Winterthur

«Entweder wir ändern uns, oder wir sterben aus»

Renato Pichler ist seit 25 Jahren Veganer und Präsident von Swissveg. Die Organisation mit Sitz in Wülflingen setzt sich für die Interessen der Vegetarier und Veganer ein.

Seit 25 Jahren Veganer: Präsident Renato Pichler im Büro von Swissveg in Wülflingen.

Seit 25 Jahren Veganer: Präsident Renato Pichler im Büro von Swissveg in Wülflingen. Bild: Madeleine Schoder

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Swissveg gibt es nun seit 25 Jahren. Wie reagierten die Menschen auf euch?
Renato Pichler: Wir machten damals Standaktionen, zum Beispiel in Zürich. Viele Menschen fühlten sich durch unseren Vegetarismus persönlich angegriffen, kamen auf uns zu und beschimpften uns. Heute hat sich das verschoben. Wurden damals die ­Vegetarier angegriffen, sind es nun die Veganer. Und heute sind unsere lautesten Gegner Leute, die finanziell abhängig sind von der ganzen Massentierhaltungsindustrie.

Also zum Beispiel Bauern?
Auch, und Fleischverarbeiter. Die mögen es nicht, wenn wir sagen, sie müssen umdenken. Wir arbeiten aber mit genau diesen auch zusammen, damit sie sich ein neues Standbein aufbauen können. Wir wollen ja auch nicht, dass sie arbeitslos werden. Viele Fleischalternativen werden von Fleischverarbeitern hergestellt. Die Maschinen, um etwa vegane Würste zuzubereiten, haben sie ja bereits. Ich kenne spontan keinen Fleischverarbeiter in der Schweiz, der nicht schon auf diesen Zug aufgesprungen ist.

«Durch die  Subventionen sind Milch und Fleisch viel zu billig.»Renato Pichler,
Swissveg-Präsident

Hat sich der Zweck eurer Arbeit verändert?
Als wir vor 25 Jahren begannen, gab es noch kaum Veganer, zumindest keine, die offen dazu standen. Dazumal kam der Vegetarismus erst gerade auf. Wir begannen mit nichts und arbeiteten ehrenamtlich. Wir waren einfach ein kleines Grüppchen Gleichgesinnter, quasi eine Selbsthilfeorganisation. (lacht) Man tauschte sich aus: Wo bekomme ich ­Tofu? Das braucht es heute zum Glück nicht mehr.

Was steht heute im Zentrum?
Jetzt machen wir vor allem Lobbyarbeit, organisieren vegane Grossevents, versuchen Gesetzestexte zu beeinflussen und kontrollieren die Deklarationen in den Supermärkten. Wir setzen uns für die Anliegen der Vege­tarier und Veganer ein, denn die kamen bis jetzt immer ein wenig unter die Räder. Es gibt ja etwa gleich viele Vegetarier in der Schweiz wie Bauern. Aber die Letzteren sind viel besser organisiert, darum haben sie viel mehr Einfluss in Bern. Praktisch alle Gesetze bezüglich Landwirtschaft und Ernährung sind ja auf die Bauern abgestimmt, damit sie genügend Subventionen bekommen. Das sind dreieinhalb Milliarden im Jahr, und fast alles für Fleisch und Milchproduktion. Ein Gemüsebauer bekommt sehr wenig, auch die Biobauern kämpfen ums Überleben.

Wollt ihr das ändern?
Ja, das ist eines unserer Hauptanliegen. Im Laden sieht man, wo die Subventionen hinfliessen. Gemüse ist viel zu teuer, Milchprodukte und Fleisch sind viel billiger, als sie eigentlich wären, wenn wir normale Marktwirtschaft hätten, weil sie durch Steuergelder so verbilligt werden. Dasselbe sieht man bei den Fleischalternativen, die aus Getreide oder Soja hergestellt werden, eigentlich müssten sie viel billiger sein als Fleisch. Das ist unfair. Uns geht es daher in erster Linie mal darum, dass Fleisch nicht künstlich verbilligt wird.

