Theater Winterthur

Er liebt Blumensträusse, Opern und Zahlen

Seit August ist János Blum Verwaltungsratspräsident der Theater AG. Im Gespräch entpuppt er sich durch und durch als Kulturmensch.

János Blum ist ZKB Vizepräsident und wird Verwaltungspräsident der neugegründeten Theater Winterthur AG.

János Blum ist ZKB Vizepräsident und wird Verwaltungspräsident der neugegründeten Theater Winterthur AG. Bild: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man muss sich das vorstellen: 1962, der fünfjährige János lebt mit seiner Familie in einer Strasse in der Budapester Innenstadt, schräg gegenüber des Opernhauses. János darf oft im traditionsreichen Musikpalast einer Opernaufführung beiwohnen, zum Beispiel Mozarts «Zauberflöte». Denn der Dirigent ist sein Vater. Am selben Dirigentenpult standen einst der österreichische Komponist Gustav Mahler sowie in den 1940er Jahren Otto Klemperer.

Blum sitzt in seinem Büro oben im fünften Stock der Zürcher Kantonalbank an der Bahnhofstrasse. Er ist Mitglied des dreiköpfigen Präsidiums der ZKB und zugleich Vizepräsident der Bank. Hinter dem Besprechungstisch hängt ein Kunstwerk. Schon während der Fotograf seine Bilder schiesst, kommt die Rede darauf. Das Werk besteht aus bunten Plexiglasplatten. Es stammt vom Zürcher Künstler Christoph Haerle, der auch den leuchtend rosa Brunnen vor dem Neubau der Kantonsschule Büelrain in Winterthur geschaffen hat.

«Für die Musik hast du zu wenig Talent.»Der Vater zu seinem Sohn János

Blum ist Präsident der ZKB-Kunstkommission. «Die ZKB schafft nur Werke von Menschen an mit einem Bezug zum Kanton Zürich», sagt er. Dann zeigt er, wie Haerles Werk entstanden ist. Es ist ein ultrastark verpixelter Blumenstrauss. Bildende Kunst, Musik und Theater: «Das interessiert mich alles gleichzeitig», sagt Blum. Noch als Jugendlicher in Budapest ging Blum oft auch ins Theater. Seit dem 1. August ist der 62-Jährige nun Verwaltungsratspräsident des Theaters Winterthur.

Zahlen statt Noten

Bereits in Budapest konfrontierte ihn sein Vater, der Operndirigent, ganz unverblümt mit einem Verdikt: «Für die Musik hast du zu wenig Talent.» Dafür glänzte János in einem anderen Fach. Er zeigte Begabung für die Zahlenlehre. Nicht nur rein fachlich gibt es Berührungspunkte zwischen Musik und Mathematik. Für manche Menschen haben Zahlen und Formeln einen musikalischen Klang. Spätestens seit es den Zauberwürfel von Ern? Rubik gibt, gelten die Ungarn als mathematisch besonders talentiert. Blum erklärt, weshalb mehr dahinter steht als nur ein Klischee: «Mathematik hat in Ungarn eine grosse Tradition. Der Unterricht war hervorragend».

«Wir mussten bei null anfangen und haben am Anfang Ravioli aus der Dose gegessen»

Im ehemals sowjetischen Ostblock, zu dem Ungarn gehörte, seien die Naturwissenschaften stark gefördert worden, ähnlich wie der Spitzensport. Später steuerte Blum eine akademische Laufbahn als Mathematiker an der ETH Zürich an. Doch Ende der 1980er Jahren wechselte er in die Versicherungsmathematik und arbeitete vor allem für Rückversicherungen, also für die Versicherungen von Versicherungen. Neben Kultur und Mathematik ist die Wirtschaft das dritte Standbein von Blums Laufbahn. Er durchlief ein Zweitstudium im Fach Volkswirtschaft an der Universität St. Gallen.

