erhaltene Holztäfelung des alten Geschäftes von 1913 (samt eigebauter Uhr) an die lange Familientradition. Im Keller wurden beim Umbau alte Bollenstein-Mauern freigelegt, die dem Raum - zusammen mit einem dicken Deckenbalken, der nachweislich aus dem Jahr 1281 stammt – ein ganz besonderes Cachet verleihen.

Der mutige Schritt hat sich sowohl positiv auf die Umsätze ausgewirkt, als in der Folge auch auf das Arbeitsplatz-Angebot: Neben ihm und seiner Frau Sandra arbeiten vier Goldschmiedinnen und eine Bijouterie-Verkäuferin im Betrieb, der zudem seit Jahren jeweils eine Goldschmiede-Lehrstelle anbietet. Möge es noch lange so bleiben.

(Der Landbote)

Erstellt: 17.12.2017, 15:19 Uhr

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