Und wenn ich nur Biofleisch konsumiere?
Das sagt etwa jeder zweite an unseren Infoständen. Aber es stimmt einfach nicht. Ich sehe ja die Umsatzzahlen. Die Leute reden sich ein, dass sie immer Biofleisch essen, wenn sie es einmal im Monat kaufen. Sobald sie aber auswärts essen gehen, bei Freunden, im Restaurant, in der Kan­tine, machen sie Ausnahmen. Ausserdem sind Tierfabrikprodukte überall drin, etwa Gelatine in Desserts oder in fast jedem klaren Süssmost, dessen Trübstoffe mithilfe von Gelatine entfernt werden. Einige Pommes Chips enthalten sogar Rinderextrakt für den Geschmack, und für manche Brote werden Schweineborsten als Teigführungsmittel verwendet.

Ist euer Ziel die vegane Revo­lution?
Das ist das erste Hauptziel, ja.

Ist das realistisch?
Ja. Eigentlich gibt es ja nur zwei Varianten: Entweder wir sterben aus, oder wir ändern uns. Denn wir haben riesige, gravierende Probleme auf allen Ebenen durch den Fleischkonsum. Der Klimawandel wird immer schlimmer, wir verpesten die Luft mit Ammoniak- und Methangas der Massentierhaltung und verseuchen die Gewässer mit Nitrat. Machen wir so weiter, sind die Weltmeere bis 2050 leer gefischt. Bald wird das Land knapp, um ­alle unsere Tiere zu füttern, die wir aufessen. Dann müssen wir uns fragen: Wollen wir viele verhungern lassen, damit die Einwohner der Industriestaaten weiter Fleisch essen können? Oder stellen wir auf vegane Ernährung um?

«Wir brauchen keine tierischen Produkte, um gesund zu leben.»Renato Pichler,
Swissveg-Präsident

Das tönt nicht gerade optimistisch. Ist es manchmal frustrierend, Veganer zu sein?
Es gibt schon einige, die frustriert sind. Schliesslich beschäftigen wir uns mit den Horrorbildern der Massentierindustrie, und diejenigen, die es eigentlich angeht, verschliessen die Augen davor. Man steht dann im Supermarkt und sieht, wie alle Leute billigstes Fleisch kaufen. Aber schlussendlich hilft frustriert sein rein gar nichts. Was hilft, sind konkrete Massnahmen wie etwa das V-Label, das wir 1996 gegründet haben und das heute international verwendet wird.

Viele Schweizer haben immer noch ein sehr positiv besetztes Bild von Fleisch und Milch­produkten. Wieso?
Das liegt sicher auch an der Werbung der Produzenten, die wir teils mit unseren Steuergeldern bezahlen. Viele Schweizer denken immer noch, ohne Fleisch fehle einem die Kraft und Milch sei lebensnotwendig und gesund. Dabei essen wir viel zu viele Milchprodukte. Fakt ist: Wir brauchen tierische Produkte nicht, um gesund zu leben.

Überhaupt nicht?
Nein, das Einzige, was bei einer rein veganen Ernährung fehlt, ist das Vitamin B12. Das hat aber mit der Hygiene heutzutage zu tun. Unsere Produkte sind alle so rein, dass ihnen die Bakterien fehlen. Und nur diese können B12 herstellen. Bei der Massentierhaltung ist es dasselbe, daher wird den Tieren nun B12 ins Futter gemischt, das nehmen wir durchs Fleisch dann auf. Dieser Umweg wäre aber gar nicht nötig.

Sie wohnen in Winterthur, wo gehen Sie essen?
Im Tibits oder im Tofulino, wo es auch sehr feine Mittagsmenüs gibt.

Gleichzeitig machen in Winterthur neben Burgerrestaurants zwei Chickerias oder Frisk Fisk auf. Was sagen Sie dazu?
Das stimmt, gerade beim Hühnerfleisch sieht man auch in der Statistik, dass der Konsum in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Die Leute haben anscheinend bemerkt, dass rotes Fleisch nicht unbedingt gesund ist, und weichen aus. Wir haben daher neu eine Kampagne am Laufen, die über die Gefahren von Hühnerfleisch aufklärt. So sind drei von vier Schweizer Poulets mit antibiotikaresistenten Keimen belastet. Und die Hühner sind so überzüchtet, dass sie heute fünfmal mehr wiegen als vor 60 Jahren.

(Der Landbote)

Erstellt: 31.08.2018, 12:08 Uhr

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