Frust und Freiheit

Blum kam als Flüchtling mit seiner Familie in die Schweiz. «Das war ein Kulturschock», sagt er heute. Aus der Budapester Innenstadt gelangte die Familie 1972 in eine Göhner-Wohnung in Mönchaltdorf. Zürich mit seiner Kulturszene war damals von dort aus nur über eine längere Bahnfahrt zu erreichen. «Wir haben viel zurück gelassen in Budapest», sagt Blum. Er fühlte sich damals fremd, hatte keine Freunde, sprach kaum Deutsch. Die Familie hatte kein soziales Umfeld. «Wir mussten bei null anfangen und haben am Anfang Ravioli aus der Dose gegessen», sagt Blum. Dennoch hat er die Flucht seiner Familie nie bereut.

Aus Ungarn durfte Blums Vater als Angehöriger der kulturellen Elite gelegentlich ins Ausland reisen. János bekam sogar die Erlaubnis, einmal nach Paris zu fahren. So eindrücklich für ihn als Jugendlicher die Reise in diese Stadt war, so stimmte sie ihn auch wehmütig. «Ich dachte, es wäre das letzte Mal in meinem Leben, dass ich Paris sehen werde.»

Der neue Verwaltungspräsident der Theater Winterthur AG, János Blum, will jüngeres Publikum anziehen. Bild: mad

Nach der Flucht war das anders. Von der Schweiz aus konnte man überall hinfahren, mindestens theoretisch. Das Gefühl der Freiheit war einmalig und neu. In Zürich arbeitete der Vater wenige Wochen nach der Ankunft wieder an der Oper. Künstlerisch unterschied sich dieses Opernhaus völlig von demjenigen in Budapest. Dort gab es ein festes Ensemble. Es übte lange für eine Aufführung und brachte dann meist auf hohem Niveau einen Klassiker auf die Bühne. Eben zum Beispiel die «Zauberflöte». In Zürich traten häufig Stars aus dem Ausland auf. Das sorgte für Abwechslung.

Theater verjüngen

Blum wird sich als erster Verwaltungsratspräsident der neu gegründeten Theater Winterthur AG mit Fragen der generellen Ausrichtung befassen müssen. Das Programm gestaltet nach wie vor die künstlerische Leitung der grössten Bühne der Stadt. «Es gibt hier eine klare Aufgabentrennung», sagt Blum. «Ich bin ja auch kein Theaterprofi». In der Zukunft gebe es aber grosse Aufgaben anzupacken, die den Verwaltungsrat fordern. Das bürgerliche Theater mit seinem klassischen Repertoire sterbe langsam. «Ich sehe es als strategisches Ziel, das Theaterpublikum zu verjüngen», sagt Blum. Es schwebt ihm vor, das Theater offen und zugänglich zu machen und Eintrittshürden zu beseitigen. Dazu gehören Formalitäten wie der ungeschriebene Kleidungszwang, der Gong, der in den Theatersaal ruft, das Türenschliessen danach und die absolute Ruhe. Doch vorderhand sind das Gedankenspiele.

Die Stadt Winterthur hat das Theater nicht zuletzt aus der Verwaltung ausgegliedert, damit es eine unabhängige Aktiengesellschaft Sponsoren suchen kann. Das ist Aufgabe der Geschäftsleitung, nicht des Verwaltungsrats. Die neue Geschäftsleitung nimmt ihre Arbeit am 1. November auf. Blum schliesst derzeit aus, dass die Zürcher Kantonalbank zu den neuen Sponsoren gehören wird. «Das Theater Winterthur ist ein Gastspieltheater. Die ZKB jedoch fördert lokales Schaffen», sagt er. Ein anderer grosser Brocken wird den Verwaltungsrat allerdings schon bald beschäftigen. Das markante Theatergebäude am Stadtgarten braucht ebenfalls dringend eine Verjüngung, sprich Renovation. Es wurde vor 40 Jahren eröffnet. Zur Eröffnung wurde die «Zauberflöte» gespielt.

Erstellt: 18.10.2019, 10:33 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles