Klimademo

«Endlich demonstrieren wir in Winterthur»

Die erste Klimademo am Samstag in Winterthur war bunt und laut. Gemäss Initianten haben sich rund 5000 Leute auf dem Neumarktplatz versammelt. So viele haben in den letzten 50 Jahren nicht in Winterthur demonstriert.

In Winterthur wird für den Klimaschutz demonstriert. Wir haben mit den Organisatoren gesprochen.
Video: CA Media

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine Bühne steht auf dem Neumarktplatz in Winterthur bereit. Hier wollen junge Redner auf den Klimawandel aufmerksam machen und anschliessend mit Winterthurerinnen und Winterthurer durch die Strassen ziehen. «Wir rechnen mit mindestens 1500 Personen», sagt Caesar Anderegg. Der 26-Jährige trägt die Verantwortung für die heutige Demo in Winterthur. Mit dieser Einschätzung soll der Student jedoch nicht Recht behalten. Tatsächlich sind es laut Initianten später circa 5000 Personen, die den Weg an die Klimademo in die Winterthurer Altstadt finden.

Es ist der erste solche Anlass in Winterthur. «Wirklich super, dass wir jetzt nicht mehr nach Zürich müssen», sagt eine Schülerin der Kantonsschule Rychenberg. «Ja, endlich demonstrieren wir auch in Winterthur», pflichtet ihr ihre Freundin bei. Die beiden 18-Jährigen sind schon zum zweiten Mal bei der Klimabewegung dabei. «In Zürich war etwas mehr Party», finden sie.

Organisatoren animieren mit Megafonen

Zugegeben, mit den Parolen hatten die Winterthurer anfangs ihre Schwierigkeiten. Doch Dank der Demo-Leitung, die mit Megafons unterwegs ist, haben alle die Sätze schnell im Ohr. «Klimanotstand jetzt sofort!» oder «Wem sini Zuekunft?» «Eusi Zuekunft», schreien alle lauthals.

Beim Gang durch die Altstadt gibt es aber auch einige, die sich das Spektakel lieber vom Rand aus anschauen. «Hallo, läufst du auch mit?», ruft ein Mann seinen Kollegen zu, der am Rand zusieht. «Nein, ich habe Verpflichtungen», sagt dieser und deutete dabei auf die Uhr an seinem Handgelenk.

Bekannte Gesichter

Winterthur ist zwar die sechst grösste Stadt der Schweiz, dennoch scheinen sich hier alle zu kennen. Wohin man auch von der Masse geschoben wird, ein bekanntes Gesicht ist nicht weit. So mischen sich auch die Stadträte Christa Meier und Jürg Altwegg unter die Demonstrierenden. Ebenso wie Schriftsteller Peter Stamm und Bettina Stefanini. Neben Erwachsenen marschieren ebenso viele Kinder mit.

Eine 10-jährige Winterthurerin hat sich bei ihrem Plakat ins Zeug gelegt und ein Flugzeug aus Karton gebastelt. «Flüüged no meh, denn gits kei Schnee», steht darauf. Die Primarschülerin macht fast täglich etwas fürs Klima: «Ich fahre immer mit dem Velo.» Die Familie habe nämlich kein Auto, bestätigt ihre Mutter, die sie begleitet.

Das geht aber auch andersherum. «Meine Mutter wollte an die Demo», sagt eine ebenfalls 10-Jährige aus Winterthur. Eigentlich begleite sie heute eher ihre Mutter als umgekehrt. Zusammen seien sie auch schon in Zürich gewesen. «Aber es macht mir schon Spass», sagt die Schülerin, hält ihr Plakat in die Höhe und ruft: «Wem sis Winti? Euses Winti!»

Nach der Demo wird getanzt

Dass Winterthur bald den Klimanotstand ausruft wünscht sich Caesar Anderegg. «Ein Anlass wie heute, gibt mir viel Hoffnung», sagt er. In drei Wochen haben er und 45 weitere Helfer das Unmögliche möglich gemacht und nicht nur eine Demo organisiert, sondern gleich auch noch ein Openair.

