Winterthur

Eine nüchterne Augenschmeichlerin

Die rund 90 Jahre alte Villa Saas wurde total saniert. Eine informative Publikation würdigt das bemerkenswerte Resultat. Die Fotos von Claudia Luperto leisten Wesentliches zum Verständnis dieser gemässigten Moderne.

Das Treppenhaus der Villa Saas wird auf dem Foto von Claudia Luperto zum Kunstwerk.

Das Treppenhaus der Villa Saas wird auf dem Foto von Claudia Luperto zum Kunstwerk. Bild: zvg

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Die Villa Saas steht hoch oben an einer Hangkante des Brühlbergs. Der kubisch rhythmisch gegliederte Baukörper mit Flachdach ist nach Süden, nach der Sonne ausgerichtet. Sie ist auch der Leitstern der Moderne, und diesem hat auch der Winterthurer Architekt Arthur Reinhart (1895-1993) gehuldigt, als er in den späteren 1920er Jahren das stattliche Wohnhaus für den Bauherrn Karl Saas im Stile des Neuen Bauens entwarf.

Knapp neunzig Jahre später, nach einer sorgfältigen und umfassenden Renovation durch die Winterhurer Architekten Walser Zumbrunn Wäckerli, beginnt für dieses Zeugnis der gemässigten Moderne ein neuer Lebenszyklus (siehe «Landbote» vom 26. Januar 2017). Ideell und finanziell getragen wird diese wertvolle Erhaltung und Anpassung an die heutigen Vorschriften durch die Besitzer Charlotte und Georg Biedermann.

Eine grosse Wohngemeinschaft erfüllt die grosszügigen Räumlichkeiten mit Leben. In einer schön gemachten Publikation mit dem Titel «Das grosse Haus Saas» halten die Architekten das eindrückliche Resultat ihrer Planung fest. In verschiedenen Texten werden wesentliche Aspekte diskutiert, wobei auch die Denkmalpflege zu Worte kommt. Gewürdigt wird die architektonische Bedeutung des Hauses Saas, aber auch Entscheide wie die Farb- und Materialwahl in diesem repräsentativen Ensemble von Raumfunktionen werden transparent gemacht. Die Texte sind kurz, aber höchst informativ. Dafür ist die Fotoauswahl umso opulenter ausgefallen.

Bogenschlag in die Gegenwart

Historische schwarzweiss Aufnahmen dokumentieren nicht nur den damaligen Neubau, sie geben auch Einblick in das Leben der ursprünglichen Bauherrenfamilie. Ein Bogenschlag in die Gegenwart nimmt dieses private Fotomotiv zum Schluss wieder auf und zeigt die aktuelle Wohngemeinschaft. Zwischen diesen dokumentarischen Klammern eingebettet sind die Bilder der Winterthurer Kunst- und Architekturfotografin Claudia Luperto. Einem erweiterten Kreis ist sie bekannt geworden durch ihre atmosphärisch stark aufgeladenen Aufnahmen, die das architektonische Werk von Peter Kunz in der Landschaft zum Gegenstand hatten.

Nun also das grosse Haus Saas. Diesmal besticht Lupertos differenzierte Sicht der unterschiedlichen Innenräume von Entrée über Korridor, Treppen, Küche, Esszimmer, Salon, Bibliothek, Schlaf- und Badezimmer bis zu den Aussenräumen wie Terrassen und Garten. Wie die beiden Vertreterinnen der Denkmalpflege, Christina Mecchi und Henriette Hahnloser, festgestellt haben, handelt sich bei der Villa architektonisch um eine gemässigte Moderne. Auch bei diesem Zweig der Moderne spielt Licht einen zentralen Part.

Nuancen statt harte Kontraste

Aber es ist nicht die gleissende und blendende Helligkeit mediterraner Landschaft, die im letzten Jahrhundert im klinischen Weiss von Le Corbusiers Fassaden gefeiert wurden. Das hat Luperto in ihrer Aufnahmetechnik bestens erfasst. Das Licht zeigt sich als ein nuancierendes und modulierendes Phänomen - natürlich in Interaktion mit dem zurückhaltenden Farb- und Materialkonzept des Originalinterieur. Schatten und Licht treffen selten als harte Kontraste aufeinander, sondern bilden eher Felder von unscharfen Übergängen. Entmaterialisiert dieser Hauch von Tönen, so strukturieren andererseits vertikale und horizontale Kanten, schaffen so notwendige räumliche Klarheit.

Darin ist wohl die künstlerische Leistung in Lupertos Fotos festzumachen: dass sie den Betrachter in eine architektonische Bildwelt einlädt, die weit über die dokumentarische Dimension hinausgeht. Sie liefert eine eigenständige Interpretation davon, was eine gemässigte Moderne optisch sein kann: ein überraschend harmonischer Augenschmeichler – ein Aspekt, der bisher kaum Beachtung gefunden hat. Lupertos spannende Deutung ist indes auch überaus hilfreich beim Entdecken von Details wie den Parkettböden, den vornehmen Holzdoppeltüren oder den spannenden Krümmungen der Handläufe. Selten ist in letzter Zeit diese Doppelung von Kunst und Dokumentation in der Architekturfotografie wieder zum Ausdruck gebracht worden.

Radiatoren zeigen

Und auf lokaler Ebene wird man dem Wandel von Robert Rittmeyers (1868 – 1960) bürgerlicher Behaglichkeit zur funktionalen Sachlichkeit Reinharts konstatieren. Der Jüngere versteckt den von ihm entwickelten und schön designten Heizkörper nicht mehr hinter einer dekorativen Verblendung. Hinter diesem Stilwechsel manifestiert sich eine elegante Nüchternheit, die Rittmeyer fremd war. So stellt die Publikation «Das grosse Haus Saas» ein willkommener Mosaikstein für die lokale Architekturgeschichte dar. (Der Landbote)

Erstellt: 07.01.2018, 18:01 Uhr

Infobox

Die Publikation ist im Architekturbüro Walser Zumbrunn Wäckerl, Garnmarkt 1, 8400 Winterthur, zum Preis von Fr. 30 zu beziehen.

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