Porträt

Eine letzte Saison für den Meister des Eises

Vierzig Jahre lang hat Fritz Morf dafür gesorgt, dass in Winterthur Schlittschuh gelaufen werden kann. Ende Saison tritt er ab.

Die Eisbahn gehört zum Leben von Fritz Morf. Selbst bevorzugt er gefrorene Seen. «Ich brauche die Weite», sagt er.

Die Eisbahn gehört zum Leben von Fritz Morf. Selbst bevorzugt er gefrorene Seen. «Ich brauche die Weite», sagt er. Bild: Madeleine Schoder

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«Mein Eisleben begann im November 1976», sagt Fritz Morf. «Eisleben» - das ist keine Übertreibung. Seit 43 Jahren gehört Morf zur Winterthurer Eisfläche wie die Schlittschuhe, die darauf ihre Kreise ziehen. Heute ist der 63-Jährige Betriebsleiter der Eishalle Deutweg. Begonnen hat er als DJ auf dem Zelgli. Dazwischen trug er lange die schlichte Bezeichnung, die ihn wohl am passendsten beschreibt: Eismeister.

Bäcker mit Technikflair

Geplant war Morfs Weg eigentlich auf weniger rutschigen Bahnen. Aufgewachsen in Neuburg oberhalb von Wülflingen, lernte er Bäcker und Konditor in der nahe gelegenen Bäckerei Lyner. «Ich war ein bisschen ein Exot. Sonst gingen vor allem Bäckerssöhne in den Beruf», erinnert er sich. Lebensmittel faszinierten ihn – mehr noch aber die Maschinen, die im Betrieb zum Einsatz kamen. Funktionierte eine nicht, zerlegte er sie kurzerhand und sorgte dafür, dass die Arbeit bald weitergehen konnte. Seine Lehre schloss er als Zweitbester im Kanton Zürich ab. Dann kam ihm eine Mehlallergie in die Quere.

Bild: Madeleine Schoder

Fortan fiel Morf als Ruhestörer auf – zumindest wenn es nach den Anwohnern der damaligen Eisbahn Zelgli ging. Mit Lautsprechern und einem Plattenspieler beschallte er am Wochenende die Schlittschuhbegeisterten, in der «Sommernachtsdisco» auch mal die weniger Rutschfesten. Noch sollten einige Umwege in seiner Zukunft liegen – als Kellner, als glückloser Betreiber des Restaurants im Schwimmbad Wolfensberg, als Lastwagenchauffeur bei der Toni-Molkerei. Doch daneben bahnte sich auf dem Zelgli bereits sein Umstieg vom DJ zu seiner wahren Berufung an.

Baden mit dem Bären

In seiner Freizeit zog es Morf zum Zirkus, er bekam Unterricht bei einem Dompteur – und hielt sich gar, mit Segen des damaligen Direktors des Zürizoos, selbst einen asiatischen Schwarzbären zu Hause. «So bin ich zu meinem ersten Landbote-Artikel gekommen», sagt er und lacht. «Ich bin mit meinem Bären in die Töss baden gegangen. Das ist bei der Polizei nicht so gut angekommen.» Den Bären, der ihm inzwischen auch über den Kopf gewachsen war, musste er daraufhin an einen Zoo abgeben.

Im Zelgli übernahm Morf derweil die Stelle des Eismeisters, erst aushilfsweise, dann vollberuflich. Mehr als 25 Jahre wird er dort bleiben, bis die Eisbahn 2002 der Eishalle weichen muss. Geschätzt hat er vor allem den familiären Umgang im Betrieb und den engen Kontakt mit den Gästen. «Aber das Medium Eis hat mich schon auch interessiert. Das ist nicht einfach nur gefrorenes Wasser.»

Für Morf wurde das Eis bald schon eine neue Heimat. Auf dem Zelgli lernte er seine spätere Frau kennen, ihre Mutter arbeitete im Restaurant der Eisbahn. Später wohnt die junge Familie gleich nebenan. «Unsere Kinder sind auf der Eisbahn aufgewachsen», sagt Morf. Sein ältester Sohn, auch er ein Fritz Morf, richtet schon als Jugendlicher mit den Hilfs-Eismeistern die gefrorene Fläche her. «Ich habe ihnen einfach gesagt, sie sollen aufpassen, dass er am Schluss nicht das bessere Eis macht als sie.» Heute arbeitet auch Junior, inzwischen gelernter Elektromonteur, im Team der Eishalle Deutweg – und empfiehlt sich als Nachfolger, wenn sein Vater nach Abschluss dieser Saison den Schlüssel für die Eismaschine endgültig an den Haken hängen wird. «Das ist natürlich nicht meine Entscheidung», so Morf Senior. «Aber er hat mich auch schon vertreten, als ich ausgefallen bin, und hat gezeigt, dass er das kann.»

«Ich bin mit meinem Bären in die Töss baden gegangen. Das ist bei der Polizei nicht so gut angekommen.»Fritz Morf

Bevor es aber soweit ist, wird Morf sein Team noch eine letzte Saison lang mit all seiner Erfahrung unterstützen. Dabei gilt es auf einiges zu achten: «Für Spiele muss das Eis kälter sein als für Trainings, für Kinder wärmer als für Erwachsene, für das Eiskunstlaufen anders als fürs Eishockey. Wie viel Publikum im Haus ist und was draussen für Bedingungen herrschen spielt ebenfalls eine Rolle», erklärt er.

Plötzlich Assistenzarzt

Auch Nothilfe gehört bei ihm zur Stellenbeschreibung. «Die Leute sind sich oft nicht bewusst, dass sie an jedem Fuss eine Waffe tragen», sagt Morf. Früher sei er oft mit den Verletzten gleich selbst in den Notfall gefahren. Mit der Zeit habe man ihn dort so gut gekannt, dass er einmal, als er mit einem Eishockeyaner ankam und wenig Personal da war, gleich zum Mithelfen aufgefordert wurde. «So bin ich für kurze Zeit zum Assistenzarzt geworden und wir haben ihn zu zweit wieder zusammengeflickt.» Auch selbst trägt er Spuren davon – vom Puck, der seinen Backenknochen gebrochen hat, bis zu einem gesprungenen Stück Plexiglas, das ihm vier Zähne ausschlug.

Das Zelgli vermisst er noch manchmal – trotz prekärer Platzverhältnisse. «Wir haben jeweils gescherzt: Jedem sein obligatorischer Quadratmeter. Aber dafür hatte es eine persönliche Atmosphäre, die heute fehlt.» Trotzdem ist er stolz auf die neue Eishalle, die er schon in der Planung mitgeprägt hat. Nur, dass er es nicht mehr geschafft hat, eine Überdachung für das Aussenfeld zu organisieren, reut ihn. «Mit der Klimaerwärmung wird es immer schwieriger, eine Eisbahn draussen zu unterhalten. Mit einem Dach könnten wir die Hälfte der Energie sparen.»

Diese Aufgabe will Morf nun seinem Nachfolger überlassen. «43 Jahre auf dem Eis sind genug», sagt er. Er freue sich darauf, bald wieder mehr Zeit in der Natur zu verbringen. Auch wenn es darum geht, die Schlittschuhe anzuschnallen, findet er: «Für Städter ist die Eisbahn gut. Aber mir fehlt da die Weite.» Selbst zieht es ihn deshalb nur aufs Natureis – zuletzt vor Jahren auf den Pfäffikersee. Ob es noch einmal für ein paar Runden reicht, lässt er offen: «Vielleicht gefriert ja wieder mal ein See.»

Erstellt: 18.11.2019, 17:56 Uhr

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