Kurzfilmtage

Eine kurze Film-Pause vom Protest

Sobald die Kurzfilmtage vorbei sind, eilt Rebeca Gutiérrez Campos wieder in ihre Heimat Chile. Zurück zu den Massenprotesten, die das Land seit Wochen in Atem halten.

Seit Wochen kommt Chile nicht zur Ruhe, zeitweise wurde das Militär in die Städte geschickt. Foto: Keystone

Seit Wochen kommt Chile nicht zur Ruhe, zeitweise wurde das Militär in die Städte geschickt. Foto: Keystone

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Das 17-Millionen-Land Chile nimmt man als vergleichsweise stabil und politisch unaufgeregt wahr, das hat sich jedoch in den letzten Wochen geändert. Aus kleinen Demonstrationen gegen eine Erhöhung der Metro-Preise wurden Massenproteste von historischen Ausmassen, der Druck auf den Staatspräsidenten steigt täglich. Im Fokus stehen die hohen Lebenshaltungskosten und die ausgeprägte soziale Ungleichheit in dem Land, das als stark liberalisiert gilt. Chile musste die Weltklimakonferenz, den Asien-Pazifik-Gipfel und den südamerikanischen Fussball-Cup-Final absagen.

Mittendrin: die 36-jährige Filmproduzentin Rebeca Gutiérrez Campos. Für einige Tage hat sie ihre Aktivitäten in Chile pausiert um in Winterthur ihren Kurzfilm «Héctor» zu präsentieren. Im Gespräch mit dem «Landboten» erzählt sie, wie aus einem «Stich in die Seifenblase» eine landesweite Bewegung wurde.

Frau Gutiérrez, können Sie sich auf das Filmfestival einlassen, wenn Sie immer neue Nachrichten aus Chile erreichen?
Rebeca Gutiérrez Campos: Ich fühle mich hier in der Ferne tatsächlich etwas ohnmächtig. Aber ich rede viel über die Proteste, mit Filmschaffenden aus der Schweiz oder aus südamerikanischen Ländern, die von ähnlichen Bewegungen berichten.

Bei den Protesten in Chile stehen mittlerweile soziale Forderungen im Zentrum. Wie engagieren Sie sich konkret?
Ich bin nicht Mitglied einer Partei aber organisiere mich innerhalb eines Kollektivs von Filmschaffenden, wir nehmen an den Protesten teil und dokumentieren Geschichten von Chileninnen und Chilenen. Wir zeigen auf, mit welchen Problem sie im Alltag zu kämpfen haben, so sind zahlreiche kurze Filme entstanden. Es gibt aber ganz verschiedene Gruppen, welche die Masse der Proteste ausmachen. So erhebt sich nun auch ein Teil des indigenen Volks der Mapuche.

«Wir Filmschaffenden analysieren beispielsweise Videos der Polizei und konnten Manipulationen nachweisen.»

Anfangs ging es doch eigentlich nur um Ticketpreise für eine Metrofahrt, wie konnte es soweit kommen, dass zeitweise sogar der Notstand ausgerufen wurde?
Die Preiserhöhungen waren wie ein Stich in eine Seifenblase, danach ist alles explodiert. Eine grosse Unzufriedenheit hat sich entladen, die so viele Lebensbereiche umfasst.

Wie funktioniert die Organisation der Proteste, die in fast dem ganzen Land abgehalten wurden?
Vor allem über die sozialen Medien. Es ist ein sehr grosses Misstrauen gegenüber den etablierten Medien vorhanden, welche zu Beginn der Proteste ein falsches und regierungsnahes Bild gezeichnet hatten. Im Fernsehen wurden Berichte von Plünderungen gross aufgemacht, dabei waren und sind die Proteste sehr friedlich und werden von einer breiten Bevölkerungsschicht getragen, was ja nur schon die Teilnehmerzahlen zeigen. Wirklich schockierend ist vielmehr die Gewalt seitens der Polizeikräfte, mehrere Fälle sind bekannt, die nun auch untersucht werden. Mittlerweile werden 20 Todesopfer gezählt.

Aber die sozialen Medien sind anfällig für Fake News.
Tatsächlich ist es eine Herausforderung, auf welche Berichte oder Videos man sich verlassen kann. Wir Filmschaffenden analysieren beispielsweise Videos der Polizei und konnten Manipulationen nachweisen.

Der konservative Präsident Sebastián Piñera zeigt sich nun gesprächsbereit und will den Mindestlohn erhöhen, ist das der Weg zurück zur Normalität?
Zuerst hat die Regierung militaristisch reagiert, mit Repression und der Ausrufung des Notstands. Deshalb spricht die momentane Besänftigung nun grosse Teile der Protestierenden nicht mehr an.

«Die Kurzfilmtage bestärken mich in der Meinung, dass das Filmschaffen, das immer auch soziale Realitäten widerspiegelt, gar nicht unpolitisch sein kann.»

Tatsächlich war das Militär in den grossen Städten präsent, welche Wirkung hatte dies? Und wie geht es weiter?
Vor allem für etwas ältere Jahrgänge, welche die Pinochet-Diktatur bis 1990 noch aktiv miterlebt haben, war dies traumatisch. Da gab es bei Bekannten von mir sehr unschöne «Flashbacks». Das Ziel der Bewegung sind soziale Reformen und eine grundlegende Verfassungsänderung. Die Verfassung blieb auch nach dem Ende der Diktatur unangetastet. Bis sich das nicht ändert, werden die Proteste weitergehen.

Sie präsentierten in Winterthur den Kurzfilm «Héctor», der an der Berlinale Première feierte. Welche Rolle spielt die Politik in dem Film?
In allen von mir produzierten Filmen spielt Politik eine grosse Rolle, auch wenn dies subtil geschieht. Ich habe mehrere Filme gezielt mit Regisseurinnen gedreht, da kommen Indigene vor, der Themenkomplex LGBT aber auch soziale Missstände. Gerade die Kurzfilmtage bestärken mich in der Meinung, dass das Filmschaffen, das immer auch soziale Realitäten widerspiegelt, gar nicht unpolitisch sein kann.

Erstellt: 08.11.2019, 16:32 Uhr

Rebeca Gutiérrez Campos

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