«Es war schön zu spüren, wie viele in Winterthur ein offenes Ohr für unsere Bewegung haben.»Caesar Anderegg, Leiter der Demonstration

Im Anschluss an die Wanderung durch die Altstadt, treten mehrere Bands auf dem Neumarkt auf. Les Tourists, Kalabrese oder Alles Bollet gehören dazu. «Ohne zahlreiche Unterstützer wäre das nie möglich gewesen», sagt Anderegg. Vorher hat sich der Student bei den Demos in Zürich engagiert. «Es war schön zu spüren, wie viele in Winterthur ein offenes Ohr für unsere Bewegung haben.» Clubs wie das Albani oder das Salzhaus hätten sofort ihre Hilfe zugesichert.

«Durch die Demos soll klar werden, dass es sich um ein Problem der ganzen Bevölkerung handelt», sagt Anderegg. Die Politiker sollen einmal mehr wachgerüttelt werden. Auch wenn sich einige schon dafür ausgesprochen hätten, sei das noch lange nicht genug. «Es gibt noch viel zu tun», sagt er. Denn die Forderungen der Jungen könne man nicht ohne Taten umsetzten. «Natürlich kann jeder seinen Beitrag leisten.» Es seien aber vor allem grosse Unternehmen, die man zur Verantwortung ziehen müsse. Bunt, politisch und laut, machen sie nochmals Lärm auf dem Neumarktplatz. In der Hoffnung, ihre Forderungen finden bei denen Gehör, die sie bis anhin ignoriert haben.

Erstellt: 07.04.2019, 19:31 Uhr

Bilanz

Die Organisatoren zeigen sich zufrieden

Caesar Anderegg traf sich am Sonntag in der Altstadt mit anderen Organisatoren zu einer ersten Nachbesprechung. «Die Stimmung ist sehr gut, wir sind überwältigt», sagt er. Mit so vielen Leuten hätten sie nicht gerechnet, circa 5000 Personen seien gekommen, um für einen besseren Klimaschutz zu demonstrieren. Besonders erfreut seien sie über die Breite des Publikums, von jung bis alt seien alle Generationen vertreten gewesen. Auch das Konzert am Abend sei gut angekommen. Da alle Künstler und Helfer aus Solidarität auf einen Lohn verzichtet hätten, gehe es auch finanziell auf: «Die Kosten sind dank vieler Spenden sicher gedeckt», sagt Anderegg. Der Überschuss werde auf ein Konto bei der Alternativen Bank eingezahlt und für weitere Aktionen genutzt. «Die Klimastreik-Bewegung Winterthur wird nicht aufhören» Denn es gebe noch keinen Grund dazu. «Das war erst der Anfang», sagt Anderegg. Schon am 4. Mai ist in Winterthur die nächste Demonstration geplant. «Wir besammeln uns wohl wieder um 14 Uhr auf dem Neumarkt. Das hat sich bewährt.»

Auffällig war, dass am Abend nach den letzten Konzerten auf dem Neumarkt keinerlei Abfall liegen blieb. Im Gegenteil: Der Platz war um 21 Uhr sauberer als sonst, wie ein Rundgang zeigte. Die Organisatoren hatten bei der Stadt Mülltonnen bestellt und den Platz am Abend zusätzlich gesäubert. Viel Arbeit habe das aber nicht gegeben, sagt Anderegg. Kaum jemand habe etwas weggeworfen.

Artikel zum Thema

«Die Botschaft ist angekommen»

Klimademo Stadträtin Barbara Günthard (FDP) will die Anliegen der Klimademo in Winterthur ernst nehmen. Die Umweltvorsteherin erwartet Rückenwind für Massnahmen im Klimaschutz. Mehr...

Winterthurer Ausrufezeichen für den Klimaschutz

Klimademo In der ganzen Schweiz fanden am Samstag Demonstrationen gegen den menschengemachten Klimawandel statt. So auch in Winterthur: Hier war es sogar die grösste Demo seit Jahrzehnten. Mehr...

Klimaumzug knackt Winterthurer Demo-Rekord

Demonstrationen Die heutige Klimademonstration ist die grösste derartige Veranstaltung in Winterthur seit dem Zweiten Weltkrieg. Eine kleine Kundgebungsgeschichte. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben