Winterthur

Endlich die Sprache der Ärzte verstehen

Die ZHAW entwickelte eine App, die das Mediziner-Latein auf Arztrechnungen für Laien übersetzt. Sie ist Teil eines grossen Projekts, das für mehr Transparenz in der unübersichtlichen Welt des Gesundheitswesens sorgen soll.

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Felix Steiner war schon immer fasziniert von der Welt der Mediziner. Noch ein kleiner Junge war er, als er sich zum ersten Mal darüber wunderte, wie seltsam sich die Männer und Frauen in weiss zuweilen auszudrücken pflegen.

Wegen eines Nabelbruchs musste der kleine Felix operiert werden, und als sich der leitende Arzt im Anschluss nach Felix Befinden erkundigte, sorgte das für Irritationen. «Wie geht es mit dem Stuhl?», habe ihn der nette ältere Herr gefragt, erzählt Steiner lächelnd. Und bis er verstanden habe, dass sich dieser dabei nicht über die Bequemlichkeit der örtlichen Sitzgelegenheiten erkundigt, sondern über das Funktionieren eines urmenschlichen Bedürfnisses, redeten die beiden auf komische Art und Weise aneinander vorbei.

Der verhinderte Arzt

Die Faszination des Jungen für die Absonderlichkeiten der medizinischen Fachsprache war von da an geweckt und Steiner erwog auch tatsächlich eine Weile lang die Möglichkeit, eine medizinische Laufbahn einzuschlagen. Das Vorhaben scheiterte letztlich an seinem dürftigen Interesse und der fehlenden Begabung für die Gebiete Chemie und Biologie. Stattdessen studierte Steiner Germanistik und Kunstgeschichte und ist heute Dozent an der ZHAW beim Institut für angewandte Linguistik (IAM).

«Es ist doch paradox, dass wir die Zeugnisse unseres innersten Selbst selber kaum verstehen.»Dr. Felix Steiner
Linguist

Der Zufall wollte es aber, dass er in ebendieser Funktion Jahrzehnte später wieder mit seinem einstigen Bubentraum konfrontiert wurde. Beim Schweizer Konsumentenschutz hatten sich nämlich die Beschwerden von Patienten gehäuft, welche monierten, die Arztrechnungen seien unverständlich und es sei für Laien kaum nachzuvollziehen, wofür man überhaupt bezahle.

Die Organisation bat daraufhin das IAM, einen wissenschaftlichen Bericht darüber anzufertigen, wie der Durchschnittsschweizer diese Rechnungen liest und wie viel er davon versteht. Felix Steiner wurde damit betraut; und sein Bericht fiel – wenig überraschend – eindeutig aus: Die Arztrechnungen sind für die meisten Normalos unverständlich. Dass es sich beispielsweise bei einer Applanationstonometrie um eine Augenuntersuchung handelt, gehört offensichtlich nicht zum Allgemeinwissen.

«Es ist doch paradox, dass wir die Protokolle über unsere Gesundheit, also die Zeugnisse unseres innersten Selbst, selber kaum verstehen.» Für Steiner war nach der Beschäftigung mit der Thematik rasch klar, dass er dazu beitragen will, dass sich die Situation für die Patienten verbessert. Gemeinsam mit der SUVA hat sich eine Forschungsgruppe der ZHAW deshalb in den letzten fünf Jahren des Problems angenommen.

Stundenlang an geeigneter Übersetzung gefeilt

In unzähligen Stunden Fleissarbeit haben rund 10 Linguistiker jahrelang an «Übersetzungen» des Mediziner-Lateins gefeilt. Unterstützt wurden sie finanziell von der SUVA und technisch von der Firma Elca, welche eine Übersetzungssoftware dazu entwickelte. Das Ergebnis: 95 % der Arztrechnungen können mittlerweile in Windeseile digital «übersetzt» werden – wahlweise auf Deutsch, Französisch, Italienisch oder Englisch.

