Winterthur

«Eine weisse Henne legt 300 Eier im Jahr»

Edith Nüssli, Geschäftsführerin vom Verband Gallosuisse, über Legeleistungen, den Peak-Ei über Ostern und das Problem der männlichen Küken.

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Stimmt die landläufige Meinung, dass über Oster am meisten Eier verbraucht werden?

Unser Verband kann nur sagen, wie viele Eier gelegt werden, und nicht, wann sie gekauft werden. Es ist richtig, dass vor Ostern etwa 10 Prozent mehr Eier gelegt werden als im jährlichen Mittel. Vor Weihnachten sind es aber sogar noch ein bisschen mehr.

Wie organisieren die Produzenten diesen Peak-Ei? Man kann den Legehennen ja keine Überstunden verordnen.

Dafür muss man den Lebenszyklus der Hühner anschauen, die ja nicht immer gleich viele Eier legen, sondern in einem bestimmten Alter ihren Höhepunkt erreichen. Man schaut also, dass möglichst viele Legehennen vor Weihnachten und Ostern auf dem höchsten Leistungsniveau sind.

Eine Alternative gibt es nicht. Werden Eier nicht industriell verarbeitet, lassen sie sich nicht konservieren.

Das stimmt nur bedingt. Eier haben zwar eine kurze gesetzliche Verkaufsfrist – von 21 Tage nach dem Legedatum. Bei kühlen Temperaturen gelagert kann man sie aber über Wochen aufbewahren. Ferner können Gekochte und gefärbte Eier mit bis zu 40 Tagen Verkaufsfrist deklariert werden, wenn sie Schale versiegelt wird. Auch dadurch kann man einen Teil der zusätzlichen Nachfrage befriedigen.

Ein fast schon exklusives Problem des Eis ist, dass man es nicht einfrieren kann.

Zumindest nicht als Schalenei. Ohne Schale kann man zum Beispiel Eiweiss sehr gut einfrieren.

Ich habe einmal gelesen, artgerecht produziert, würde ein einzelnes Ei um die 5 Franken kosten. Einverstanden?

Ich kenne die Rechnung dahinter nicht. Würden die Hühner nur draussen laufen gelassen und nicht auf Leistung gezüchtet, wäre der Preis sicher höher als heute. Die Frage ist, was eine artgerechte Haltung ist.

Wie lebt die durchschnittliche Schweizer Legehenne heute?

Als Freiland-Huhn, 60 Prozent der Hühner in der Schweiz werden so gehalten. In jedem Fall wurde das Ei hier gelegt, hier ausgebrütet und die Küken in spezialisierten Betrieben aufgezogen. Mit 18 Wochen zügelt das Huhn zum Eierproduzenten, dort bleibt es ein Jahr.

Was passiert danach?

Dann wird es geschlachtet und im besten Fall als Suppenhuhn gegessen, im schlechtesten wird es in einer Biogasanlage zu Strom.

Und wer entscheidet darüber?

Der Konsument. Wenn alle Haushale nur einmal im Jahr ein Suppenhuhn zubereiten würde, würden alle Schweizer Legehennen auf dem Teller landen.

Werden denn Suppenhühner im Supermarkt angeboten?

Ja, aber nur tiefgefroren, und sie sind nicht sehr verkaufsfördernd verpackt. Es gibt auch Eierproduzenten, die ihre Suppenhühner direkt verkaufen.

Zurück zu unserer Legehenne: Wie viele Eier legt sie?

Eine weisse Henne etwa 300, eine braune 290.

Wenn 60 Prozent in Freilaufhaltung leben, was ist mit den restlichen 40 Prozent.

20 Prozent leben auf dem Biohof auf. Weitere 20 Prozent in Bodenhaltung. Auch dort haben sie täglich Auslauf an die frische Luft. Und im Stall können sich in der Schweiz alle Hennen frei bewegen, am Boden scharren, im Sandbad das Gefierder pflegen und auf einer Stange schlafen.

Ist es ein Ziel, dass die Bodenhaltung verschwindet?

Die Schweizer Eierproduzenten richten sich nach der Nachfrage. Es gibt jedoch auch Bodenhaltungsproduzenten aus Überzeugung: Hühner sind Buschtiere, keine Weidetiere. Bei einer offenen Haltung gibt es auch Risiken: Die Hennen sind für Greifvögel auf dem Präsentierteller. Und es stellt sich die politische Frage, wie viel Land man für die Hühnerhaltung verbrauchen will.

Deckt die Schweiz ihren Bedarf?

Bei den Schaleneiern kommen wir auf einen Inlandanteil von 80 Prozent, der Anteil ist in den letzten Jahren gewachsen, auch weil die Konsumenten viel Wert auf das Tierwohl legen. Nimmt man die verarbeiteten Produkte hinzu, kommt man auf etwa 63 Prozent. In der Schweiz liegt der Gesamtverbraucht bei 180 Eiern pro Person und Jahr. Internationalale Spitzenreiter sind Japaner und Mexikaner, mit um 350 Eiern pro Jahr.

Ein Dauerthema sind die männlichen Küken, die umgebracht werden. Gibt es dazu keine Alternative?

Es gibt die Bruderhahnmast, die aber nur wenige Betriebe betreiben. Das Problem ist, dass die Rasse fürs Eierlegen gezüchtet wurde, das heisst, die männlichen Küken setzen wenig Fleisch an und verbrauchen viel Futter. Eine zweite Alternative ist das Zweinutzungshuhn, also eine Rasse, bei der Eileistung und Fleisch ausgewogen sind. Noch vor 50 Jahren war diese Form der Standard - bevor das Essen billig werden musste. Heute macht man das wieder. Es gibt fünf Herden zu 2000 Tieren, das ist allerdings nicht einmal ein Prozent der Schweizer Legehennen. Der Ball liegt auch hier beim Konsumenten.

Gibt es für das Dilemma keine technische oder medizinische Lösung?

Die Forschung geht dahin, das Geschlecht der Küken im Ei zu erkennen, ideal schon am befruchteten Ei. Dann könnte man die Eier, aus denen ein männliches Küken schlüpfen würde, essen, die anderen ausbrüten. Oder eben, man züchtet Zweinutzungshühner.

Noch ist das Huhn des Kolumbus also nicht gefunden.

Nein. Bei der Methode zur Geschlechtserkennung heisst es seit Jahren, im nächsten Jahr sei die Methode marktreif. Mit anderen Worten: Man kann nicht wissen, wie lange es noch geht. Aber es wird viel geforscht. Die Produzenten sehen das ethische Dilemma.

Erstellt: 12.04.2019, 17:05 Uhr

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