Steiners Vision sieht vor, dass in nicht allzu ferner Zukunft jeder Patient nach der Behandlung selbst entscheiden kann, in welcher (in der bisherigen, fachsprachlichen Tarmed-Form oder in der neu entwickelten, verständlichen) Version Arztrechnungen ausgestellt werden. Langfristig soll laut Steiner gar jeder Patient einen «übersetzten» Zugriff zu seiner eigenen Krankenakte erhalten. «Schliesslich ist die Gesundheit unser höchstes Gut. Wo, wenn nicht hier, sollte absolute Transparenz herrschen?», fragt er.

Eine App als Zwischenlösung

Bis es soweit ist, dauert es aber noch ein Weile. Das neue System hat diverse politische, technische und wirtschaftliche Hürden zu überstehen, bis es dereinst Standard in jedem Spital, jeder Physio- und jeder Arztpraxis werden soll. In der Zwischenzeit soll eine App Abhilfe schaffen, die kommendes Jahr erscheinen soll.

«Auf die Idee sind wir während der Arbeit am Projekt gekommen», berichtet Steiner. Sie wurde weiterverfolgt und steht nun kurz vor der Vollendung. Mittels Smartphone können damit fotografierte Tarmed-Arztrechnungen «übersetzt» werden. «So sorgen wir dafür, dass unser System den Patienten schon bald einen Mehrwert bietet und treffen darüber hinaus auch noch den aktuellen Zeitgeist.»

Es kommt immer wieder vor, dass falsche Positionen auf Arztrechnungen erscheinen. Diese Missstände werden heute kaum behoben.

Der Winterthurer ist sich sicher, dass das Projekt der ZHAW auch in der Politik und in der Wirtschaft Anklang findet. Denn schliesslich soll damit nicht nur Transparenz, sondern auch Kontrolle ermöglicht werden. Ob bewusst oder unbewusst kommt es heute immer wieder vor, dass falsche Positionen auf Arztrechnungen erscheinen. Weil der Patient bislang die Rechnung kaum versteht und die Versicherung nicht wissen kann, was tatsächlich untersucht wurde, werden diese Missstände in den seltensten Fällen behoben. Dank des Projekts der ZHAW könnte sich dies in Zukunft ändern. Womit Steiner und sein Team auch einen Beitrag dazu leisten würden, die Kostenexplosion im Gesundheitswesen etwas zu bremsen.

Vorrangiges Ziel ist dies allerdings nicht. «In erster Linie wollen wir eine Stimme für die Patienten sein, die zwischen den mächtigen Lobbys von Versicherungen, Pharma-Industrie und Ärzteschaft manchmal etwas untergehen.» Steiner selbst hat dank der Arbeit am Projekt mittlerweile ziemlich gut gelernt die Sprache der Ärzte zu verstehen. Das Resultat daraus soll dies bald vielen weiteren ermöglichen – etwa Jungen wie dem kleinen Felix.

Erstellt: 19.10.2016, 12:34 Uhr

Status quo - Tarmed

Seit 2004 rechnen Ärztinnen und Ärzte nach dem Tarifsystem Tarmed (hergeleitet aus tarif médical) ab. Es umfasst mit mehr als 4000 Positionen fast alle ärztlichen und arztnahen Leistungen in der Arztpraxis und im ambulanten Spitalbereich. Der Tarif legt fest, wie viel ein Arzt für eine bestimmte Leistung in Rechnung stellen darf. Jeder Leistung ist je nach zeitlichem Aufwand, Schwierigkeit und erforderlicher Infrastruktur eine bestimmte Anzahl von Taxpunkten zugeordnet. Bei Tarmed geht es um viel Geld. Die Bewertung der einzelnen Positionen ist daher immer wieder Thema der Politik. Im Moment führt der Bundesrat Gespräche mit Tarifpartnern, um sich auf eine neue Tarifstruktur zu einigen.

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